PfadnavigationHomeGeschichteFlugzeugentführung„Zwölfte Stunde nähert sich“ – Mit einer List kam es zum Sieg von EntebbeStand: 11:22 UhrLesedauer: 8 MinutenAnkunft in Freiheit: Für diese Passagiere des Air-France-Fluges AF 1939 von Tel Aviv nach Paris endete die Reise sieben Tage nach dem Start wieder in Tel Aviv

Quelle: GPO/Polaris/ddpIm Hochsommer 1976 hielt die sieben Tage lange Entführung eines Air-France-Airbus durch Terroristen die Welt in Atem. Archivunterlagen, teils für WELT freigegeben, werfen neues Licht auf das Hijacking, das israelische Spezialkräfte auf dem Flughafen von Uganda beendeten.Das Ende ist bekannt: In der Nacht vom 3. auf den 4. Juli 1976 befreiten israelische Spezialkräfte auf dem Flughafen von Entebbe in Uganda 102 Geiseln; drei weitere starben bei dem Feuergefecht, außerdem zwei deutsche und fünf palästinensische Terroristen, einige ugandische Soldaten sowie der Kommandeur der Sturmtruppe, Yonathan Netanjahu. Die Operation mit dem Decknamen „Thunderbolt“ gilt als der schwierigste jemals erfolgreich durchgeführte Antiterror-Einsatz. Aber was war eigentlich in den Tagen vorher? Wie lief die Entführung nach Entebbe genau ab? Wie verhielten sich die Terroristen? Was wussten die Verantwortlichen in den Hauptstädten der betroffenen Länder und wie stellten sie sich die Lösung des Dramas vor? WELT hat verschiedene Archive um Material zu Entebbe gebeten; manches davon wurde eigens auf diese Anfrage hin freigegeben. Gestützt auf Material des Auswärtigen Amtes, der Nachrichtendienste von Frankreich, den Niederlanden und Israel, den ugandischen Untersuchungsbericht (überliefert in den Akten der DDR-Staatssicherheit im Original und in deutscher Übersetzung) sowie weitere Unterlagen lässt sich der Ablauf der spektakulären Entführung genauer denn je rekonstruieren.Am Sonntag, dem 27. Juni 1976, war Air-France-Flug AF 139, ein neuer Airbus A 300 mit der Kennung F-BVGG, planmäßig in Tel Aviv gestartet. Bei einer regulären Zwischenlandung in Athen sollte die Maschine 59 zusätzliche Gäste für den Flug nach Paris aufnehmen. Sie stießen im Transitbereich des griechischen Flughafens zu den wartenden Reisenden aus Israel. Unter den hinzukommenden Passagieren befand sich ein junges Paar aus Deutschland; die Frau hatte sich vor dem Einsteigen noch auffällig lange im Duty-free-Bereich aufgehalten. An Bord waren nun 248 Passagiere und zwölf Besatzungsmitglieder.Lesen Sie auchEinige Minuten nach dem leicht verspäteten Start in Athen übernahmen diese beiden, die in der Ersten Klasse saßen, zusammen mit zwei Palästinensern aus der Touristenklasse das Kommando über das Flugzeug und zwangen den erfahrenen Air-France-Kapitän Michel Bacos, nach Benghasi (Libyen) zu fliegen; der neue Rufname von AF 139 lautete nun „Haifa One“. Bewaffnet waren die Terroristen mit Pistolen und Eierhandgranaten – Widerstand kam also nicht infrage. Alle Passagiere und die Kabinencrew wurden in der Touristenklasse zusammengedrängt; sie mussten ihre Pässe abgeben, und ihr Handgepäck wurde durchsucht.Lesen Sie auchNach knapp sieben Stunden Aufenthalt befahl der Anführer der Entführer, der deutsche Mann, Kapitän Bacos, den Airbus wieder zu starten. Neues Ziel war Entebbe, der Flughafen des zentralafrikanischen Staates Uganda; hier herrschte der Militärdiktator Idi Amin, einer der brutalsten und verrücktesten Machthaber aller Zeiten. Hier landete die Maschine am 28. Juni 1976 gegen 15.15 Uhr Ortszeit.In Bonn bildete sich im Bundesinnenministerium ein hochrangig besetzter Krisenstab, der fortan täglich mindestens zweimal zusammenkam. Der erste Beschluss war, den gerade in Deutschland weilenden Botschafter Richard Ellerkmann umgehend in die ugandische Hauptstadt Kampala zurückzuschicken – in Begleitung von Ulrich Wegener, dem ersten Kommandeur der deutschen Antiterror-Einheit GSG 9. Da die dafür vorgesehene Bundeswehrmaschine einen technischen Defekt hatte, sprang die Fluglinie Lufthansa ein – und berechnete für den Charterflug, obwohl zu 75 Prozent im Staatsbesitz, glatt 160.000 Mark.Im Krisenstab liefen alle Informationen zusammen, denn die Bundesrepublik war doppelt involviert: Erstens handelte es sich, das war schnell klar geworden, bei zwei der Entführer um Deutsche, zweitens wollten die Täter neben anderen Gesinnungsgenossen auch sechs linksextreme Terroristen aus westdeutschen Gefängnissen freipressen. Außerdem waren neben Uganda natürlich Frankreich, Israel, die USA und die Schweiz betroffen – mit anderen Worten: nicht nur ein politischer, sondern auch ein diplomatischer Albtraum.Gewissenhaft sammelten die Beamten in ihren Büros im Bonner Norden alle einkommenden Informationen. Botschafter Ellerkmann, der einen persönlichen Draht zu Diktator Amin hatte, berichtete telefonisch und bei Bedarf per verschlüsseltem Fernschreiben. Die Nachrichtendienste der involvierten Länder schickten Zusammenfassungen ihrer Informationen ebenso wie das BKA, das einen Französisch sprechenden hochrangigen Beamten nach Paris entsandt hatte.Der „Ereignisvermerk“ der Krisenstabssitzung am 30. Juni 1976 vormittags hielt fest: „Israel – bleibt hart, ist auch bereit, seine Haltung zu publizieren. Schweiz – bleibt hart, will aber wegen Publikation noch Reaktionen anderer Staaten abwarten. Kenia – fühlt sich nicht betroffen, hält daher die Frage einer Publikation für gegenstandslos. USA – Kissinger-Sonderberater Sonnenfeld hat Staatssekretär Dr. Hermes dahin beschieden, dass die Haltung der USA noch mitgeteilt werde.“Lesen Sie auchFür die abendliche Sitzung (Beginn: 21 Uhr) arbeiteten BMI-Beamte mehrere „Entscheidungsalternativen“ aus. Alle waren, wenn auch auf unterschiedliche Weise, unerfreulich und widersprachen dem erklärten politischen Willen der Bundesregierung. Falls nämlich erstens Israel und Frankreich als die am stärksten betroffenen Staaten sich zum Nachgeben entschließen sollten, dann „könnte sich die Bundesrepublik Deutschland dem kaum entziehen“. Das wäre jedoch das genaue Gegenteil der nach der Entführung des Berliner CDU-Vorsitzenden Peter Lorenz 1975 festgelegten Linie, nie wieder Forderungen von Terroristen nachzugeben. Falls Israel und Frankreich hingegen beide hart blieben und ein Eingehen auf die Forderungen der Entführer ablehnten, „kann auch die Bundesrepublik Deutschland hart bleiben“. Besonders viel Sorge hatten die Krisenstabsmitarbeiter vor einer dritten Möglichkeit: „Schwierig wird die Situation für uns, wenn Israel hart bleibt, Frankreich und die USA uns aber zum Nachgeben drängen.“ In so einem Fall brächte „ein Nachgeben der Bundesregierung unter humanitären Gesichtspunkten keinen Gewinn und unter Sicherheitsaspekten ein beträchtliches Risiko“.Für Deutschland sei daher „von entscheidender Bedeutung, dass zwischen Israel und Frankreich keine Meinungsverschiedenheiten entstehen“, schlossen die Beamten: „Darauf sollte unser diplomatisches Verhalten möglichst in reaktiver Form ausgerichtet sein, damit verhindert wird, dass die Bundesrepublik Deutschland zum zentralen Ansprechpartner wird.“ Die Unterlagen erlauben es, aus der Distanz von Jahrzehnten die Politik fast Schritt für Schritt nachzuvollziehen.Auf eine vierte Möglichkeit war der Krisenstab nicht gekommen: dass allein Israel nachgeben könnte. Genau das aber schien am 1. Juli um 11 Uhr vormittags einzutreten. Drei Stunden vor Ablauf des Ultimatums der Terroristen für den Mord an den verbliebenen 105 Geiseln – die anderen waren in zwei Wellen freigelassen worden; es blieben außer dem Flugzeug selbst 83 Israelis, zwei US-Amerikaner mit „typisch jüdischen“ Namen, einige weitere Passagiere und die zwölf Franzosen der Besatzung in der Gewalt der Terroristen. Israels Botschafter in Bonn, Yohanan Meroz, teilte dem Auswärtigen Amt nämlich mit: „Die Zwölfte Stunde nähert sich. Wir sehen eine gemeinsame dringende Bemühung als geboten an, um das Leben der Entführten zu retten. Gegen eine Freilassung aller Geiseln sind wir bereit, Inhaftierte freizulassen. Wir sind bereit, mit Ihnen dringlich zu beraten über die Anzahl der Inhaftierten, die Zusammensetzung der Liste und die Modalitäten des Austausches.“In Paris (wo eine ähnliche Mitteilung an Frankreichs Außenministerium eingetroffen war) war man so überrascht wie in Bonn. Doch nichts in den Unterlagen des Krisenstabes deutet darauf hin, dass man dort auf die Idee gekommen wäre, es könnte sich um eine Finte handeln, um Zeit für eine militärische Befreiung der Geiseln zu gewinnen. Der einzige Deutsche, der das ahnte, war Ulrich Wegener in Uganda. Von mehreren Reisen nach Israel seit Ende 1972 kannte er das Denken der dortigen Anti-Terror-Experten. Zwar wusste auch er nichts Genaues, aber dennoch betätigte er sich – teilweise unter erheblichem Risiko – als Ein-Mann-Aufklärungstrupp vor Ort. Wegener war nicht der einzige Informant der israelischen Spezialkräfte, aber ein wichtiger; diese Rolle wurde erst 2016 bekannt. In der Nacht vom 3. auf den 4. Juli 1976 begann die sorgfältig vorbereitete Befreiungsaktion, die vielfach in journalistischen Artikeln und wissenschaftlichen Aufsätzen, dazu in Dutzenden TV-Dokumentationen und in vier Spielfilmen dargestellt worden ist. Doch um die Hintergründe wirklich zu verstehen, muss man ins Archiv steigen und Akten wälzen.Der Antisemitismus linker TerroristenSchon unmittelbar nach der Befreiung der ­Geiseln in Entebbe begannen Linke, den offensichtlichen Antisemitismus der deutschen und palästi­nensischen Flugzeugentführer kleinzureden. Das hält seitdem an – über eine Ausstellung ausgerechnet in der „Bildungsstätte Anne Frank“ in Frankfurt am Main 2017 und den Film „Sieben Tage in Entebbe“ 2018 bis zu Aufsätzen in wissen­schaftlichen Zeitschriften.Dabei sind die Fakten unbestreitbar und wurden bereits vor dem gelungenen Einsatz der israelischen Spezialkräfte in Akten unter anderem des Auswärtigen Amtes festgehalten: Nicht nur waren es Brigitte Kuhlmann und Winfried Böse, die im alten Terminal von Entebbe Israelis und andere Juden von Nichtjuden trennten; zwei US-Bürger, das Ehepaar George und Renee Karfunkel, wurden darüber hinaus augenscheinlich wegen ihrer jüdischen Namen festgehalten. Nichtjüdische Geiseln wurden freigelassen. Lesen Sie auchZudem schlug Kuhlmann einen erkennbar orthodoxen Juden; freigelassene Passagiere berichteten über Schikanen gegen sie. Holocaust-Überlebende unter den Geiseln fühlten sich erinnert an die Selektion durch die SS in Auschwitz. Trotz dieses eindeutigen Befundes bestreiten linke Autoren, dass es während der Entführung der Air-France-Maschine nach Entebbe linksextremen Antisemitismus gegeben habe. Es gibt nichts ­zu verharmlosen: Böse und Kuhlmann trieb, ebenso wie etwa den Linksextremisten Dieter Kunzelmann in West-Berlin oder die RAF-Ikone ­Ulrike Meinhof, beinharter Judenhass an. Übrigens ein durchgängiges Motiv des Linksextremismus: Horst-Ludwig Meyer, ein Mitglied der dritten RAF-Generation, verübte am 23. Dezember 1991 in Budapest einen Anschlag auf einen Bus mit 29 jüdischen Auswanderern aus der UdSSR. Weil die Bombe zu früh zündete, wurden „nur“ sechs Menschen verletzt. Es war eindeutig durch linken Antisemitismus motivierter Terror.Sven Felix Kellerhoff ist Leitender Redakteur bei WELTGeschichte. Er befasst sich seit mehr als 30 Jahren mit linkem Terrorismus und politisch motivierter Gewalt. Zu seinen Büchern darüber zählen „Eine kurze Geschichte der RAF“ und „Der Stammheim-Prozess“.