Der eisbrechende russische LNG-Tanker Rudolf Samoylovich steuert in der Nacht zum Montag vom Ärmelkanal kommend um das Skagerrak, nimmt Kurs auf die dänische Insel Fünen. Sein Ziel am Montagabend: die Fayard-Werft bei Odense. Das zeigen von der WirtschaftsWoche gefilterte Positionsdaten.Seit Jahren steht der Betrieb, hinter dem eine der reichsten Familien Dänemarks steckt, in der Kritik, weil er die für Wladimir Putin so wichtigen eisbrechenden Schiffe auch nach dem Überfall auf die Ukraine in Schuss hält.16 solche Schiffe besitzt Russland heute. Sie ermöglichen es dem Kreml, sowohl nicht sanktioniertes als auch sanktioniertes arktisches Flüssigerdgas (Liquefied Natural Gas, kurz LNG) ganzjährig weltweit zu exportieren.Warum Fayard trotz Sanktionen weitermachtDie Fayard-Werft betont, man biete keine Dienstleistungen für sanktionierte Schiffe an: Die Werft verfolge die Daten aller Schiffe und überprüfe diese, bevor sie ihnen die Einfahrt in die Anlage erlaube. So stelle man sicher, dass die gewarteten Schiffe den Vorschriften entsprechen, so das Unternehmen auf Anfrage der WirtschaftsWoche. Die Rudolf Samoylovich fuhr am Dienstagmorgen in die Werft ein.Tatsächlich steht die Rudolf Samoylovich laut OpenSactions bislang auf keiner der Embargolisten der EU, der USA oder der UN. Allerdings sanktioniert die Ukraine das Schiff eigenen Angaben zufolge seit dem 13. Dezember 2025, weil es im russischen Energiesektor aktiv sei, „dessen Gewinne eine der wichtigsten Einnahmequellen für den Haushalt des Aggressorstaates darstellen“.Seit Februar 2022 hat jedes Arc7-LNG-Schiff im Schnitt 5,3 Millionen Tonnen Flüssigerdgas bewegt, schätzt die deutsche Menschenrechts- und Umweltschutzorganisation Urgewald. Das entspricht in etwa 70 voll beladenen Touren je Tanker. Basierend auf Vergangenheitsdaten könnten diesen Sommer bis zu sechs solche Schiffe die Werft für einen Service anlaufen. Schließlich werden sie alle drei Jahre gründlich gewartet. Viele, darunter auch die Rudolf Samoylovich, sind nicht in Russland registriert, sondern in Ländern wie den Bahamas. Wohl auch, weil seit April 2026 die Wartung von in Russland registrierten Schiffen verboten ist.Die Wartungsarbeiten gelten auch deshalb als problematisch, weil einige der 16 Schiffe seit 2025 nicht mehr nur Erdgas aus dem bislang nicht sanktionierten Jamal-LNG-Terminal abtransportieren. Immer mehr Gas kommt inzwischen vom gegenüberliegenden Arctic-LNG-2-Terminal. Und das ist sanktioniert. Dieses Gas wird offenbar meist per eisbrechendem LNG-Tanker zum schwimmenden Terminal Saam nahe Murmansk gebracht und dort auf nicht eisbrechende LNG-Tanker umgeladen. Das hatte im Mai eine Satellitenbildrecherche der WirtschaftsWoche gezeigt. Ohne eisbrechende Schiffe ist das kaum möglich, denn die Zufahrt zu den arktischen Terminals ist den größten Teil des Jahres zugefroren. Es ist daher zu erwarten, dass die nun in Dänemark eingesetzten Schiffe künftig auch am Arctic-LNG-2-Terminal eingesetzt werden.Reicher dank russischer Aufträge?In der Vergangenheit gab es zwei europäische Werften, die die eisbrechenden russischen LNG-Schiffe gewartet haben. Neben Fayard war das die Werft des niederländischen Unternehmens Damen im französischen Brest. Damen zog sich jedoch 2024 auf politischen Druck hin aus dem Geschäft zurück.Fayard hielt fest, womöglich auch zum eigenen finanziellen Vorteil. Die Eigentümerfamilie der Fayard-Werft um Thomas Wilkens Andersen, die als äußerst zurückhaltend gilt, belegte im dänischen Magazin „Danmarks rigeste“ 2025 Platz 59 der reichsten Dänen – mit einem geschätzten Vermögen von rund 508 Millionen Euro. Seit 2024 sei das ein Anstieg um fast 190 Millionen Euro gewesen.Dass die Aufträge aus Russland für das Unternehmen wirtschaftlich von großer Bedeutung seien, bestreitet Fayard aber: 2025 habe das Unternehmen fünf eisbrechende LNG-Tanker gewartet. Insgesamt seien in dem Jahr 120 Schiffe gewartet worden.FAYARD-WERFT, MUNKEBO BEI ODENSE, FÜNEN, DÄNEMARK20.08.2025: Ein eisbrechender russischer LNG-Tanker liegt für Wartungsarbeiten im Trockendock der Werft. Foto: LiveEO/Google Earth/AirbusFür den Kreml sind die Schiffe umso wichtiger. Bei Fayard bietet sich nun die wohl letzte Gelegenheit, die Schiffe in Europa warten zu lassen. Denn ab 1. Januar 2027 tritt parallel zu einem Einfuhrstopp für russisches LNG auch eine EU-Regelung in Kraft, die solche Reparaturen an russischen LNG-Schiffen verbietet. Es ist anzunehmen, dass Russland solche Arbeiten dann nach China verlagern wird. Das Land ist heute einer der größten Produzenten von LNG-Tankern und dürfte künftig auch einer der wichtigsten Importeure werden.Gebaut wurden die eisbrechenden russischen LNG-Tanker in Korea. Das Land hat sich aufgrund der Sanktionen allerdings ebenfalls aus Verträgen mit dem Regime in Moskau zurückgezogen. Der Bau weiterer Arc7-Schiffe verzögert sich daher seit Jahren. So ist es für den Kreml zurzeit besonders wichtig, dass keines der bestehenden Schiffe aufgrund eines Defektes ausfällt.Eine schwimmende Umladestation wie bei Murmansk hat der Kreml auch am Nordpazifik installieren lassen. Es ist zu erwarten, dass die Arc7-Tanker ab 2027 den arktischen Ozean in Richtung Osten durchqueren, um das Flüssigerdgas statt nach Europa nach Asien zu bringen. Der eisbrechende russische LNG-Tanker Christophe de Margerie beispielsweise war in den vergangenen Wochen bereits auf der Asien-Route unterwegs.Schiffe statt PipelinesDie eisbrechenden Schiffe gelten als der wahrscheinlich wichtigste ökonomische Schachzug des Kremls, um die Einnahmen aus dem Gasexport auch in Zeiten eines Krieges zu sichern. Als die Nord-Stream-Ostseepipelines gesprengt wurden, übernahmen die Schiffe fast die komplette Kapazität. Zudem verleihen sie dem Regime Flexibilität. Es kann das Gas auch in Länder außerhalb Europas exportieren, sobald Sanktionen dies verlangen.Fayard verteidigt derweil in einer E-Mail die Reparaturarbeiten: Fayard unterstütze die EU bei ihrer Energiepolitik und ihren Sanktionen gegen Russland. „Die Kommission hat entschieden, dass LNG aus Jamal bis 2027 für die europäische Energieversorgung notwendig ist. Daher betreuen wir bestimmte Schiffe, die europäische Häfen anlaufen und das LNG nach Europa liefern, um die Sicherheit im Seeverkehr zu gewährleisten und die EU zu unterstützen“, heißt es weiter. Die Wartung an den Schiffen werde spätestens Ende 2026 eingestellt.Die EU hatte jahrelang ein Auge zugedrückt, wenn es um den Import russischen LNGs ging und um die Schiffe, die den Transport ermöglichen. Erst im Januar hat der Rat der Europäischen Union ein vollständiges Verbot gebilligt.