Südafrika: Trotz Ablauf des Ultimatums bleibt es ruhig, Tausende Migranten haben das Land schon verlassenDie Antimigrationsbewegung gab den illegal eingewanderten Migranten bis zum 30. Juni Zeit zur Ausreise. Tausende sind bereits auf der Flucht. Präsident Ramaphosa hat die ausländerfeindliche Gewalt scharf verurteilt.Birte Mensing, Nairobi30.06.2026, 19.12 Uhr4 LeseminutenMitglieder der Zulu-Gemeinschaft demonstrieren in Durban am 30. Juni. Die Antimigrationsbewegung organisiert landesweit Proteste gegen illegal eingereiste Migranten.EPAAm 30. Juni lief das Ultimatum der Antimigrationsbewegung ab. Illegal eingewanderte Migranten waren aufgefordert, bis dahin das Land zu verlassen. Der Aktivist Phakel’umthakathi hatte das Datum festgelegt und gemeinsam mit anderen Organisationen zu landesweiten Protesten aufgerufen, um die Regierung zum Durchgreifen gegen illegale Migration zu drängen. Dem Aufruf sind am Dienstag Tausende Menschen gefolgt, in den Grossstädten Johannesburg, Durban, Kapstadt und Pretoria, aber auch in kleinen Städten landesweit.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Der stellvertretende Regierungssprecher sagte am Dienstag, dass die Demonstrationen insgesamt ruhig verlaufen seien. Es habe aber einige Verhaftungen gegeben wegen aufhetzender Ansprachen. Und es seien Leute verhaftet worden, die Menschen ohne gültige Papiere versteckt hätten. Der Präsident Cyril Ramaphosa hatte sich noch am Montagabend mit den Organisatoren der Proteste getroffen, um sie zur Gewaltlosigkeit anzuhalten. Das scheint gewirkt zu haben.Gleichzeitig herrschte am Dienstag unter den Migranten Panik, viele versuchen seit Tagen überstürzt das Land zu verlassen, aus Angst vor gewaltsamen Übergriffen. Eine SABC-Reporterin berichtete am Dienstag, dass Menschen, die in Busse nach Malawi gestiegen seien, nur jeweils ein Gepäckstück hätten mitnehmen dürfen. Mehr als 25 000 Menschen sind in den vergangenen Tagen über die Grenzen ausgereist, Dutzende Busse kamen auch am Dienstag wieder in der Region Limpopo an, die an Botswana, Simbabwe und Moçambique grenzt. Dort wird ihr Hintergrund überprüft, bevor sie Notfall-Reisepapiere bekommen und ausreisen dürfen.Eine ehemalige Radiomoderatorin führt die Proteste an«Wir wollen morgen keinen Laden sehen, der von einem Ausländer betrieben wird», sagte ein Demonstrant im Interview mit dem Fernsehsender SABC. «Diese Wirtschaft gehört unserem Volk und wurde gekapert», proklamierte Jacinta Ngobese-Zuma, die Gründerin der Initiative «March and March», bei der Kundgebung in Durban. Die ehemalige Radiomoderatorin Ngobese-Zuma hat die Initiative Anfang 2025 ins Leben gerufen.«March and March» ist eine der zentralen Gruppen, die seit Monaten Proteste gegen Migranten in Südafrika organisieren. Sie machen Migranten für die hohe Arbeitslosigkeit, Verbrechen und Drogenkriminalität verantwortlich.«Wann wird die Regierung uns zuhören? Wann werden sie mit uns reden, anstatt uns in Fernsehansprachen mit der Polizei zu drohen?», fragte Ngobese-Zuma bei ihrer Ansprache am Dienstag. Die Demonstranten wollen marschieren, bis ihr Ziel erreicht ist. Und das ist: keine Ausländer ohne gültige Aufenthaltsgenehmigung in Südafrika. Unter den Demonstranten seien auch Vertreter der MK-Partei des ehemaligen Präsidenten Jacob Zuma sowie Vertreter religiöser Gruppen, berichtete der staatliche Fernsehsender SABC.Ein simbabwischer Migrant wartet am 30. Juni vor einer Behörde in Kapstadt. Einwanderungsgegner hatten illegal eingereisten Migranten ein inoffizielles Ultimatum gesetzt, das Land bis zu diesem Tag zu verlassen.Esa Alexander / ReutersRamaphosa verurteilt Mobgewalt gegen MigrantenDie ausländerfeindliche Gewaltwelle hat in den letzten Tagen erneut mehrere Todesopfer gefordert. Der ugandische Motorradtaxifahrer Niwamanya Wilberforce sei am Wochenende von einem Mob zu Tode geprügelt worden, bevor sein Motorrad gestohlen worden sei, berichtete der ugandische Botschafter in Südafrika am Sonntagabend dem ugandischen Fernsehsender UBC. Schon im April wurden zwei Nigerianer ermordet, im Mai zwei Mosambikaner. Läden, die von Ausländern betrieben werden, wurden immer wieder geplündert. Auch am Dienstag gab es gemäss Berichten des Senders SABC Plünderungen von Läden, die von Ausländern betrieben werden.Das Gesetz umzusetzen, sei Aufgabe der Regierung, erklärte Präsident Cyril Ramaphosa am Montag. Die privaten Gruppen hätten kein Recht, Läden zu plündern oder zu durchsuchen oder Menschen anzugreifen: «Es handelt sich um Selbstjustiz, die nur dünn mit patriotischen Floskeln getarnt ist.» Weiter sagte Ramaphosa: «Wir dürfen niemals zulassen, dass wir zu jenem schmerzhaften Kapitel unserer Geschichte zurückkehren, in dem Menschen auf der Strasse angehalten, ihre Identität genauestens überprüft und ihr Recht auf Freizügigkeit im Land durch Verdächtigungen und Demütigungen eingeschränkt wurde.»Phakel’umthakathi trat am Dienstag, wie auch sonst bei den Protesten, in traditioneller Zulu-Kluft auf, viele andere haben sich daran ein Beispiel genommen. Dazu gehört auch ein Holzstab, der zeremonielle Bedeutung hat – und den die Regierung nun im Rahmen der Proteste verboten hat, weil er als Waffe genutzt werden könnte. Zum Teil nahm die Polizei den Männern die Stäbe bei den Protesten am Dienstag ab.Die Demonstranten fordern, dass die Regierung Ressourcen mobilisiert, um Kriminalität zu bekämpfen. Und Südafrika hat ein Problem mit Kriminalität. Laut Statistiken ist der Anteil der Ausländer in Gefängnissen aber kaum höher als der Anteil der ausländischen Bevölkerung im Land insgesamt.Mitarbeiter privater Sicherheitsdienste stehen bei einer Kundgebung gegen illegal eingereiste Migranten in Johannesburg Wache.Kim Ludbrook / EPADie grosse AbschiebewelleDie Regierung reagiere nur, sagte Ngobese-Zuma. Dabei hat jene die Bekämpfung illegaler Migration bereits auf dem Schirm. Im ersten Jahr der Amtszeit der derzeitigen Regierung stieg die Zahl der Abschiebungen um 30 Prozent – von 39 672 im Jahr 2023/24 auf 51 560 im Jahr 2024/25. Darauf folgte im Jahr 2025/26 ein weiterer jährlicher Anstieg um 12 Prozent auf 57 784.Tausende Migranten haben Südafrika in den vergangenen Wochen aus Angst vor gewaltsamen Übergriffen verlassen. Vor den Botschaften von Ländern wie Malawi und Simbabwe haben sich Camps gebildet, weil Menschen Schutz suchen und Unterstützung bei der Reise in ihr Heimatland. Die Regierungen von Nigeria, Ghana, Kenya, Malawi, Uganda und Simbabwe organisieren Evakuierungen für ihre Staatsbürgerinnen und Staatsbürger, die aus Angst das Land verlassen. Manche, obwohl sie gültige Papiere haben.Passend zum Artikel