Stahlzölle der EU: Die Schweizer Hersteller würden massiv eingeschränkt, klagt SwissmemAb Juli gelten in der EU höhere Zölle und niedrige Quoten für Stahlimporte. Das ist nicht nur schlecht für Schweizer Hersteller, sondern auch für Europas Konsumenten.30.06.2026, 16.04 Uhr4 LeseminutenMehr Schutz für die Stahlindustrie: Damit reagiert die EU auch auf Proteste von Stahlarbeitern, wie sie vor zwei Wochen etwa im deutschen Saarland stattgefunden haben.Becker Bredel / ImagoDie grossen Wirtschaftsmächte tragen viele Handelskonflikte aus, bei keinem Produkt ist der Streit aber so heftig wie bei Stahl. Auf dem Weltmarkt gibt es viel höhere Mengen dieses Werkstoffs, als die Industrie benötigt. Deshalb schützen die Länder den als strategisch geltenden Stahlsektor immer häufiger mit Quoten und Zöllen.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. 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Bekannt war bereits, dass die EU den Zoll per 1. Juli von 25 auf 50 Prozent erhöhen wird. Die Importabgabe wird fällig, wenn ein im Vergleich mit dem alten Regime halbiertes Importkontingent von 18,3 Millionen Tonnen ausgeschöpft ist.Unklar war hingegen, was das für Exporteure aus Drittstaaten wie der Schweiz bedeutet und ob sich Firmen und Konsumenten in der EU auf höhere Preise einstellen müssen.Die Schweiz erhält zwar wie zwölf weitere Länder, die mit der EU einen Handelsvertrag abgeschlossen haben, eine höhere Quote als andere Staaten. Trotzdem liegt diese nur noch bei 65 Prozent der durchschnittlichen Exportmenge der Jahre 2022 bis 2024.«Die Entscheidung aus Brüssel ist enttäuschend und trägt der engen wirtschaftlichen und politischen Partnerschaft zwischen der EU und der Schweiz in keinerlei Hinsicht Rechnung», sagt Jean-Philippe Kohl, der Leiter Wirtschaftspolitik des Industrieverbandes Swissmem. Die beiden Schweizer Stahlwerke – sie befinden sich in Emmen und in Gerlafingen – würden massiv eingeschränkt, für sie werde es noch schwieriger, im Markt zu bestehen.Vergleichsweise leisetreterisch gibt sich das Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco). Die Schweiz stehe in Kontakt mit der EU und setze sich weiterhin dafür ein, dass die Massnahmen den bilateralen Handel zwischen der Schweiz und der EU nicht oder möglichst wenig einschränkten, sagt ein Sprecher.Steigen in der EU nun die Preise?Die Furcht, dass die Zölle und Quoten in den EU-Ländern zu höheren Kosten führen könnten, hat die Kommission am Dienstag heruntergespielt. Es gelange nicht weniger Stahl auf den Markt als bisher. Ein leicht höherer Anteil werde aber künftig in der EU und in den Staaten des Europäischen Wirtschaftsraums (EWR) gefertigt, sagte ein hochrangiger Vertreter der EU-Kommission. Der Preiseffekt werde letztlich gering sein, da die meisten Produkte nur zum kleinen Teil aus Stahl bestünden, so Autos oder Waschmaschinen.Ein Vertreter des deutschen Automobilverbandes VDA meinte, ein gewisser Schutz der Stahlindustrie könne angesichts der geopolitischen Rahmenbedingungen sinnvoll sein. Die Interessen der Konsumenten und der weiterverarbeitende Industrie müssten aber berücksichtigt werden.An den Finanzmärkten gehen die Investoren allerdings von steigenden Stahlpreisen aus. Die Aktienkurse von Herstellern wie ArcelorMittal und Voestalpine haben in den vergangenen Monaten zugelegt. Es habe einen Ansturm («rush») auf Stahltitel gegeben, schreiben die Aktienanalytiker des Brokers Baader. Ein Auslöser davon sei die Ankündigung der EU-Kommission gewesen, die Importquote zu reduzieren.Dabei scheint es selbst der Kommission nicht wohl zu sein mit dem verschärften Importschutz. Die EU wird zwar schleichend protektionistischer, innerhalb der Kommission und vor allem in der Generaldirektion Handel gibt es aber nach wie vor viele Vertreter, die sich für möglichst offene Märkte einsetzen.Allerdings haben sie einen zunehmend schwierigen Stand, je mehr Chinas Wirtschaftskraft und die angeblich hoch subventionierten Firmen des Landes den Kontinent ökonomisch in Bedrängnis bringen.Das Überangebot wird noch zunehmenDas Wunschszenario der EU besteht nach wie vor darin, mit allen wichtigen Produzentenländern ein Abkommen zu treffen, welches das Problem der Überproduktion löst. Allerdings sieht es nicht danach aus, als werde den Staaten ein solcher Effort gelingen. Vielmehr wird sich die Lage auf dem globalen Stahlmarkt laut der Wirtschaftsorganisation OECD noch verschärfen. In den kommenden Jahren gingen neue Stahlfabriken in Betrieb, während die Nachfrage eher stagniere, meinte die OECD im Juni.Während die EU davor zurückschreckt, Chinas «Schuld» am Überangebot zu benennen, hat die OECD hier eine klare Meinung. China unterstütze die Stahlindustrie um ein Vielfaches mehr als die anderen grossen Produzentenländer, schreibt die Organisation. Hinzu kommt, dass der Immobiliencrash in China die Nachfrage nach Stahl dämpft. Umso heftiger drängen die Hersteller des Landes auf ausländische Märkte.Anders als dreizehn Staaten erhält China keinen bevorzugten Zugang zum EU-Markt. Das könnte die Spannungen zwischen den beiden Wirtschaftsmächten verschärfen – möglicherweise sieht Chinas Regierung die EU-Quoten als gegen ihr Land gerichtet an.Keine Probleme dürfte sich die EU dagegen mit den USA einhandeln. Unternehmen von dort exportieren kaum Stahl nach Europa. Ein Mitarbeiter der Kommission sagte sogar, die Massnahmen der EU seien im Sinne der USA – wohl auch weil sie sich eindeutig gegen China richten.Passend zum Artikel