Ein schwarzer Mercedes-Benz 220D spielte eine wichtige Rolle bei der Kommandoaktion in Entebbe. Israelische Spezialkräfte hatten das Auto sowie mehrere Landrover in einem Transportflugzeug zum Flughafen der ostafrikanischen Stadt gebracht, um die ugandische Armee zu täuschen. Als Konvoi von Diktator Idi Amin getarnt, wollten sie unbemerkt zu der Flughafenhalle gelangen, in der deutsche und palästinensische Terroristen mehr als 100 Geiseln festhielten. Der angestrebte Überraschungseffekt war ein wesentlicher Teil der spektakulären Geiselbefreiung, die sich in der Nacht zum Samstag zum 50. Mal jährt.Der Plan ging auf – aber nur teilweise. Denn Amin fuhr seit Kurzem einen weißen Mercedes. Wachsoldaten schöpften Verdacht und hielten den Konvoi an. Die Israelis erschossen die beiden Soldaten und eilten zu der Halle, in der sich die Geiseln befanden. Dort gelang es ihnen, alle sieben Geiselnehmer zu erschießen; zudem töteten sie mehrere Dutzend ugandische Soldaten. Drei Geiseln starben bei der Aktion, 102 wurden lebend befreit.Unter den etwa hundert israelischen Soldaten gab es ein Todesopfer: Jonathan Netanjahu, der die Sayeret-Matkal-Eliteeinheit befehligte, wurde von ugandischen Soldaten erschossen. Das machte ihn in Israel zum Helden – und beförderte die Karriere seines jüngeren Bruders Benjamin.Nicht nur für Israel ein wichtiges DatumDie „Operation Donnerschlag“, später in „Operation Jonathan“ umbenannt, ist aber nicht nur für Israel ein wichtiges Datum. Sie ist auch relevant für die deutsche Geschichte. Die Kommandoaktion vom 4. Juli 1976 steht für den sich verändernden Umgang mit Geiselnahmen und Flugzeugentführungen, die es in den Siebzigerjahren so oft gab: von Zugeständnissen zu Interventionen. Das zeigte sich unter anderem bei der Geiselbefreiung von Mogadischu im „Deutschen Herbst“ ein Jahr darauf.Wie im Fall der „Landshut“ hatten auch die Geiselnehmer von Entebbe die Freilassung von Gesinnungsgenossen gefordert: 53 Personen, die in Israel, Deutschland, Frankreich und der Schweiz inhaftiert waren. Am 27. Juni 1976 hatten sie eine Maschine der Air France auf dem Weg von Tel Aviv nach Paris gekapert. Beim Zwischenstopp in Athen waren zwei Palästinenser von einer Abspaltung der „Volksfront zur Befreiung Palästinas“ (PFLP-EO) sowie Wilfried Böse und Brigitte Kuhlmann mit Waffen und Sprengstoff an Bord gelangt. Die beiden Deutschen gehörten den „Revolutionären Zellen“ (RZ) an, einer linksextremen Terrorgruppe.Über Libyen flog das Flugzeug ins ugandische Entebbe. Dort stießen weitere Angehörige der PFLP-EO zu den Entführern. Nach Verhandlungen mit Idi Amin wurden die 253 Passagiere sowie die zwölf Besatzungsmitglieder in die alte Flughafenhalle gebracht. Amin agierte als Vermittler, aber es gab wohl auch eine Zusammenarbeit zwischen den Entführern und dem Machthaber, der sich in den Jahren zuvor vom Freund zum Feind Israels gewandelt hatte.Die jüdischen Passagiere wurden von den anderen getrenntIn der Flughafenhalle führten Böse und Kuhlmann eine „Selektion“ durch: Sie trennten die israelischen sowie andere jüdische Passagiere von den übrigen. Letztere wurden während der Verhandlungen überwiegend freigelassen. Schließlich bestand die Gruppe der Geiseln aus 94 Passagieren sowie der Besatzung, die darauf beharrte, zu bleiben. Personen wie Joschka Fischer erklärten später, die „Selektion“ von Entebbe habe zu ihrer Abkehr vom Linksradikalismus beigetragen.Die israelische Regierung war unschlüssig, wie sie mit der Situation umgehen sollte. Die anfängliche Haltung von Ministerpräsident Izchak Rabin, um die Entführung einer Air-France-Maschine habe sich die französische Regierung zu kümmern, wich bald der Einschätzung, Israel müsse selbst etwas unternehmen. Aus Protokollen und anderen Dokumenten, die Israels Staatsarchiv jetzt freigegeben hat, wird deutlich, wie das Kabinett mit der Frage rang, ob man den Forderungen der Entführer nachgeben oder eine Befreiungsaktion wagen sollte. Deren Ausgang erschien ungewiss. Noch am 1. Juli sagte Generalstabschef Motta Gur, die Armee sei „eigentlich nicht für Einsätze in Entebbe ausgelegt“. Auch die Familien der Geiseln drangen dazu, auf die Forderungen einzugehen.In einer Sitzung am 3. Juli benannte Verteidigungsminister Schimon Peres das Dilemma: „Die Wahl besteht darin, entweder die fast sichere Rettung von 80 Israelis auf Kosten der Gefährdung der Zukunft der Luftfahrt und der Sicherheit Israels zu gewährleisten oder das Leben unschuldiger Menschen zu riskieren, um den Staat zu retten“, führte er aus. Für ihn sei die Entscheidung klar, sagte Peres weiter: Er war für eine Intervention. Dabei spielte offenbar auch die Identität der Geiselnehmer eine Rolle. Ein Bild gehe ihm nicht aus dem Kopf, bekannte Peres: „Ein elender deutscher Mann und eine elende deutsche Frau, die mit auf Juden gerichteten Waffen dastehen.“Schreckliche Rache Idi AminsDas Kabinett stimmte einstimmig für eine Befreiungsaktion. Nur Minuten später machten die Spezialkräfte sich auf den Weg ins etwa 4000 Kilometer entfernte Entebbe. Die Flugzeuge flogen dicht über dem Roten Meer, um dem Radar von Anrainerländern zu entgehen. Die Israelis hatten die Freigelassenen in Paris befragt und dadurch wertvolle Erkenntnisse gewonnen. Zudem hatte eine israelische Firma die alte Terminalhalle gebaut. Ugandas Nachbarland Kenia wurde dafür gewonnen, die Aktion logistisch zu unterstützen. Auch aus Deutschland gab es Hilfe. So hielt der Kommandeur der GSG 9, Ulrich Wegener, sich in Entebbe auf.Nachdem die Flugzeuge im Dunkeln gelandet waren, dauerte die gesamte Kommandoaktion schließlich nur etwa eine Stunde. In Israel wurde der Erfolg anschließend gefeiert. Idi Amins Wut dagegen war so groß, dass er die letzte Geisel, die sich in einem ugandischen Krankenhaus befand, ermorden ließ. Zudem ordnete er aus Ärger über Kenias Rolle an, in Uganda lebende Kenianer zu töten. Wohl 245 Menschen wurden umgebracht.
Entebbe 1976: Israels Geiselbefreiung und die deutsche Geschichte
Vor fünfzig Jahren beendeten israelische Spezialkräfte im ugandischen Entebbe eine Flugzeugentführung und befreiten mehr als hundert Geiseln. Die Kommandoaktion ist auch ein Teil der deutschen Geschichte.














