«Raus mit ihnen!»: In Südafrika wächst die Wut über die illegale Migration. Nun suchen die Demonstranten den Showdown mit der RegierungTausende Südafrikaner protestieren seit Monaten gegen die illegale Einwanderung. Eine Gruppe Mosambikaner wurde von einem Mob getötet. Viele Ausländer haben das Land verlassen. Für den 30. Juni kündigen die Demonstranten einen «grossen Befreiungsmarsch» an.28.06.2026, 15.39 Uhr5 LeseminutenTausende campieren im Freien aus Angst, Ziel von Gewalt zu werden: Migrantinnen und Migranten aus Simbabwe vor dem Konsulat ihres Heimatlandes in Kapstadt.Esa Alexander / ReutersMorgendliche Idylle an der Strandpromenade in Kapstadt: Der Atlantik glitzert, die Sonne schickt warme Strahlen, Jogger und Radfahrer überholen Eltern, die ihre Kinderwagen schieben.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Daneben steht Charlie Roux auf einem sauber gestutzten Rasen und schimpft in die Kameras und Mikrofone der Journalisten. «Südafrika ist zum Waisenhaus für gescheiterte afrikanische Staaten geworden», sagt die junge Frau. «Es gibt eine Schwemme von Ausländern, und wir Einheimischen kommen nicht gegen sie an – auf dem Arbeitsmarkt, in den Geschäften, den Schulen, überall haben Ausländer unsere Plätze eingenommen. Wir Südafrikaner sind zum Gespött geworden.»Roux, mit Hipsterbrille und einer Südafrika-Flagge um die Schultern, hat an diesem Junitag einen Protest gegen die illegale Einwanderung organisiert. Mehrere Millionen afrikanische Ausländer ohne gültigen Aufenthaltsstatus hielten sich im Land auf, sagt Roux. Und Südafrikas Regierung tue gar nichts. «Wir fordern die Regierung auf, endlich zu handeln, bei den Grenzkontrollen, bei gefälschten Aufenthaltspapieren. Wir wollen nicht gegen unsere Brüder aus Simbabwe oder Nigeria kämpfen. Aber illegale Ausländer sind ein Problem in Südafrika.»10 000 Migranten campieren aus Angst im FreienNur ein paar Dutzend Demonstrantinnen und Demonstranten sind an diesem Morgen dem Ruf von Roux gefolgt. Fast genauso viele Journalisten sind anwesend. Doch dieser Protest ist nur einer von vielen, die in Südafrika in diesen Wochen stattfinden. Es rumort im reichsten Land in der Subsahara, so sehr, dass die Lage zu eskalieren droht.Anti-Migrations-Demonstranten, manchmal ein paar Dutzend, manchmal Hunderte, sind in den vergangenen Monaten durch viele Städte gezogen. Die prominenteste Gruppe nennt sich «March and March», sie wird geführt von einer ehemaligen Radiomoderatorin. Diese und andere Gruppen haben bei ihren Protestzügen von Ausländern oder vermeintlichen Ausländern Aufenthaltspapiere verlangt. Sie haben ihnen den Zugang zu Kliniken versperrt. Sie haben an Protesten «Mabahambe» gerufen, das ist Zulu für: «Raus mit ihnen!» Und sie haben eine Deadline gesetzt, die nicht einzuhalten ist: Am Dienstag, dem 30. Juni, sollen alle illegal Eingewanderten das Land verlassen haben. Für diesen Tag haben mehrere Gruppen einen «grossen Befreiungsmarsch» angekündigt.Südafrikas Polizei ist in Alarmstimmung. Die Verteidigungsministerin hat angekündigt, dass die Armee strategisch wichtige Orte wie Flughäfen sichern werde. Notfalls könne man der Polizei beispringen.Die Sorge der Sicherheitskräfte rührt daher, dass es an verschiedenen Orten schon zu Gewalt gekommen ist. In einem kleinen Küstenort wurden mehrere Mosambikaner von einem Mob getötet. In der Provinz Kwa Zulu/Natal wurde ein Malawier zu Tode geprügelt.Die Gewalt hat dazu geführt, dass tatsächlich bereits Tausende von Ausländern Südafrika aus Angst verlassen haben, illegal wie legal Eingewanderte. Die Regierungen von Nigeria, Ghana, Malawi und Moçambique organisierten Flugzeuge und Busse, um Staatsangehörige zu evakuieren. In der Küstenstadt Durban, einem Hotspot der Gewalt, campieren mehr als 10 000 Menschen auf einem offenen Feld, weil sie sich in ihren Quartieren nicht mehr sicher fühlen. Auch in Kapstadt suchen einige Tage nach dem von Charlie Roux organisierten Protest Hunderte von Simbabwern Schutz beim Konsulat ihres Landes, weil sie vor allem in den Armenvierteln Drohungen ausgesetzt sind.Sind Einwanderer nur Sündenböcke?Die Anti-Einwanderungs-Proteste werden angetrieben von Südafrikas schlechter Wirtschaftslage. Das Land hat zwar die grösste Volkswirtschaft Afrikas, weist aber auch eine enorm hohe Arbeitslosigkeit auf: Laut offiziellen Zahlen ist jeder Dritte Südafrikaner arbeitslos, bei den jungen Erwachsenen sind es fast zwei Drittel. Die Arbeitslosigkeit ist bei der schwarzen Bevölkerungsmehrheit des Landes viel höher als bei der weissen Bevölkerung – dort liegt sie bei unter 10 Prozent.Die jetzigen Proteste sind vor allem Proteste der armen schwarzen Bevölkerung. Diese beschuldigt illegal eingewanderte Afrikaner, zu Tiefstlöhnen zu arbeiten. Einheimische, die an einen Mindestlohn gebunden sind, könnten nicht konkurrieren. Die Demonstranten machen Migranten auch für die enorm hohe Kriminalität in Südafrika verantwortlich.«Wir Südafrikaner sind zum Gespött geworden», sagt Charlie Roux (vorne Mitte), die Organisatorin eines Protests in Kapstadt.Esa Alexander / ReutersDrei Millionen Ausländer leben offiziell in Südafrika, das sind fünf Prozent der Gesamtbevölkerung. Südafrika ist ein attraktives Ziel für viele Migranten aus afrikanischen Ländern, die deutlich ärmer sind. Für Menschen aus Südafrikas Nachbarländern Simbabwe zum Beispiel, dessen Wirtschaft lange unter Hyperinflation litt, oder Moçambique, wo mehr als 80 Prozent der Bevölkerung mit weniger als drei Dollar pro Tag auskommen.Die meisten Experten sehen die Einwanderer als Sündenböcke in einer stagnierenden Volkswirtschaft. Ökonomen der Weltbank und der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) sagen, Südafrikas Einwanderer seien nicht für die hohe Arbeitslosigkeit unter Südafrikanern verantwortlich. Ausländische Staatsangehörige würden als Konsumenten und Unternehmer netto mehr Jobs in Südafrika schaffen als besetzen. Auch unter den Straftätern sind Einwanderer unterdurchschnittlich vertreten.Trotzdem hat Südafrika ein Problem mit illegaler Einwanderung. Die Migrationsgegner behaupten, mehrere Millionen illegal Eingewanderte tauchten in den offiziellen Zahlen gar nicht auf. Tatsächlich sind Südafrikas Grenzen porös. Täglich kommt es etwa am schlecht überwachten Grenzfluss mit Simbabwe zu illegalen Übertritten. Oder Einwanderer bestechen Grenzbeamte, um nach Südafrika zu gelangen. Viele Migranten in Südafrika sind zudem legal ins Land gekommen, aber ihre Papiere sind abgelaufen.Regierung verstärkt RazzienSüdafrikas Regierung ist wegen der Proteste im Land unter Druck geraten. Präsident Ramaphosa sagte in einer im Fernsehen übertragenen Rede Anfang Juni zwar: «Illegale Einwanderung ist nicht die Ursache unserer gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Schwierigkeiten.» Gleichzeitig kündigte er eine Reihe von Massnahmen an. Die Regierung will unter anderem die Grenzkontrollen verschärfen, Asylgesuche von Menschen zurückweisen, die durch sichere Drittstaaten gereist sind, und Arbeitgeber bestrafen, die Ausländer ohne gültige Aufenthaltspapiere beschäftigen.Die Regierung hat auch vermehrt Razzien durchgeführt. Mit Juni teilte sie mit, bisher seien in diesem Jahr 40 000 illegal Eingewanderte wegen Verstössen gegen die Einwanderungsgesetze festgenommen worden.Für Präsident Ramaphosa kommen die Anti-Einwanderungs-Proteste besonders ungelegen, weil er ohnehin angezählt ist. Gegen ihn läuft eine Impeachment-Untersuchung wegen eines undurchsichtigen Skandals um Hunderttausende von Franken Bargeld, die Einbrecher 2020 aus einem Haus Ramaphosas gestohlen hatten und deren Herkunft unklar ist.Die laufenden Proteste haben auch eine parteipolitische Dimension. Anhänger der Regierung werfen Oppositionsparteien vor, die Proteste anzuheizen, um die Regierung im Hinblick auf die im November anstehenden Lokalwahlen zu schwächen. Vor allem dem früheren Präsidenten Jacob Zuma, der 2018 nach Korruptionsvorwürfen aus dem Amt gedrängt wurde, wird vorgeworfen, aus den Protesten politisches Kapital schlagen zu wollen.Proteste gegen illegale Einwanderung gab es in Südafrika schon früher. 2008 wurden bei Ausschreitungen 62 Personen getötet. 2018 gab es 12 Tote.Die Organisatoren der Proteste am 30. Juni betonen, jegliche Gewalt abzulehnen. Das sagt auch Charlie Roux, die Organisatorin der Demonstration in Kapstadt. Gleichzeitig sind sie entschlossen, den Showdown zu suchen. Bei der Pressekonferenz zum «grossen Befereiungsmarsch» sagte eine andere Anführerin: «Südafrika wird wieder gross sein. Dazu ist es nur nötig, dass wir alle uns erheben, um den Feind zu besiegen.»Die Regierung hat angekündigt, es am 30. Juni nicht zu Gewalt kommen zu lassen. «Wir werden sicherstellen, dass es ein normaler Tag wird, an dem die Leute arbeiten und ihrem Alltag nachgehen können», sagte Präsident Ramaphosa. Viele Südafrikanerinnen und Südafrikaner sowie legal und illegal Eingewanderte blicken dem Tag dagegen mit Bange entgegen.Passend zum Artikel
Südafrika vor Showdown am 30. Juni: Proteste gegen illegale Einwanderung eskalieren
Tausende Südafrikaner protestieren seit Monaten gegen die illegale Einwanderung. Eine Gruppe Mosambikaner wurde von einem Mob getötet. Viele Ausländer haben das Land verlassen. Für den 30. Juni kündigen die Demonstranten einen «grossen Befreiungsmarsch» an.
Südafrika: Proteste gegen illegale Migration eskalieren zum 30. Juni; Zehntausende Migranten fliehen aus Angst. Strukturelle Arbeitslosigkeit (Jugendliche 60%+) signalisiert Marktinstabilität in Sub-Sahara—kritisch für Tech-Leader bei Geo-Diversifikation von Teams und Supply-Chain-Planung in unstabilen Märkten.











