PfadnavigationHomeGeschichteTerrorismusWas Israels Geheimbericht über die Befreiung der Geiseln in Entebbe verrätStand: 14:34 UhrLesedauer: 7 MinutenDer schwarze Mercedes, der die List in Entebbe ermöglicht hatte, bei der Rückkehr in Israel – er war nur geliehen gewesenQuelle: Wikimedia/IDFIn der Nacht vom 3. auf den 4. Juli 1976 wagten israelische Spezialkräfte die bis dahin riskanteste Kommandoaktion: Sie landeten in Uganda, einem feindlich gesinnten Land, befreiten mehr als hundert Geiseln aus der Hand von Entführern und brachten fast alle sicher nach Hause.Ob die Warnung auf der Titelseite der Broschüre viel genutzt hat? Vermutlich war sie eher kontraproduktiv: „Jeder, der dieses Dokument findet, ist verpflichtet, es der nächsten Polizeidienststelle oder der Militärpolizei zu übergeben“, steht da nämlich, durch einen Rahmen noch besonders betont. Wer so etwas liest, wirft erst recht einen Blick darauf.600 Exemplare wurden im April 1977 von dem hebräisch verfassten Heft mit 109 gezählten Seiten gedruckt, die nur persönlich an ausgewählte Angehörige der israelischen Armee (IDF) verteilt wurden. „Ein Offizier, der die Broschüre erhalten hat, darf sie nicht an andere Offiziere seiner Einheit weitergeben, geschweige denn an Personen, die nicht zu seiner Einheit gehören“, heißt es in den Regeln weiter.Was war seinerzeit gleichzeitig so brisant und doch von derart hohem Interesse, um es an relevante israelische Militärs und auch den Gründer und ersten Chef der deutschen GSG 9 Ulrich Wegener zu verteilen? Es handelt sich um einen umfassenden Bericht über die Entführung des Air-France-Flugs AF 139 nach Entebbe Ende Juni 1976 – und vor allem über die Befreiung der Geiseln aus der Hand palästinensischer und deutscher Terroristen in der Nacht vom 3. auf den 4. Juli 1976.Der Bericht beginnt mit der Entführung selbst auf dem Flug von Tel Aviv über Athen nach Paris. Das ist alles hinreichend bekannt und in den meisten der mindestens acht verschiedenen Bücher über die „Operation Thunderbolt“ enthalten, die in ursprünglich hebräischer oder englischer Sprache noch Ende 1976 oder Anfang 1977 erschienen. Bis auf – allerdings zahlreiche Details bestätigen Geheimdienstberichte und Protokolle des Krisenstabes der Bundesregierung, die kurz vor dem 50. Jahrestag auf WELT-Antrag freigegeben wurden, diese Darstellungen.Auch die Vorbereitung des israelischen Kommandounternehmens ist relativ gut bekannt. Muki Betser, in Entebbe als Stellvertreter des Sturmkommandos Yonathan Netanjahu mit dabei, berichtet ausführlich in seinen Memoiren „Soldat in geheimem Auftrag“ (erschienen 1996) darüber. Bislang weniger bekannt sind hingegen Details über den Einsatz, die in der geheimen Broschüre enthalten sind, sowie die politischen Einordnungen.Lesen Sie auchDer Plan bestand aus vier Schritten: „1. Ein einzelnes Flugzeug landet, um das alte Terminal zu übernehmen. 2. Der Rest der Truppen landet und übernimmt den Flughafen. 3. Die Geiseln werden versorgt und die Flugzeuge betankt. 4. Rückzug.“Lesen Sie auchVorgesehen waren für den ersten Teil des Unternehmens 34 Soldaten der Eliteeinheit Sajeret Matkal unter Netanjahus Kommando mit zwei Land-Rovern und einem schwarzen Mercedes. Den zweiten Teil übernahmen 152 Mann verschiedener Einheiten mit vier im Jom-Kippur-Krieg erbeuteten, ehemals ägyptischen Schützenpanzerwagen des sowjetischen Typs BTR-152 und einem Peugeot-Kleinlaster. Für den dritten standen 20 Ärzte und Sanitäter zur Verfügung. Den Rückzug schließlich deckten mehrere Phantom-Jagdflugzeuge der israelischen Luftstreitkräfte.Am 3. Juli 1976 um 15.30 Uhr traf die Genehmigung der israelischen Regierung für das Unternehmen ein, und nur 14 Minuten später hob die erste von vier C-130 „Hercules“-Maschinen mit Kurs Entebbe ab. Über internationalen Gewässern des Roten Meeres ging es Richtung Südosten. Über Dschibuti, seinerzeit noch formal französisch, aber bereits autonom, drehten die vier Hercules und zwei weit über ihnen fliegende Boeing 707 nach Südwesten ein. Über Äthiopiens weitgehend menschenleere Landschaft südlich von Addis Abeba ging es weiter nach Kenia, das dem Einsatz insgeheim zugestimmt hatte und deshalb überflogen werden konnte, dann hinaus auf den Victoriasee. Hier flog die führende Hercules zunächst alleine voraus und drehte nach Norden in Richtung der internationalen Flugroute nach Entebbe ein. „Bei der Annäherung war zu erkennen, dass die Landebahn beleuchtet war.“ Tatsächlich erwartete der Tower noch eine planmäßige Maschine der Lufthansa, deren Flug aber wegen der Entführung von AF 139 bereits in Nairobi geendet hatte. Genau um 23.01 Uhr setzte diese „Hercules“ am Anfang der Landebahn auf und rollte weiter. Mehrere Pfadfinder sprangen aus dem noch rollenden Flugzeug und legten Landeleuchten aus, falls die Tower-Besatzung die Befeuerung abschalten sollte. Bis 23.08 Uhr waren alle Maschinen am Boden. Lesen Sie auchZu dieser Zeit hatte die eigentliche Befreiung schon begonnen. In einem überlangen schwarzen Mercedes 220 D, dem typischen Wagen für höhere Offiziere in Uganda (der wahnsinnige Diktator Idi Amin bevorzugte das zwei Nummern größere Modell Mercedes 600), fuhren Yonathan Netanjahu, Muki Betser und weitere Kommandosoldaten auf zwei Landrovern mit „durchschnittlicher Geschwindigkeit“ los, auf das alte Terminal zu, in dem die 105 Geiseln festgehalten wurden.Bis hundert Meter vor dem Ziel ging alles gut, dann feuerte ein ugandischer Soldat auf die Fahrzeuge. Ob Netanjahu einen Fehler gemacht hatte, wie es manchmal heißt, und unnötigerweise zwei ugandische Wachen ausschalten wollte, kann auch der Bericht nicht aufklären. Jedenfalls begann jetzt das Gefecht um das alte Terminal. Lesen Sie auchDetailliert, jedoch nur mit Vornamen, beschreibt der Bericht, welcher Soldat welchen Terroristen tötete. „Sie waren eindeutig zu erkennen, da sie mit ihren Waffen in der Hand aufrecht standen.“ Weil sie in Panik gerieten, gelang es vier der fünf palästinensischen Terroristen und den beiden Deutschen Wilfried Böse und Brigitte Kuhlmann jedoch nicht, das Feuer zu eröffnen. Nur einer der Täter am rechten Ende des Saals schoss, wurde aber ebenfalls schnell ausgeschaltet. Weniger als eine Minute dauerte der Schusswechsel insgesamt, dann waren die Geiseln erst einmal aus der Gewalt der Entführer befreit. „Die Schnelligkeit der Ausführung war zweifellos der Hauptgrund für die geringe Zahl der Opfer unter den Passagieren“, heißt es im Bericht: „Weitere Faktoren waren die gute Beleuchtung im Saal, die es ermöglichte, die Terroristen zu erkennen, sowie die Tatsache, dass die Entführten fast alle auf dem Boden lagen und einige von ihnen schliefen.“Lesen Sie auchVerluste hatte es allerdings trotzdem gegeben: 13 der 105 Geiseln im alten Terminal waren von Querschlägern, Splittern, den Schüssen des einen feuernden Terroristen oder durch eigenes Feuer verletzt, davon drei tödlich. Gleichzeitig hatte vor dem Gebäude ein ugandischer Soldat mutmaßlich vom Tower des Gebäudes aus auf Yonathan Netanjahu geschossen. Der Kommandeur des Sturmtrupps war direkt hinter seinen Soldaten zum Eingang der Halle gelaufen und dann, weil er ins Gefecht nicht eingreifen musste, auf einer Art Terrasse stehen geblieben. Hier trafen ihn Schüsse von hinten. „Der Arzt, der ihn begleitete, eilte zu ihm, versorgte ihn und sorgte für seine Evakuierung.“ Doch zu spät: Netanjahu starb. Lesen Sie auchInzwischen hatten die weiteren israelischen Truppen den neuen Terminal eingeschlossen. Ugandische Soldaten, die auf sie schossen, wurden niedergekämpft. Acht Düsenjäger sowjetischen Typs, die auf dem militärischen Teil des Flughafens standen, wurden gesprengt.Unter dem Feuerschutz der vier BTRs begann der Abtransport der befreiten Geisel und der Kommandosoldaten zu den wartenden C-130. Wer medizinische Versorgung brauchte, kam in die vierte Maschine. Insgesamt dauerte der Einsatz am Boden etwa 50 Minuten. Brigadegeneral Dan Shomron hatte das Kommando übernommen, der gesamtverantwortliche Offizier des Einsatzes.Auf das vorgesehene Auftanken der vier „Hercules“ verzichtete er, denn Kenia hatte signalisiert, dass eine Zwischenlandung in Nairobi möglich sein werde. Die mitgebrachte Tankanlage blieb in Entebbe zurück.Um 23.51 Uhr hob die erste, drei Minuten später die letzte „Hercules“ in Entebbe ab. Das nächste Ziel war Nairobi, zum Auftanken und zur medizinischen Versorgung der Verwundeten in einem Lazarettflugzeug, eine der beiden 707 (die andere war eine fliegende Kommando- und Kommunikationszentrale). Niemand der Befreiten musste in ein Krankenhaus vor Ort eingewiesen werden.Die nächste Landung fand auf einem israelischen Luftwaffenstützpunkt statt. Von hier aus wurden mehrere Verletzte in Hospitäler gebracht, drei sogar mit Hubschraubern. Ein Psychiater suchte nach Befreiten, die seine Hilfe zu benötigen schienen, sprach mit ihnen und verabreichte bei Bedarf Medikamente. Die Geiseln konnten sich etwas erholen, waschen und andere Kleidung anziehen. Dann teilte ihnen der Chef des Militärgeheimdienstes mit, was sie über die Befreiungsaktion berichten durften – und was nicht. Dann stiegen sie wieder in die „Hercules“ und flogen zum Ben-Gurion-Flughafen nahe Tel Aviv. Hier warteten Familienangehörige sowie Premierminister, Jitzhak Rabin, Verteidigungsminister Schimon Peres und eine große Menschenmenge, um ihre Befreiung zu feiern.Rabin nannte den Einsatz „einen der glänzendsten Erfolge in menschlicher, moralischer und militärischer Hinsicht“ und dankte allen Beteiligten. Zur Kritik an der Aktion, vor allem aus dem ugandischen Regime und den arabischen Staaten, durch UN-Generalsekretär Kurt Waldheim sowie dem Ostblock, kommentierte WELT (und wurde damit im israelischen Geheimbericht zitiert), die fraglose „Verletzung der Souveränität eines anderen Staates“ durch das israelische Kommando sei gerechtfertigt, „da Uganda den Entführern geholfen“ hatte. Und sich rächte: Die 74 Jahre alte Geisel Dora Bloch, die in Entebbe in einem Krankenhaus behandelt worden war, wurde noch am 4. Juli 1976 von zwei Vertrauten Idi Amins ermordet.Sven Felix Kellerhoff ist Leitender Redakteur bei WELTGeschichte. Er befasst sich seit mehr als 30 Jahren mit linkem Terrorismus und politisch motivierter Gewalt. Zu seinen Büchern darüber zählen „Eine kurze Geschichte der RAF“ und „Der Stammheim-Prozess“.
Geiselbefreiung 1976: 50 Jahre altes Geheimdokument offenbart dramatische Minuten von Entebbe - WELT
In der Nacht vom 3. auf den 4. Juli 1976 wagten israelische Spezialkräfte die bis dahin riskanteste Kommandoaktion: Sie landeten in Uganda, einem feindlich gesinnten Land, befreiten mehr als hundert Geiseln aus der Hand von Entführern und brachten fast alle sicher nach Hause.















