Was sich nach der Wende im Osten abspielte, ist historisch beispiellos. Von heute auf morgen war die Verunsicherung so groß, dass die Zahl der Geburten innerhalb weniger Jahre um mehr als die Hälfte einbrach. Das gab es so nicht einmal während des Zweiten Weltkriegs. Im Jahr 1990 wurden in Ostdeutschland noch 179.000 Kinder geboren. Im Jahr 1994 waren es 100.000 weniger.

Die Axt an die Hochschulen

Das war ein demografischer Aderlass sondergleichen. Darauf folgte der organisierte Niedergang staatlicher Strukturen. Zunächst wurde ungefähr die Hälfte aller Kitas geschlossen, wenige Jahre später ungefähr die Hälfte aller Schulen. Und ein paar Jahre später wurde die Axt an die Hochschulen angelegt.

In Sachen Strukturanpassung hat der Osten dem Westen daher einiges voraus. Er zeigt ihm schon seit Jahrzehnten seine eigene Zukunft. Im Westen wird der Reformschmerz der Ossis als „Jammerei“ abgetan. Aber auch im Westen sind die Geburten rückläufig, nur langsamer. Mit ihm ist es wie mit dem Frosch, der in einem Glas voller Wasser sitzt, dessen Temperatur bis zum endgültigen Tod langsam ansteigt. Der Ossi wurde stattdessen von Anfang an in kochendes Wasser geworfen.

Der Rückbau von Strukturen fand im Osten nicht deshalb statt, weil das irgendjemand gut gefunden hätte. Es war einfach unvermeidlich. Weil zu wenige Kinder geboren wurden, verlor der Staat Geld und brauchte zugleich weniger Kitas, weniger Schulen und ungefähr 20 Jahre später auch weniger Studienplätze.