Wenig Innovation, viele Tore – das ist der Fussball an der WM 2026Schon vor dem Final steht fest: Diese WM hat beim Zuschauen Spass gemacht. Allerdings hat dieses Turnier auch deutlich gemacht, dass nicht mehr nur das Spiel im Zentrum steht, sondern dass wie auch in der Politik Polemiken und Verschwörungstheorien Einzug halten.Simon Kuper, New York19.07.2026, 05.30 Uhr6 LeseminutenEine WM der Offensive: Seit 1970 fielen nicht mehr so viele Tore wie an diesem Turnier.Alex Grimm / GettyIch fühle mich alt und gerädert nach den 90-Stunden-Wochen, die ich während des gesamten Turniers beim Fliegen quer durch Nordamerika geleistet habe. Und da dies meine zehnte Weltmeisterschaft ist, bin ich auch abgeklärt. Ich war tagelang in amerikanischen Flughafenhotels untergebracht, in denen Gemüse ein Fremdwort ist.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Nun bin ich in New York, wo der Himmel so düster ist wie im London des 19. Jahrhunderts – wegen des Rauchs von Waldbränden, der die Kulisse für den Final am Sonntag bilden könnte. Dennoch habe ich den Fussball wirklich genossen. Warum? Und wohin entwickelt sich das Spiel, wenn man die Erkenntnisse dieses Turniers zugrunde legt?Spass gemacht hat es zum Teil wegen der vielen Tore: 2,92 pro Spiel bisher, der höchste Schnitt seit 1970 und eine deutliche Steigerung gegenüber den 2,3 Toren pro Partie bei den Weltmeisterschaften 2006 und 2010. Der absolute Tiefpunkt des Turniers (und von 10 000 Jahren menschlicher Zivilisation) war wohl die Schweiz gegen die Ukraine 2006 in Köln – ein 0:0 nach 120 Minuten.Eine vereinfachte Version des KlubfussballsDass mehr Tore fallen, liegt wohl zum Teil am neuen Trionda-Ball, der schneller zu fliegen scheint und Weitschüsse begünstigt (wie jener von Julián Álvarez für Argentinien gegen die Schweiz). Es hat aber auch mit der Spielweise der Mannschaften zu tun.Nicht, dass ihre Taktiken besonders innovativ wären. Da Nationalteams kaum zusammen trainieren, spielen sie eine vereinfachte Version des Klubfussballs.Der Schuss von Julian Alvarez (Nummer 9) fliegt zum 2:1 von Argentinien gegen die Schweiz ins Tor. Der neue Triona-Ball scheint schneller zu fliegen, was Weitschüsse begünstigt.Albert Gea / ReutersTatsächlich besteht der Matchplan von Teams mit Weltstars oft nur darin, den Star im Sturmzentrum an den Ball zu bringen. Das bringt Tore. So machten es Argentinien mit Leo Messi, England mit Jude Bellingham und Harry Kane und Norwegen mit Erling Haaland. Auf einen genialen Moment des eigenen Stars zu setzen, ergibt Sinn, da dieser es oft mit einem Team aus schwächeren Spielern und simplen Taktiken zu tun hat: Messi gegen Ägypten oder Kane gegen Kongo.Wenn es Taktik gibt, ist sie meist offensiv ausgerichtet. Hier folgt die WM den Innovationen des Klubfussballs. Häufig versuchen Torhüter und Verteidiger, sich spielerisch aus dem eigenen Strafraum zu befreien, während der Gegner sie presst, um genau dort den Ball zu erobern. Das sorgt für Nervenkitzel und manchmal für Tore: Brasilien nutzte die schwachen Pässe der haitianischen und schottischen Verteidiger eiskalt aus, um leichte Treffer zu erzielen. Wenn sich das verteidigende Team jedoch dem Pressing entzieht, steht es plötzlich mit viel Platz in der gegnerischen Hälfte.Dieser Stil macht mitspielende Torhüter wie Spaniens Unai Simón extrem wertvoll. Der ehemalige Nati-Goalie Pascal Zuberbühler, heute Mitglied der technischen Studiengruppe der Fifa, sagt, der Torhüter von heute sei «fast wie ein Quarterback» – ein Spielmacher von ganz hinten.Weil die Gegner pressen, ist das Verteidigen im eigenen Strafraum zu einer fatalen Taktik geworden. So verloren Ägypten und England gegen Argentinien und Senegal gegen Belgien. Am sichersten ist es, das eigene Tor weit vorne zu verteidigen, so wie Spanien. Selbst ein Aussenseiter wie Kap Verde trat offensiv auf. Gegen Argentinien forderten sie die Weltmeister heraus, hielten ein 2:2-Unentschieden, bevor sie in der Verlängerung verloren.Am Ende gab es auch für die Überraschungsmannschaft von Kap Verde Cape eine Enttäuschung: Das Aus kam im Sechzehntelfinal gegen Argentinien nach Verlängerung.George Walker IV / APTrotz allen Heldentaten der Kap Verdier gab es bei diesem Turnier kaum Überraschungen. Die wohl einzige in einem entscheidenden Spiel war der Sieg Paraguays gegen Deutschland im Penaltyschiessen. Sonst triumphierten die Grossmächte.Und wie bei jeder WM seit 2006 gehört jedes Team, das am Ende noch im Rennen ist, entweder zu West- oder Mitteleuropa – oder es hat Leo Messi in seinen Reihen. Unsere Region hat das beste Raumverständnis: Räume schaffen, wenn man den Ball hat; Räume eng machen, wenn man ihn nicht hat. Italien und Deutschland sind abgefallen, wurden aber durch unkonventionelle westeuropäische Teams ersetzt: Norwegen, die Schweiz und, ja, Marokko und Kap Verde.Fast alle Spieler Marokkos und die meisten von Kap Verde sind in Europa aufgewachsen. Anstatt das französische Team als «afrikanisch» zu bezeichnen, wie es Rechtsextreme tun, wäre es angesichts ihrer Abhängigkeit von der Diaspora treffender, viele afrikanische Teams hier als «französisch» zu bezeichnen.Die Trainer haben mehr Einfluss als je zuvorDieses Turnier wartet mit einer echten Neuerung auf: den Trinkpausen. Fast alle hassen sie, weil sie primär dem Wunsch der Fernsehsender entspringen, mehr Werbung zu schalten, und weil sie den Spielfluss zerstören. Aber sie machen den Fussball auch zu einem Spiel der Trainer statt der Spieler.Fast alle hassen sie: Die Trinkpausen schaffen vor allem Platz für Werbung - und stärken den Einfluss der Trainer auf das Spiel.Marvin Ibo Guengoer / GES / GettyBisher wurden die wichtigsten Entscheidungen in einem Spiel von den Spielern spontan auf dem Platz getroffen: Sollen wir die Abwehrreihe zehn Meter nach vorne verschieben? Sollen wir diesen Gegenspieler enger decken? Fussball war ein Test für die Spielintelligenz der Akteure. Jetzt gibt der Trainer alle 22:30 Minuten neue Anweisungen. Und da er seit der Covid-Pandemie fünf Auswechslungen vornehmen darf, ist sein Einfluss so gross wie nie zuvor.Gegen Norwegen begann Englands Trainer Thomas Tuchel mit einer Formation, änderte sie zur Pause durch Auswechslungen und passte sie, als das nicht funktionierte, durch späte Wechsel erneut an – ausserdem hielt er während des Spiels drei Mannschaftsansprachen. Die Spieler verlieren ihre Eigenständigkeit. Erfreulicherweise hat der europäische Verband Uefa erklärt, keine Trinkpausen einzuführen.Die andere grosse Veränderung bei diesem Turnier betrifft die Art und Weise, wie wir zuschauen: mit einem grösseren Misstrauen als je zuvor, dass die Spiele manipuliert sein könnten. Das geht auf einen Telefonanruf von Donald Trump bei Gianni Infantino zurück, in dem er diesen bat, die Sperre des besten amerikanischen Torschützen Folarin Balogun nach dessen roter Karte gegen Bosnien zu überprüfen, damit er gegen Belgien spielen konnte.Das Turnier ist von Verschwörungstheorien infiziertDie Fifa willigte ein. Die Belgier fegten die USA dennoch vom Platz. Aber Trumps öffentliche Intervention zeigte allen, dass die Fifa die Regeln manchmal beugt. Das hätte eigentlich schon vorher klar sein müssen: Sie hatte bereits die Sperre von Cristiano Ronaldo verkürzt, damit er im ersten WM-Spiel Portugals antreten konnte. Ob aus kommerziellen oder politischen Gründen – das Geschehen auf dem Rasen lässt sich manipulieren.Ein Telefonanruf von Donald Trump brachte Folarin Balogun zurück ins Spiel. Seither wird jede Schiedsrichterentscheidung als potenzielle Verschwörung gewertet.Stephen Brashear / EPANach dem Fall Balogun wird jede Schiedsrichterentscheidung als potenzielle Verschwörung gewertet. Als Ägypten gegen Argentinien verlor, sagte deren Trainer Hossam Hassan: «Vielleicht wollten sie, dass Messi im Rennen bleibt. Dieses Spiel war geschoben, und die ganze Welt hat es gesehen.»Ein Grossteil der Welt teilte tatsächlich seine völlig unbewiesenen Anschuldigungen. Ich war im Stadion und habe es anders gesehen: Ja, der Schiedsrichter François Letexier hat Argentinien bevorzugt, aber das war wohl eher ein Fall des klassischen «Promi-Bonus» im Sport, bei dem Unparteiische vor Superstars kuschen. Zudem spürte er wohl den Druck, die argentinischen Vorwürfe zu entkräften, ein französischer Schiedsrichter wäre voreingenommen gegen sie.Aber die Wahrheit spielt keine Rolle mehr. Wie die Politik ist auch die Weltmeisterschaft inzwischen von Verschwörungstheorien infiziert.Im Final stehen sich die beiden Mannschaften gegenüber, die den Ball am besten kontrollieren können. Doch in anderer Hinsicht sind sie das genaue Gegenteil voneinander. Spaniens Pass- und Pressing-Spiel ist das Produkt einer nationalen Fussballkultur. Alle spanischen Spieler sind damit aufgewachsen, weshalb sie als einziges Team mit den flüssigen Abläufen einer Klubmannschaft spielen.Fans mit blauem Blut: Die spanische Königsfamilie verfolgt dem Halbfinal Frankreich - Spanien am Fernsehen.Francisco Gomez / Spanisches Königshaus via EPAArgentinien hingegen improvisiert von Minute zu Minute. Dieser clevere, alternde Haufen improvisiert wie eine Jazzband, mit Messi als Bandleader. Wenn er beschliesst, die Position zu wechseln, formiert sich das Team um ihn herum neu.An den Medienkonferenzen nach dem Spiel sagen argentinische Journalisten ihrem Trainer Lionel Scaloni, dass sie ihn umarmen möchten, und er antwortet wahrheitsgemäss, dass er mit dem Ergebnis nicht viel zu tun hatte. Es lag an den Spielern.Im Jahr 2030 hoffe ich, meine elfte Weltmeisterschaft zu besuchen. Messi wird dann 43 Jahre alt sein, aber ich vermute, er wird auch wieder dabei sein.Simon Kuper ist Kolumnist der «Financial Times». Der englisch-französische Doppel­bürger ist einer der profundesten Fussballkenner und hat mehrere Bücher verfasst, etwa zu Barça oder den internationalen Bestseller «Soccernomics».Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»Passend zum Artikel