Diese Zahl ist ungeheuerlich und steht für eine Katastrophe: 3,7 Millionen Ostdeutsche, überwiegend jung und gut ausgebildet, sind seit 1991 in den Westen gezogen; wer weiß, wie viele in der Schweiz, den USA oder Großbritannien landeten. Der Verlust ist nicht zu messen, denn sie nahmen Wissen, Erfahrung, Kreativität und Arbeitsfreude mit. Ihre Kinder wurden woanders geboren, die Enkel kommen in Stuttgart, Münster oder Basel zur Welt statt in Dippoldiswalde, Demmin oder Eisenach. Schön für all jene, die millionenfach in der DDR akkumulierte Werte geschenkt bekamen.

Kerstin Schreiber, geboren 1954 in Karl-Marx-Stadt, hatte an der Technischen Hochschule ihrer Geburtsstadt Wirtschaftswissenschaften studiert, promoviert und sechs Jahre in Moskau im Bereich Textilmaschinenexport gearbeitet. Mit zwei Kindern und ihrem Mann, einem Diplomaten, kam sie Mitte 1990 zurück in die sächsische Heimat – voll mit Wissen, Erfahrungen, Sprachkenntnis – und erlebte, was vielen Hunderttausenden widerfuhr: Zurückweisung durch die neuen Herrschaften, Geringschätzung, ja Negierung der Fachkenntnisse bis hin zur Aberkennung der bisherigen Lebensleistung.

Lebensgeschichte: Als Ostfrau im Westen den Weg finden

Im Alter von 37 Jahren startete sie eine jahrelange, hartnäckige Suche und fand den Neuanfang – im Westen. Als hoch anerkannte, über mehr als zwei Jahrzehnte erfolgreich tätige Professorin ging sie 2020 nach einer guten Zeit an der Hochschule Hildesheim/Holzminden/Göttingen (HAWK), wo sie Studenten der Forstwirtschaft und des Wirtschaftsingenieurwesens mit betriebswirtschaftlichem Wissen versorgte, in den Ruhestand.