Nine-Christine Müller ist in einem Land geboren, das es nicht mehr gibt. Ihre rosa schimmernde Geburtsurkunde erinnert die 37-Jährige daran. Doch es ist nicht nur ein Stück Papier, an dem sich ihre DDR-Wurzeln zeigen.Sie kommt aus dem thüringischen Eisenberg, einer Stadt zwischen Jena und Gera. Dort wächst sie mit drei Geschwistern auf – und mit Beginn ihrer Jugend ohne Vater. Nachdem sich ihre Eltern Anfang der Nullerjahre getrennt hatten, kümmerte sich ihre Mutter allein um die vier Kinder, erzählt Nine Müller. Unterhalt zahlt der Vater keinen, klagen will die Mutter nicht.Obwohl sie wenig Geld haben, nimmt sie sich nie als arm wahr, sagt sie. In ihrem Umfeld geht es damals fast allen so wie ihrer Familie: Wirklich wohlhabende Menschen kennt sie kaum.Zum Studieren geht Nine Müller später nach Dresden. Die meisten anderen Städte kann sie sich nicht leisten. Sie habe sehr viel gearbeitet, meist mehrere Nebenjobs zugleich gehabt, sagt sie. Während sie dafür im Osten 4,50 Euro die Stunde bekam, gab es bei Messen im Westen schon mal 12,50 Euro. Nine-Christine Müller: Obwohl sie wenig hatten, hat sie sich nie als arm wahrgenommen. © PR/Dmytro Guk Dass die Ausgangsbedingungen für andere Menschen ganz anders sind, merkt sie dann so richtig, als sie nach dem Studium nach Berlin zieht. Dort begegnet sie Menschen, die „diesen Stress nicht hatten“, sondern „viel gechillt“ haben. „Weil sie wussten, sie kriegen safe die Eigentumswohnung ihrer Eltern in Prenzl’berg.“Nine Müller rechnet hingegen nicht damit, zu erben. Ihre Großeltern mütterlicherseits seien nach dem Krieg aus Schlesien geflüchtet und hätten es immer schwer gehabt, durchzukommen. Ihr Opa väterlicherseits sei zwar wohlhabend gewesen, doch als er starb, hätten sie und ihre Geschwister keinen Anspruch auf sein Erbe erhoben. Denn Kontakt zu ihrem Vater habe sie seit der Trennung ihrer Eltern nicht. Und von ihm „würde ich höchstens einen Schuldenberg erben“, sagt sie.Einzig das Haus ihrer Mutter hat einen gewissen Wert. Doch seien sie und ihre Geschwister sich einig, dass das die Altersvorsorge ihrer Mutter sein soll. Das Haus sei zudem „in the middle of nowhere“ – und nach Thüringen zurückziehen wolle sie nicht. „Im Speckgürtel von Gera ist nicht viel.“ Überhaupt habe sie ein „hartes Fremdheitsgefühl, wenn ich nach Hause fahre“.Ihre Geschichte steht stellvertretend für viele Menschen in Ostdeutschland – Menschen, die wenig haben und wenig erben werden. Weniger als zwei Prozent Anteil haben die ostdeutschen Bundesländer am Erbschafts- und Schenkungssteueraufkommen.Empfohlener redaktioneller Inhalt An dieser Stelle finden Sie einen von unseren Redakteuren ausgewählten, externen Inhalt, der den Artikel für Sie mit zusätzlichen Informationen anreichert. Sie können sich hier den externen Inhalt mit einem Klick anzeigen lassen oder wieder ausblenden. Externen Inhalt anzeigen Ich bin damit einverstanden, dass mir der externe Inhalt angezeigt wird. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr Informationen dazu erhalten Sie in den Datenschutz-Einstellungen. Diese finden Sie ganz unten auf unserer Seite im Footer, sodass Sie Ihre Einstellungen jederzeit verwalten oder widerrufen können. Wie Daten des Statistischen Bundesamts zeigen, lagen die Erbschaftsteuereinnahmen in Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt 2025 bei rund 29 Millionen Euro. In Thüringen waren es mit knapp 38 Millionen Euro kaum mehr. Und auch in den wirtschaftlich inzwischen aufholenden Ostländern Brandenburg und Sachsen fielen die Einnahmen mit je etwa 99 Millionen Euro überschaubar aus.Zum Vergleich: In Bayern waren es mehr als 6,6 Milliarden, in Nordrhein-Westfalen mehr als 2,5 Milliarden und in Baden-Württemberg knapp 1,5 Milliarden Euro.Das Bild zieht sich durch die vergangenen 25 Jahre, sagt Markus Grabka vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung. Der Experte für Einkommens- und Vermögensverteilung kann keinen klaren Aufholprozess erkennen. Die historischen Gründe Das ist hauptsächlich historisch bedingt. In der sozialistischen DDR propagierte die Staatselite Volkseigentum als Ziel. Privaten Vermögensaufbau hatte die Zentralverwaltungswirtschaft nicht vorgesehen. Immobilien zu bekommen, war kaum möglich. Meist konnten DDR-Bürger nur Nutzungsrechte für ein Grundstück erwerben. Betriebs- oder Aktienbesitz gab es ebenfalls kaum. Der Staat enteignete Unternehmer regelmäßig.Das Entscheidende ist, dass Betriebsvermögen bis heute eine weit geringere Rolle spielt als im Westen.Markus Grabka vom Deutschen Institut für WirtschaftsforschungViele frühere DDR-Bürger starteten nach der Einheit also schon mit wenig Vermögenswerten. Der Transformationsprozess in den Nachwendejahren machte es den meisten dann nicht leichter.„Das Entscheidende ist aber, dass Betriebsvermögen bis heute eine weit geringere Rolle spielt als im Westen“, sagt Grabka. Und, dass der Osten historisch bedingt beim Immobilienbesitz hinterherhinkt. Nach Angaben der Bundesbank waren 2023 in den westdeutschen Bundesländern 45 Prozent der Bevölkerung Eigentümer, in den ostdeutschen nur 29 Prozent.Viele Immobilien, gerade auf dem Land, seien im Schnitt außerdem viel weniger wert. „Das sind dann Fälle, die gar nicht erst steuerpflichtig werden und somit nicht in der Statistik auftauchen“, sagt Grabka. Ähnlich große Lücke beim Nettovermögen Ähnlich groß ist die Lücke bei den Nettovermögen. Während der Median laut Zahlen der Bundesbank von 2023 im Osten bei 35.900 Euro lag, war er im Westen bei 143.200 Euro. Auch wenn dort ebenfalls ein Gefälle zu sehen ist: Die süddeutschen Bundesländer erreichten mit einem Median des Nettovermögens von 188.800 Euro einen deutlich höheren Wert. Der Median – also die Mitte der Verteilung – gilt als aussagekräftiger als der Mittelwert, weil er nicht durch einzelne Ausreißer verzerrt wird.Das Vermögensgefälle erlebt der gebürtige Ostberliner Jörn Brien auch in Österreich. „Hier in Wien erzählen die Leute gern, dass sie in ihr Wochenendhaus fahren. Das kannte ich aus meinem Bekanntenkreis in Ostberlin nicht“, erzählt er.Der 48-Jährige, der wegen seiner Frau nach Wien gezogen ist, hat weder ein Haus noch größere Rücklagen, höchstens ein kleines „Sicherheitskissen“, sagt er. Ein erheblicher Teil seines Geldes fließt zudem in seine Leidenschaftsprojekte, die Musik und den Blog „D.R.O.B. – Die Demokratische Republik Ost Berlin“. Wenn er sich seine Familienverhältnisse anschaut, erwartet er auch nicht, groß was zu erben.Gleichzeitig gebe es frühere Klassenkameraden im Osten, die nach der Einheit den Mut gefasst hätten, einen Kredit aufzunehmen und sich ein Haus zu bauen. „Es ist ja nicht so, dass alle extrem mittellos wären“, sagt Brien. Zwar in einem anderen Umfang, doch es habe nach der Wiedervereinigung Möglichkeiten gegeben, sich etwas aufzubauen.Als Kind und Jugendlicher sei er mit dem Bild aufgewachsen, dass im „Westen“ alles schön, bunt und reich sei. „Und wenn man nie rauskommt, verändert sich dieser Blick vielleicht auch nicht.“ Armut gibt es überall Die Schere zwischen Arm und Reich verläuft freilich nicht zwischen Ost und West. Der aktuelle Armutsbericht des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes kam Anfang Juni zu dem Ergebnis, dass mehr als 13 Millionen Menschen im Land armutsgefährdet sind. Das entspricht 16,1 Prozent der Bevölkerung.Und unter den am stärksten betroffenen Bundesländern ist zwar mit einer Armutsquote von 21,3 Prozent auch Sachsen-Anhalt. Doch an der Spitze steht Bremen mit 27,5 Prozent.Längerfristig gesehen habe sich der Arbeitsmarkt in beiden Landesteilen trotzdem gut entwickelt, sagt Grabka. Gerade von der Anhebung des Mindestlohns habe der Osten stärker profitiert, weil das Lohnniveau niedriger ist. „Häufig reicht das aus, um der Armutsrisikoschwelle zu entgehen.“In den unteren Lohngruppen sei nun eine Annäherung zu beobachten. Da gebe es kaum mehr Unterschiede zwischen Ost und West, sagt Grabka. Eher bei den Topqualifizierten, weil größere Firmensitze im Osten viel seltener sind als im Westen.Das ist ja nichts, was man politisch easy adressieren kann, aber gute Visionen, wie man in ein paar Generationen Veränderungen schaffen kann, wären schon wichtig.Nine-Christine Müller über die VermögensungleichheitAuch wenn sich die Löhne vielfach angleichen, lassen sich die Vermögensverhältnisse nicht so schnell ändern. 40 Jahre Sozialismus könne man nicht in einer Generation ausgleichen, sagt Nine Müller.Sie empfinde das nicht als Ungerechtigkeit, sondern als eine Realität, über die man sprechen müsse, ohne deshalb jemanden anzuklagen. „Das ist ja nichts, was man politisch easy adressieren kann, aber gute Visionen, wie man in ein paar Generationen Veränderungen schaffen kann, wären schon wichtig“, sagt sie. Man dürfe nicht unterschätzen, dass diese Ungleichheit sehr viel Unzufriedenheit hervorrufe.Wissenschaftler Grabka schlägt dem Bund vor, wieder eine Eigenheimzulage einzuführen, wie es sie zwischen 1996 und 2005 schon einmal gab. Damals förderte der Staat den Bau eines Hauses oder den Kauf von Wohnungen, die Eigentümer selbst nutzen wollten. „Das wäre vor allem bei niedrigen Immobilienpreisen in ländlicheren Regionen von Vorteil“, sagt Grabka. Und die Eigentümerquote sei gerade in der Fläche im Osten geringer.Brien findet die Idee gut, hofft allerdings auch, dass der Osten aus sich heraus eine Stärke entwickelt und sich nicht zum Opfer machen lässt. „Als Jugendlicher war ich neidisch und wäre gern Millionär geworden. So wie es die Prinzen vorgesungen haben“, sagt Brien. Das empfinde er heute nicht mehr so. „Aber klar, vieles würde leichter fallen, wenn man ein größeres Polster hätte.“Für Nine Müller ist es auch eine Kopfsache. „Lebe ich in einer Problemregion oder in einem Gestaltungsraum? Je nachdem, wie man das wahrnimmt, ändert das die Herangehensweise.“ In ihrem Podcast „Ostwärts“ erzählt sie am liebsten die Geschichten von Menschen, die im Osten etwas bewegen, aber kaum gesehen werden.Für sich selbst sorge sie seit Jahren vor und habe auch deshalb immer so viel gearbeitet, weil sie „weiß, wie scheiße es ist, keine Kohle zu haben“. Zugleich sind ihr die Grenzen klar. Sich mal eine Eigentumswohnung leisten können? Daran glaubt sie im Moment nicht mehr.Korrekturhinweis: Die Zahlen zu den Erbschaftsteuereinnahmen je Bundesland waren wegen eines Umrechnungsfehlers in einer früheren Version des Textes zu niedrig angegeben. Wir haben die Stelle angepasst – und bitten, den Fehler zu entschuldigen.
„Als Jugendlicher war ich neidisch“: Wie Ostdeutsche die Ungleichheit beim Erben empfinden
Der Anteil, den Ostdeutsche am Erbschaftsteueraufkommen haben, ist verschwindend gering. Darin zeigt sich der lange Schatten der DDR. Menschen aus dem Osten erzählen, was das mit ihnen macht.









