Der andere BlickWarum Hitze in Deutschland so schnell zur Krise wirdDas heisseste Wochenende des Jahres hat gezeigt, wie verletzlich das Land ist. Statt vorzusorgen, warnen Staat und Institutionen oft lieber – und verlagern Verantwortung auf den Einzelnen. Drei Lehren aus einem Sommer, der kein Stresstest sein sollte.29.06.2026, 05.50 Uhr3 LeseminutenAbkühlung am Berliner Dom: Der Sommer sollte kein Stresstest für ein modernes Land sein.Achille Abboud / ImagoSie lesen einen Auszug aus dem Newsletter «Der andere Blick am Morgen», heute von Florian Eder, Chefredaktor der NZZ Deutschland. Abonnieren Sie den Newsletter kostenlos. Nicht in Deutschland wohnhaft? Hier profitieren.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Die grosse Hitze ist fürs Erste vorbei. Für diesen Montag sind Höchsttemperaturen von unter 30 Grad angesagt. Was bleibt, sind Leid, Schäden und drei Lehren für die nächste heisse Welle. Staat und Institutionen müssen sich entscheiden: Entweder sie ertüchtigen die Systeme für die neue Normalität, oder sie verwalten dauerhaft den Mangel.Vorsorgen ist besser als warnen: Die Wetter-App auf dem Smartphone schlägt heutzutage schon bei wesentlich geringeren Temperaturen an als den 41,5 Grad, die am Samstag in Sachsen-Anhalt gemessen wurden. Das ist nicht falsch, man hat bei der Flut im Ahrtal gesehen, wie schnell eine Lage kippen kann – in der Logik der Absicherung ist es sogar rational: lieber einmal zu viel kollektiv erschreckt, als einmal juristisch haftbar gemacht. Auch daher: Alarmstufe Rot fürs ganze Land, wie sie der Deutsche Wetterdienst ausgerufen hatte.Besser wäre es, für die grosse Hitze vorzusorgen: Infrastruktur ertüchtigen, Klimaanlagen in Zügen so ausstatten, dass sie durchhalten, Autobahnen so bauen, dass sie nicht aufplatzen, wenn es zu heiss wird, wie am Wochenende wieder vielfach geschehen. Die Städte so planen, dass Luft zirkulieren kann und genügend Grün vorhanden bleibt, um zu kühlen. Wir müssen uns an eine neue Welt gewöhnen. Sie wird heisser sein.Da kommt die zweite Lehre ins Spiel: Nicht Verdrängung, sondern Anpassung ist der richtige Weg. Aber die Anpassung ist verdächtig: Wer akzeptiert, dass der Klimawandel Realität ist und heissere Sommer normal werden, der steht bei Aktivisten im schlechten Ruf, womöglich ein grosses Ziel der Menschheit aus dem Auge zu verlieren: nämlich, den Temperaturanstieg aufzuhalten.Vom Süden lernenDeutschland hat schon seit langem ein schwieriges Verhältnis zur Anpassung. Die Leidtragenden sind die Bürger. Man müsste sich Vorbilder nehmen an südlichen Ländern. Etwa bauen wie sie: drinnen für Kühle sorgen, anstatt mit bodentiefen Glasflächen die Hitze einzuladen. Bei Neubauten müssten Klimaanlagen längst Standard sein. Eine Flexibilisierung der Arbeitszeit über die Woche hin erscheint auch aus diesem Grund sinnvoll. Und die Siesta klingt in deutschen Ohren nach mediterranem Müssiggang. Sie ist aber vor allem Vernunft bei Hitze.Anpassung hiesse zu sagen: Das Klima verändert sich, also verändern wir unsere Systeme pragmatisch mit. Aber selbst der Pragmatismus steht unter Rechtfertigungsdruck. Dabei sind Klimaschutz und Klimaanpassung keine Gegensätze: Eine reife Gesellschaft muss beides können.Deutschland warnt und mahnt und appelliert. Man leidet lieber normativ korrekt, als pragmatisch herunterzukühlen: Klimaanlagen entlasten Krankenhäuser, schützen vulnerable Menschen, verhindern Hitzetote und sind nicht zuletzt einfach angenehm. Ausgerechnet dann, wenn Kühlung besonders dringend gebraucht wird, liefert die Sonne auch oft besonders viel Strom.Was soll verkehrt sein an einer Klimaanlage?Trotzdem haftet der Klimaanlage immer noch etwas moralisch Fragwürdiges an. Ihr fehlt in Deutschland eine mächtige Lobby: das gute Gewissen. Sie ist energieintensiv, künstlich und – am verheerendsten für ihren Ruf – irgendwie amerikanisch. Dort geht der Gedanke so: Es ist heiss, wir sollten kühlen. Der deutsche Reflex lautet: Dürfen wir eine so naheliegende Lösung überhaupt wollen?Denn ein Drittes fällt Deutschland schwer: handeln statt moralisieren. Fenster tagsüber schliessen, viel trinken, Alten helfen, nicht grillieren – eh schon heiss! – und auch sonst weiter nicht auffallen. Die Reaktion auf Hitze ist zunächst normativ. Tu dies und tu jenes nicht: Probleme, die organisatorische Lösungen brauchten, werden dem Einzelnen aufgebürdet.Erhöhte FrustrationDie Deutsche Bahn hat am Wochenende einen kostenlosen Umtausch von bereits gekauften Tickets angeboten und Kunden gebeten, «alle nicht dringend notwendigen Reisen» zu vermeiden. Das ist kundenfreundlich gemeint und fürsorglich kommuniziert.Man könnte, als Staatskonzern zumal, aber auch den eigenen Auftrag ernst nehmen und dafür sorgen, dass der Verkehr läuft. Tatsächlich aber wird Verantwortung verschoben: Das Systemrisiko wird in ein individuelles Entscheidungsproblem umgewandelt.Wenn das System nicht mitkommt, soll das Individuum sich anpassen. Das erhöht den Erwartungsdruck für den Einzelnen, sich konform zu verhalten. Es erhöht auch die Frustration, bei freiheitsliebenden Menschen umso mehr: Ein Sommer sollte kein Hindernis für die Funktionsfähigkeit der grössten Volkswirtschaft Europas sein.Passend zum Artikel
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Statt vorzusorgen, warnen Staat und Institutionen oft lieber – und verlagern Verantwortung auf den Einzelnen.












