GastkommentarDaron AcemogluPatriotismus und Gleichheit – die Fussball-Weltmeisterschaften sind ein Antidot gegen den politischen ExtremismusDie multiethnische Zusammensetzung vieler Nationalmannschaften bei der WM 2026 zeigt, dass Nationalstolz und Zuwanderung bei gelungener Integration kein Widerspruch sein müssen. Extreme Linke und Rechte mögen das verneinen, doch es ist weitum gelebte Realität.03.07.2026, 05.30 Uhr5 LeseminutenMomente des Triumphs: Deniz Undav, türkisch-syrischer Sohn kurdisch-jesidischer Eltern.GettyAls der Fussballnationalspieler Deniz Undav in der Schlussphase des Spiels gegen Côte d’Ivoire für Deutschland zwei Tore erzielte und damit den 2:1-Sieg seiner Mannschaft sicherte, dürfte es schwer gewesen sein, deutsche Fans zu finden, die seine Leistung nicht überschwänglich gelobt hätten. Kaum jemand stiess sich daran, dass der türkisch-syrische Sohn kurdisch-jesidischer Eltern optisch nicht dem klassischen deutschen Typus entspricht. Er bescherte der deutschen Mannschaft einen Triumph. Es zeigte sich darin ein weiteres Mal, warum König Fussball weltweit mehr Zuschauer anzieht als jede andere Sportart.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Als Figur steht Undav für eine Absage an die Obsessionen sowohl der extremen Rechten als auch der extremen Linken. Er und der Rest des deutschen Kaders sind der lebendige Beweis dafür, dass Menschen mit sehr unterschiedlicher Herkunft und unterschiedlichem Aussehen sich zu einem gemeinsamen Unterfangen zusammenfinden können, aus dem kollektiver Stolz entsteht. All diese Spieler zeigen, dass die (von Linken oft verspottete oder als altmodisch angesehene) Liebe zum eigenen Land und die (von den Rechten verabscheute) Aufnahme von Migranten nichts Unvereinbares sind.Die Begabung eines jedenDiese Erkenntnis beschränkt sich keineswegs auf die deutsche Nationalmannschaft. Die Fussball-Weltmeisterschaften lassen – selbst wenn sie nicht wie dieses Mal von drei Ländern gemeinsam ausgerichtet werden – regelmässig ethnisch gemischte Mannschaften vor einem Milliardenpublikum auflaufen. Jede Mannschaft, die ernsthaft gewinnen will, stellt Spieler auf, deren Familien erst eine oder zwei Generationen zuvor in das Land zugewandert sind, und die Begabung eines jeden löst patriotische Hoffnung und Freude aus.Auch im Sport verläuft Integration keineswegs so reibungslos, wie es der Jubel vermuten liesse.Ebendiese Kombination aus Vielfalt und Nationalstolz halten die politischen Extremisten linker wie rechter Couleur für undenkbar. In weiten Teilen der industrialisierten Welt wird die Politik bis in die Mitte hinein mittlerweile von Ängsten vor der Einwanderung kulturell und ethnisch unterschiedlicher Gruppen beherrscht, die mit ihrem massiven Auftreten für gesellschaftliche Unruhe sorgen. Ideen, die einst auf die Schmuddelecken des Internets beschränkt waren – wie die Theorie des «grossen Austauschs» und Forderungen nach «Remigration» –, werden inzwischen in seriösen Foren geäussert und debattiert.Eine aktuelle Umfrage ergab, dass 45 Prozent der Briten, 50 Prozent der Dänen, 51 Prozent der Franzosen, 53 Prozent der Deutschen, 51 Prozent der Italiener, 52 Prozent der Polen und 46 Prozent der Spanier ein Szenario unterstützen würden, in dem die Einwanderung gestoppt wird und viele der zuletzt Zugewanderten das Land verlassen müssen.Freilich bestehen keine Anhaltspunkte dafür, dass das extremste hypothetische Szenario – nämlich die zwangsweise Abschiebung von Einwanderern mittels Verfahren, die einer ethnischen Säuberung gleichkommen würden – breite Zustimmung finden würde. Es wird in diesem Feld zudem viel mit Übertreibungen gearbeitet. Doch selbst unter Berücksichtigung dieser Vorbehalte ist eine auffällige Kehrtwende gegenüber der Situation vor einem Jahrzehnt zu beobachten, als die Bevölkerungen in vielen dieser Länder Leute, die vor dem Krieg in Syrien und anderswo flohen, noch willkommen hiessen.Ein Grossteil der Linken hat währenddessen eine andere, aber ebenso beunruhigende Richtung eingeschlagen und betrachtet mittlerweile jedes Thema durch die Brille der Unterdrücker und der Unterdrückten. Nach dieser zugespitzten Sichtweise sind westliche Länder stets die Bösewichte, entsprechend verdient Patriotismus Misstrauen oder gar Verachtung. Dieser Wandel spiegelt sich in Statistiken. Laut Gallup sank der Anteil derjenigen US-Demokraten, die angaben, «extrem stolz» auf ihre amerikanische Identität zu sein, von mehr als 60 Prozent Anfang der nuller Jahre auf nur noch 22 Prozent im Jahr 2019 (er dürfte seitdem wieder etwas gestiegen sein).Ein Grossteil dieses Rückgangs fiel mit der ersten Amtszeit von Donald Trump zusammen. Dies weist darauf hin, dass sich in den besagten Zahlen eher die Unzufriedenheit mit der Regierung widerspiegelt und keine grundsätzliche Ablehnung der USA. Dennoch ist der zugrunde liegende Trend unverkennbar. Es ist kein Geheimnis, dass Diskussionen über Nationalstolz für viele Linke mittlerweile zutiefst peinlich sind – wenn nicht gar empörend.Es ist dies ein beunruhigender Trend, denn ohne das Fundament einer gemeinsamen nationalen Identität werden politische Massnahmen zur Unterstützung der Schwachen und Abgehängten von der Politik wahrscheinlich mit weniger Nachdruck vorangetrieben. Betroffen davon sind vorab Menschen ohne Hochschulabschluss oder höhere Zeugnisse – eine ethnisch vielfältige Gruppe, die seit mehreren Jahrzehnten in der gesamten industrialisierten Welt gegen den sozialen Abstieg kämpft.Nicht ohne WiderstandNatürlich ist der Profifussball nicht einfach das Spiegelbild der Gesellschaft. Eine Nationalmannschaft ist eine kleine, mit grosszügigen finanziellen Mitteln ausgestattete und intensiv betreute Gruppe, deren Mitglieder durch ein einziges, klar definiertes Ziel zusammengeschweisst werden. Ein Siegerteam aufzubauen, ist nicht dasselbe, wie die Integration grosser Bevölkerungsgruppen in den Wohnungsmarkt, das Bildungswesen und den Arbeitsmarkt zu bewerkstelligen.Und auch im Sport verläuft Integration keineswegs so reibungslos, wie es der Jubel vermuten liesse. Englands dunkelhäutige Spieler wurden nach der Niederlage im EM-Final 2020 mit rassistischen Beleidigungen überschüttet. Frankreichs «Bleus» werden immer wieder in Auseinandersetzungen darüber verwickelt, wer als wahrhaft französisch gelten darf, und die USA blicken in vielen Sportarten auf eine unschöne Geschichte des Rassismus zurück. Integration mag von der Mehrheit begrüsst und gefeiert werden, doch es gibt rückständige Kräfte, die sich lautstark dagegen zu Wort melden und die in Zeiten des algorithmisch gestützten Extremismus über unverhältnismässig grossen Einfluss verfügen. In diesem Sinne bilden sich im Sport dieselben kontroversen Muster ab, die auch in der Gesellschaft zu beobachten sind.Die Fussball-Weltmeisterschaft beweist keineswegs, dass Integration einfach ist. Sehr wohl aber bestätigt sie, was Extremisten gerne leugnen wollen: dass ethnische Integration und patriotischer Stolz durchaus miteinander vereinbar sind. Die meisten Fans, die mitverfolgen, wie ihre vielfarbige Mannschaft die Nationalflagge hochleben lässt, erleben beides, ohne gross darüber nachzudenken.Wenn Aktivisten der extremen Rechten und der extremen Linken bereit wären, sich auf diese Realität einzulassen und sich ein paar Spiele anzusehen, würden sie vielleicht auch entdecken, was die anderen bereits wissen: dass das stolze Bewusstsein von Vielfalt in nationaler Einheit eine sehr gute Voraussetzung dafür ist, auch auf dem Spielfeld zu den Siegern zu zählen.Daron Acemoglu ist Wirtschaftsnobelpreisträger des Jahres 2024, Institute Professor für Wirtschaftswissenschaften am MIT in Boston und Verfasser des (gemeinsam mit Simon Johnson geschriebenen) Buches «Macht und Fortschritt. Unser 1000-jähriges Ringen um Technologie und Wohlstand» (dt. 2023). – Aus dem Englischen von Helga Klinger-Groier. – Copyright Project Syndicate, 2026.8 KommentareKurt Heldmann 03.07.20262 EmpfehlungenBeachtenswert ist, dass das Problem ungeregelter Migration keines allein der Länder ist, in denen Weiße die indigene Bevölkerung darstellen. Kürzlich gab es in Südafrika große Demonstrationen gegen ungezügelte Migration. Auf den Bildern sieht man nur Schwarze.Erwin Dufner 03.07.20266 EmpfehlungenIch habe vor Herrn Acemoglu großen Respekt. Das Buch "warum Nationen scheitern, ist sehr gut.
Gleichheit und Patriotismus – die Fussball-WM als Antidot gegen den politischen Extremismus
Die multiethnische Zusammensetzung vieler Nationalmannschaften bei der WM 2026 zeigt, dass Nationalstolz und Zuwanderung bei gelungener Integration kein Widerspruch sein müssen. Extreme Linke und Rechte mögen das verneinen, doch es ist weitum gelebte Realität.










