Tim Pütz und Yannick Hanfmann schauten verwundert, als plötzlich Aufregung neben ihrem Trainingsplatz 8 im Aorangi Park herrschte. Zwanzig oder dreißig Menschen standen auf einmal am Rand, Handys wurden hochgehalten, Kameras filmten, und mittendrin im Gewusel ragten lange, gewellte Extensions hervor. Kurz darauf wurde die Trägerin der Haarpracht zur Seite genommen und mit einem Pinsel betupft, am Hals, an den Wangen. Sonnencreme konnte nicht schaden an diesem lovely Sommertag im All England Club. Die deutschen Tennisprofis trollten sich verdutzt. Die Queen war da: Tennismajestät Serena Williams. Fanfaren, bitte!Gut, so weit kam es nicht, aber ein kleopatrahaftes Spektakel war es schon, wie Serena Williams, 44 Jahre alt, das Trainingsareal des Rasenklassikers in Wimbledon betrat. Sie schwebte mehr ein, als zu erscheinen wie ein sterbliches Wesen. In ihrem Hofstaat waren Tochter Olympia, Mann Alexis Ohanian, Agentin Jill Smoller zu identifizieren, dazu ein Social-Media-Mann, der dauernd knipste, eine Dame, die wild dirigierte.PR-Experte Brinkert:„Zverev geht mit einem schweren Handicap ins Sponsoringrennen“Alexander Zverev hätte das Profil für eine große Erzählung, sagt PR-Experte Raphael Brinkert. Doch für eine angemessenere Vermarktung steht dem Tennisprofi seine Vergangenheit im Weg. Ein Gespräch über sein Image.Wie sie sich gefühlt habe, als sie erstmals nach vier Jahren wieder durch die Tore des Clubs geschritten sei, wurde Williams später bei ihrer Audienz, als Pressekonferenz getarnt, gefragt. „Ich kann nicht behaupten, dass ich viele Emotionen verspürt habe“, sagte Williams. Sie habe ja die Woche davor am Turnier im Queen’s Club in London teilgenommen. Also alles alltäglich? Sicher nicht.Welche Ausnahmefigur Serena Williams ist, auch wenn sie ihr letztes offizielles Einzel in der dritten Runde der US Open 2022 gegen die Australierin Alja Tomljanovic bestritten hatte, war bei ihrer Trainingseinheit zu sehen. Auf das Areal im Aorangi Park dürfen nur Profis, Teammitglieder und Medienvertreter, und fast alle, die vorbeigingen, reckten die Hälse; der Franzose Arthur Fils hob die Augenbrauen, der zweimalige Wimbledon-Champion Andy Murray, nun Coach von Jack Draper, schaute vom benachbarten Platz rüber, Karolina Muchova linste über den Zaun. Die Tschechin war eine von zwei Partnerinnen, mit denen Williams bei bereits zwei Rasenturnieren im Doppel angetreten war. Im Queen’s Club hatte sie mit Victoria Mboko gespielt, ehe sich die Kanadierin verletzte.In Wimbledon tritt Williams erneut im Doppel an, mit Schwester Venus, 46, die am Sonntag neben Serena auf Court 9 Bälle schlug. Als klar war, dass die zwei Legenden in Wimbledon die Schläger schwingen wollen, machte der Veranstalter AELTC etwas Ungewöhnliches: Er gab ihnen, obwohl keine Britinnen und ohne vorzeigbare Ergebnisse in den letzten Jahren, fürs Doppel und Serena zusätzlich fürs Einzel jeweils eine Wildcard.Die International Tennis Integrity Agency (ITIA) korrigiert Serena WilliamsWarum, wieso, weshalb das alles, das waren dann die Fragen auf ihrer Pressekonferenz. Natürlich kam sie verspätet, Superstars sind selten pünktlich, dann tauchte sie auf, weiße Bluse, ernster Blick, sie bewegte sich langsam, sprach langsam, alles wie in Zeitlupe. So wirkte sie auch früher oft, irgendwie in ihrer eigenen Sphäre, leicht abwesend, dann unheimlich präsent. Dass aber auch für sie, jetzt Mutter zweier Töchter, die Jahre ins Land gezogen sind, wurde rasch deutlich.Zum einen äußerte sie, und das war fast eine Breaking News, Zweifel am Start im Einzel. „Ehrlich gesagt, bin ich mir immer noch nicht sicher“, sagte Williams, die an diesem Dienstag laut Ansetzung auf dem Centre Court auf die Weltranglisten-87. Maja Joint, 20, trifft. Dass sie gegen die 20-Jährige verliert, wäre indes eine mittlere Sensation, die Australierin erlebt eine desaströse Saison. Und im Training traf Williams hart die Bälle, auch wenn sie dabei hüftsteif agierte. Andererseits dachte sie wohl auch an ihren letzten Wimbledon-Auftritt, vor vier Jahren scheiterte sie an der Französin Harmony Tan, damals Nummer 115 der Weltrangliste.Zum anderen zeigte sich Williams nicht bestens informiert, und das ausgerechnet beim Thema Dopingkontrollen. Williams muss ja wieder, das ist eine Voraussetzung als aktiver Profi, am Anti-Doping-Testpool teilnehmen, worüber sie gleich klagte: „Das ist echt zermürbend. Sie haben die Regeln jetzt geändert. Einige kannte ich gar nicht.“ Es wurde noch erstaunlicher: „Anscheinend gilt er als versäumt, wenn man einen Test außerhalb seines Zeitfensters verpasst. Da denke ich mir: ‚Na toll, dann kann ich wohl nicht meine Kinder abholen.‘“ Die Vorgaben halte sie für unprofessionell, „ich hasse es“, sagte sie sogar. „Ich halte es zwar für notwendig. Aber wenn ich außerhalb meines Zeitfensters irgendwo hingehen möchte, sollte ich das machen können, ohne dass es als verpasster Test gewertet wird. Ich finde, es muss einen anderen Weg geben, das vernünftig zu gestalten, denn das hier ist einfach unvernünftig.“ Was sie genau meinte, ließ sie offen, konfus klang das alles in jedem Fall.Serena Williams spielt an diesem Dienstag gegen die 20-jährige Maja Joint aus Australien. Matthias Hangst/Getty ImagesIhre Aussagen riefen prompt die International Tennis Integrity Agency (ITIA) auf den Plan, die Williams noch am Sonntag korrigierte. Die Regeln seien keineswegs geändert worden, teilte die Aufsichtsbehörde der Nachrichtenagentur AP mit. Weiter widersprach die ITIA: „Kann ein Tester einen Sportler außerhalb dieser festgelegten Stunde nicht antreffen, gilt dies nicht als ‚verpasste Kontrolle‘.“ Ob Williams sich etwas zuschulden kommen ließ, blieb letztlich unklar. Denn statt um Präzisierung zu bitten, wurde sie abschließend gefragt, was die Botschaft ihrer Rückkehr sei. „Diese Botschaft wird sich erst am Ende herauskristallisieren“, sagte sie, „im Moment glaube ich einfach, dass man an sich selbst glauben und jeden Traum verfolgen muss – ganz gleich, wie gewagt er auch sein mag.“ Das immerhin war dann ein unverfänglicher Satz Ihrer Tennismajestät.