William Karel / Gamma-Rapho / GettyVor fünfzig Jahren entführten Terroristen eine Air-France-Maschine und nahmen die jüdischen Passagiere als Geiseln. Israel rettete sie in einer waghalsigen Mission. Noch heute prägt die Aktion das Denken und Handeln vieler Israeli – auch von Benjamin Netanyahu.Richard C. Schneider03.07.2026, 05.30 Uhr6 LeseminutenAls am 27. Juni 1976 der Air-France-Flug 139 von Tel Aviv über Athen nach Paris mit 248 Passagieren an Bord entführt wurde, ahnte niemand, dass sich daraus eine der spektakulärsten Geiselbefreiungen der Geschichte entwickeln würde. Nach dem Zwischenstopp in Athen übernahmen vier Terroristen die Kontrolle über das Flugzeug: zwei Mitglieder der palästinensischen Volksfront zur Befreiung Palästinas (PFLP) und zwei Deutsche der sogenannten Revolutionären Zellen. Die Terroristen forderten die Freilassung Dutzender Gefangener, die in Israel und anderen Staaten einsassen.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Die Maschine landete schliesslich in Entebbe in Uganda, wo der Diktator Idi Amin den Entführern Schutz gewährte. Dann geschah etwas, das sich tief in das kollektive israelische Gedächtnis einbrannte. Die Entführer trennten die Geiseln. Israeli und Juden mussten bleiben, die meisten übrigen Passagiere wurden freigelassen. Es war eine Selektion. Zum ersten Mal seit Auschwitz sonderten Deutsche wieder Juden aus. Die Symbolik war erschütternd.Dass sich ausgerechnet zwei linke deutsche Terroristen dazu entschlossen, machte die jüdische Welt fassungslos. Hier standen keine alten Nazis, sondern junge Deutsche mit gezückter Waffe vor jüdischen Menschen. Wie kürzlich vom israelischen Staatsarchiv freigegebene Dokumente zeigen, war Israels Verteidigungsminister Shimon Peres in einer Kabinettssitzung entsetzt. Er sehe das Bild «zweier Deutscher mit gezogenen Waffen vor israelischen Kindern, deren einziges ‹Verbrechen› nicht darin besteht, dass sie Kinder sind, sondern, dass sie Israeli sind». Als Jude könne er diese Bilder nicht ausblenden. Für die israelischen Regierungsmitglieder schien die Geschichte mit brutaler Wucht zurückzukehren.Diese Airbus-A300-Maschine wurde am 27. Juni 1976 von palästinensischen und deutschen Terroristen entführt.Jacques Pavlovsky / Sygma / GettyDie Geiseln werden vom israelischen Militär befreit und am 4. Juli nach Hause gebracht. Am Flughafen in Tel Aviv warten viele auf ihre Ankunft.APMit Entebbe änderte sich in Israel der Blick auf den europäischen Linksterrorismus. Die Revolutionären Zellen verstanden sich als antiimperialistische Kämpfer. Ihr Kampf richtete sich schon damals gegen Zionismus und Kolonialismus. Doch muss man dazu Juden, selbst solche, die keine israelischen Staatsbürger waren, selektieren? Der «antizionistische Kampf» erhielt einen antisemitischen Anstrich.Israels Politiker ringen um eine LösungDie freigegebenen Protokolle aus den Kabinettssitzungen jener Tage zeigen, dass die verantwortlichen Politiker in Jerusalem um eine Lösung der Situation rangen. Eine Befreiungsaktion war keineswegs von Anfang an beschlossene Sache. Ministerpräsident Yitzhak Rabin zweifelte an der Durchführbarkeit einer solchen Operation. Wie sollten Soldaten über 4000 Kilometer transportiert werden?Heute, wo Einsätze der israelischen Luftwaffe Tausende von Kilometern von Israel entfernt zur technologischen Routine geworden sind, kann man sich kaum noch vorstellen, dass damals ein solcher Militäreinsatz nahezu absurd erschien. Rabin sprach sich deswegen zunächst dafür aus, einen Gefangenenaustausch zu prüfen. Israel habe in der Vergangenheit sogar Terroristen gegen Leichen ausgetauscht, argumentierte er. Wie könne man da lebende Geiseln nicht retten wollen?Verteidigungsminister Shimon Peres sprach sich gegen Rabins Vorschlag aus. Gäbe man den Forderungen nach, könnten Entführungen zum Geschäftsmodell von Terroristen werden. Peres stellte eine schwierige Frage: Geht es um die Rettung der Geiseln oder um die langfristige Sicherheit des jüdischen Staates? Israel müsse bereit sein, ein Risiko einzugehen, um seine Abschreckungsfähigkeit zu wahren.Am Ende entschied man sich für die Militäroperation. Offensichtlich, weil man wusste, dass man allein ist. Ministerpräsident Rabin sagte: «Niemand wird uns beistehen [. . .] Der ganzen Welt ist unser Schicksal gleichgültig, und wir dürfen uns keinerlei Illusionen hingeben.» Dabei war den Verantwortlichen bewusst, dass es mit grosser Sicherheit Tote unter Geiseln und Soldaten geben würde.Der israelische Verteidigungsminister Shimon Peres spricht zu den Soldaten, die an der Operation beteiligt waren.Keystone / Hulton Archive / GettyDer israelische Generalleutnant Mordechai Gur spricht während einer Pressekonferenz über die Aktion.Keystone / Hulton Archive / GettyDer israelische Militäreinsatz beginntDie Nacht vom 3. auf den 4. Juli 1976 gehört in der Retrospektive zu den wagemutigsten Militäreinsätzen des 20. Jahrhunderts. Vier israelische Transportflugzeuge in Begleitung mehrerer Kampfjets und zweier Boeing 707 starteten in Richtung Afrika. 4000 Kilometer Flug. Würden die Maschinen unentdeckt bleiben? Waren die Informationen, die man über die Lage der Geiseln hatte, richtig? Würden die Terroristen, wenn sie merkten, dass israelische Soldaten sie angreifen, die Geiseln einfach erschiessen? Die Verantwortung für diesen heiklen Einsatz lastete schwer auf den Schultern des israelischen Kabinetts. Eine Katastrophe war im Bereich des Möglichen.Die «Operation Yonatan», wie der Einsatz später genannt wurde, war so präzise wie nur möglich vorbereitet. Israel besass alte Baupläne des Flughafens, da ihn israelische Firmen Jahre zuvor mit errichtet hatten. Die Soldaten trainierten den Sturm auf ein massstabsgetreues Modell des Terminals. Um die Überraschung perfekt zu machen, führten sie als Täuschungsmanöver sogar einen schwarzen Mercedes mit, der aussah wie der Dienstwagen des ugandischen Präsidenten.Der Plan war riskant: Innerhalb kürzester Zeit sollten die Terroristen ausgeschaltet, die Geiseln befreit und zusammen mit den israelischen Soldaten ausgeflogen werden. Militärisch verlief der Einsatz nahezu perfekt. Die Entführer und etliche ugandische Soldaten wurden getötet, die meisten Geiseln gerettet. Israel zerstörte obendrein mehrere ugandische Kampfjets, um eine Verfolgung zu verhindern.Und doch zahlte man einen hohen Preis: Yonatan Netanyahu, genannt «Yoni», der Kommandant der Eliteeinheit Sayeret Matkal, wurde von einem Scharfschützen getötet. Auch drei Geiseln starben während der Befreiungsaktion, eine vierte, Dora Bloch, die zuvor in ein Krankenhaus gebracht worden war, wurde später von ugandischen Soldaten auf Befehl Idi Amins ermordet.Der Terrorismus verändert sichIn Israel mischte sich in die Freude über die erfolgreiche Aktion auch grosse Nachdenklichkeit. In den veröffentlichten Kabinettsprotokollen ist nachzulesen, wie nüchtern Ministerpräsident Rabin blieb: Man habe eine Schlacht gewonnen, aber nicht den Krieg. Der Terrorismus werde aus Entebbe lernen, auch Israel müsse daher aus dieser Entführung Lehren ziehen und sich auf neue Gefahren vorbereiten.In der Tat, der Terrorismus veränderte sein Gesicht. Auf Flugzeugentführungen folgten Selbstmordattentate und Raketenangriffe. Später entwickelte sich der globale Jihadismus, ob von al-Kaida, dem IS oder anderen Organisationen. Schliesslich kam der 7. Oktober 2023, das Massaker der Hamas in Israel.Die Operation in Entebbe machte auf drastische Weise das Dilemma deutlich, in dem sich demokratische Staaten in solch einer Situation befinden. Wie schützt ein demokratischer Staat seine Bürger? Verhandelt man mit Terroristen, um die Geiseln zu retten, oder lehnt man Verhandlungen grundsätzlich ab, in der Hoffnung, so langfristig Entführungen zu verhindern?Die Geiseln sind zurückgekehrt. Am Flughafen in Tel Aviv hebt die Menschenmenge den Geschwaderkommandanten der Rettungsflugzeuge vor Freude in die Luft.David Rubinger / Corbis / GettySchaulustige beobachten von einem Dach aus das Spektakel auf dem Flughafen Ben Gurion.Keystone / GettyBesonders drastisch zeigte sich dieses Dilemma 2011, als Ministerpräsident Benjamin Netanyahu 1027 palästinensische Gefangene für den nach Gaza entführten israelischen Soldaten Gilad Shalit freiliess. Es war ein disproportionaler Preis, den Israel für eine einzige Geisel erst nach fünf Jahren zu zahlen bereit war. Unter den freigekommenen Palästinensern befand sich auch Yahya Sinwar, der spätere Drahtzieher des 7. Oktober. Die Frage, die Politiker in solchen Situationen beantworten müssen, ist unerträglich: Soll man Leben retten, auch wenn man damit möglicherweise andere Leben riskiert?Die Lehren aus Entebbe für heuteFür Benjamin Netanyahu war Entebbe wohl der entscheidende biografische Einschnitt. Der bei der Geiselbefreiung getötete Kommandant Yoni war sein älterer Bruder, er galt als Ausnahmetalent und wurde als möglicher künftiger Generalstabschef gehandelt. Sein Tod wurde für die Familie zu einem Einschnitt. Benjamin Netanyahu hat später immer wieder erklärt, dass der Verlust seines Bruders sein Denken über Terrorismus nachhaltig geprägt habe.Viele Beobachter sind überzeugt, daraus habe sich Netanyahus Überzeugung entwickelt, Terrorismus vor allem durch militärische Stärke und Abschreckung zu bekämpfen. Verhandlungen betrachtet Netanyahu mit grosser Skepsis, weil sie aus seiner Sicht neue Erpressbarkeit schaffen. Netanyahu hielt im Gaza-Krieg der letzten Jahre die Vernichtung der islamistischen Hamas für vorrangiger als die Rettung der Geiseln.Die Freude über den erfolgreichen Ausgang der Rettungsmission ist gross. Keystone / Hulton Archive / GettyVier israelische Geiseln sterben bei der Aktion, unter ihnen Ida Borochovich. Ihr Leichnam wird unter grosser Anteilnahme am 5. Juli auf einem Friedhof nahe Tel Aviv beigesetzt.Max Nash / APHeute, fünfzig Jahre nach Entebbe, fasziniert die Operation wegen der Waghalsigkeit und Entschlossenheit Israels, seine Bürger auch jenseits der eigenen Grenzen zu schützen. Zugleich aber ist sie eine deutliche Warnung, dass selbst spektakuläre militärische Erfolge den Terrorismus nicht besiegen können. Die Mahnung des damaligen Ministerpräsidenten Yitzhak Rabin, man habe lediglich «eine Schlacht gewonnen», hat in den vergangenen Jahren eine neue Bedeutung gewonnen.Der militärische Erfolg von Entebbe ist eine Erinnerung an die ethischen Dilemmata demokratischer Staaten. Heute mehr denn je.4 KommentareDaniel Stalder 03.07.2026Der Artikel formuliert das Kernproblem demokratischer Staaten treffend: Sollen Geiseln durch Verhandlungen gerettet werden, auch wenn dies künftige Entführungen ermöglicht, oder soll man auf Abschreckung setzen und dabei Leben riskieren?
50 Jahre Entebbe: Die Flugzeugentführung veränderte Israels Kampf gegen Terror
Vor fünfzig Jahren entführten Terroristen eine Air-France-Maschine und nahmen die jüdischen Passagiere als Geiseln. Israel rettete sie in einer waghalsigen Mission. Noch heute prägt die Aktion das Denken und Handeln vieler Israeli – auch von Benjamin Netanyahu.
















