Und nun? War’s das jetzt wieder mit der Einzelkarriere, und es geht zurück ins gewohnte Leben als Ehefrau, Mutter und viel beschäftigte Geschäftsfrau? Oder setzt sie den Versuch fort, die Zeit ein wenig zu ihren Gunsten zurückzudrehen, und lässt sich demnächst auf den Hartplätzen ihrer amerikanischen Heimat blicken? Bei den US Open, dem letzten der vier Grand-Slam-Turniere dieses Jahres, würden ihr die Veranstalter eine Wildcard mit Kusshand geben und dazu Lorbeerkränze flechten, wie es die hohen Herren in Wimbledon neulich getan haben. Oder hat sie ihr erster Einzelauftritt nach fast vier Jahren so ernüchtert und entmutigt, dass sie wieder den Jüngeren den Tennisplatz überlässt?Man hätte die 44 Jahre alte Serena Williams gerne nach ihren Einschätzungen, Gefühlen und Plänen gefragt, nachdem sie am späten Dienstagabend in der ersten Runde des Wimbledon-Turniers gegen die 24 Jahre jüngere Australierin Maya Joint mit 3:6, 7:6, 3:6 ausgeschieden war. Aber die Dame, die auf dem „heiligen Rasen“ siebenmal im Einzel gewann, sechsmal im Doppel und einmal im Mixed, ließ sich nicht mehr blicken.Dem Gespräch mit Journalisten, verpflichtend für einen Tennisprofi und nicht ohne Sanktion zu schwänzen, blieb Williams fern. Es sei ihr leider unmöglich, teilten die Wimbledon-Offiziellen ohne Angabe von Gründen mit. Um ein Mindestmaß an Gepflogenheit zu wahren, verbreitete der Veranstalter fünf schwärmerische Sätze im Sinne von Serena Williams: „Es war wirklich großartig, wieder in Wimbledon zu sein. Ich hätte nie erwartet, hier zu sein. Die Atmosphäre war phantastisch. Den Platz zu betreten, war großartig. Ich habe es definitiv genossen, es vermisst und den Moment mehr als alles andere ausgekostet.“Extrawürste für die TennislegendeDie dürre Mitteilung erzählt bestenfalls die halbe Wahrheit. Zuvor hatte Serena Williams Tennisfreunden wie Andy Murray anvertraut, dass sie sich nach dem Wettbewerb zurücksehne. Und wer sie früher auf dem Platz erlebt oder am Dienstag auf dem Centre-Court schlagend, schreiend und hochenergetisch gesehen hat, wird mehr seinen Augen trauen als Williams’ wohlfeilen Worten. Diese Frau hatte mehr vor, als sich mal wieder in London zu zeigen. Auch wenn sie beim Verlassen des Platzes nach 2:22 Stunden Spielzeit tapfer nach allen Tribünenseiten winkte: Die Amerikanerin schien frustriert und verärgert darüber zu sein, wie bei ihren zuvor letzten Auftritten in Wimbledon 2021 und 2022 in der ersten Runde rausgeflogen zu sein.Das Entgegenkommen, sich nicht den Fragen der Öffentlichkeit stellen zu müssen, war nicht die einzige Extrawurst, die der Tennislegende hingehalten wurde. Obwohl wegen ihrer langen Abwesenheit nicht mehr in der Weltrangliste geführt, wird sie überall mit einer Wildcard hofiert; zunächst fürs Doppel bei den WTA-Turnieren im Queen’s Club und in Berlin, dann im Einzel und als Nächstes im Doppel mit ihrer älteren Schwester Venus beim Saisonhöhepunkt auf Rasen. Dass Williams’ Match gegen Maya Joint als abendlicher Höhepunkt auf dem Centre-Court angesetzt wurde, quasi mit der Titelverteidigerin Iga Świątek und dem French-Open-Sieger Alexander Zverev im Vorprogramm, gehörte zum Hype. Ebenso, dass selbst ein sonst um Sachlichkeit bemühtes Medium wie „The Athletic“ von „einer der bemerkenswertesten Nächte in der Turniergeschichte“ schrieb.Auf Abstand: Williams beim „Shakehands“ mit ihrer GegnerindpaDie meisten in der Szene mischten mit und hießen Serena herzlich willkommen. Oder taten zumindest so. Viele, die sie von früher kennen, drückten und herzten sie wie eine verloren geglaubte Schwester. Die Deutsche Tatjana Maria, die in Florida in Williams’ Nachbarschaft lebt, ebenfalls zweifache Mutter ist und nach dem Aus der Amerikanerin nun die Älteste im Feld, hielt den Rummel für etwas „für den Sport allgemein Schönes“. Novak Djokovic, der 24 Grand-Slam-Titel gewonnen hat und damit einen mehr als die geschätzte Kollegin, fand schon deren Erscheinen „wirklich inspirierend“.Williams spielt so lalaAus dem Häuschen gerieten auch die Zuschauer auf dem Centre-Court. Sie waren gekommen, um Serena zu erleben und ein Spektakel daraus zu machen. Angesichts der Ausgelassenheit und Lautstärke auf den Tribünen hätte ein unbedarfter Ohrenzeuge vermuten können, dass die Zuschauer den ersten WM-Titel einer englischen Fußballnationalmannschaft seit 1966 feiern und nicht irgendeinen gelungenen Schmetterball einer amerikanischen Tennisspielerin. Das verbreitete Gefühl eines sporthistorischen Moments zeigte sich auch daran, dass Zuschauer mit ihren Smartphones fast alles filmten, was Serena Williams tat. Die Aufnahmen mit den 37 unerzwungenen Fehlern, darunter sieben Doppelfehler, und acht vergebenen Break-Chancen sind sicher schnell gelöscht worden. Aber was war auf den Videoclips zu sehen, die die Hobbyfilmer am nächsten Tag im Freundeskreis herumreichten? Eine Legende, die so lala spielt.Aus dem Stand spielte Serena Williams mit Doppel-Wumms wie früher. Beim ersten Schlag, ob Service oder Return, hat die Amerikanerin weiterhin das Zeug zur Großmacht. Mit ihrem Aufschlag erreichte sie 196 Kilometer pro Stunde, das bedeutet Platz vier unter den 128 Wimbledon-Teilnehmerinnen. Kritisch wurde es für Williams, die sich der Abnehmspritze Zepbound bedient und fitter aussieht als früher, wenn sie nach den Bällen rennen musste oder sie auf ihren Körper zielten. Dass sie am Ende weniger Asse und Winner geschlagen hatte als ihre Gegnerin, wäre früher nicht passiert. Dass sie auf dem Platz weniger Wegstrecke zurücklegte, war immer üblich. Schwer einzuschätzen, wozu Serena Williams in der Lage wäre, wenn sie regelmäßiger bei Turnieren auftauchte und sich wieder die oft beschworene „Matchhärte“ aneignete.Die Australierin Joint, die auf der WTA-Tour ihre vergangenen elf Matches verloren und in der Nacht zuvor angeblich kaum geschlafen hatte, übernahm überzeugend die Rolle als beste Nebendarstellerin. Obwohl sie angeblich vor Aufregung vergessen hatte, sich aufzuwärmen, trotzte die 87. der Weltrangliste äußerlich unbeeindruckt dem Star des Abends. Joint zeigte sich als würdige Vertreterin der jungen Tennisgeneration, die sich vieles abgeschaut hat von ihrer Vorgängerin, die angeblich vor allem deshalb spielt, damit ihre Töchter Olympia und Adira es erleben können: die Athletik, das Powertennis, das Unerbittliche. Es sei „einfach nur einschüchternd, gegen jemanden spielen zu müssen, der so viel erreicht hat in seiner Karriere“, sagte Joint später. Williams hatte schon sieben ihrer 23 Grand-Slam-Titel gewonnen, ehe die Australierin das Licht der Welt erblickte. Ihren bisher letzten Major-Titel gewann sie 2017 bei den Australian Open – nach einem Finale gegen ihre Schwester Venus, die mit ihren 46 Jahren auch noch gelegentlich auf der Tour aufschlägt.Serena Williams drückte nicht nur mit ihrem Nichterscheinen bei der obligatorischen Pressekonferenz aus, dass sie vor allem die angenehmsten Seiten des Profigeschäfts mitnehmen möchte. Wie sehr sie auf Abstand bedacht ist, zeigte ihr Verhalten nach der Niederlage. Mit weit ausgestrecktem Arm ging die Amerikanerin auf Maya Joint zu und reichte ihr die Hand zum Sieg. Keine Umarmung. Könnte ja sein, dass die Aura verschwindet, je näher man der Legende kommt.
Serena Williams: Niederlage in Wimbledon und kein Statement
Bei ihrem Comeback in Wimbledon scheidet Serena Williams in Runde eins aus und schwänzt anschließend die Pressekonferenz. Auch mit 44 Jahren hat sie noch das Zeug zur Großmacht – jedoch nur noch in Momenten.












