Als sich am Samstagabend in Kansas City beim 3:3 der Österreicher gegen Algerien in der Nachspielzeit alles auf den Kopf stellte, hallten die Worte von Ramin Rezaeian nach. Der Iraner war zwar nicht dabei, aber er hatte tags zuvor an anderer Stelle seinen Ärger zum Ausdruck gebracht, und es hatte alles miteinander zu tun. „Ich weiß nicht, was dem iranischen Fußball passiert, warum wir kein Glück haben“, hatte Rezaeian zu später Stunde in Seattle gesagt. Er sprach da über das 1:1-Drama am Freitagabend, das sich um seine Iraner abgespielt hatte, die in den finalen Minuten der Partie gegen Ägypten zweimal die Latte trafen und den vermeintlichen Führungstreffer erzielten, der wegen einer Fußspitze Abseits aberkannt wurde. Dabei hatte Rezaeian, wie der Rest der iranischen Mannschaft, noch gar nicht wissen können, dass er das Schicksal des tragisch Gescheiterten einen Abend später noch einmal erleben musste. Aus der Ferne.Sein Fluch über das Unglück Irans setzte sich in Kansas City fort, obwohl dort gar kein Iraner Fußball spielte. Sechsmal verschob sich das Glück dort in der Vorrundengruppe J zwischen der ÖFB-Elf und den Algeriern, jedes Tor hatte Konsequenzen für drei Mannschaften, insbesondere die beiden Treffer in der Schlussphase: In der 93. Minute erzielte Algerien den überraschenden Führungstreffer gegen Österreich, nach einer Viertelstunde kurioser Angriffsverweigerung. Bei einem 2:2 wäre Iran aus dem Turnier ausgeschieden gewesen, mit Algeriens vermeintlichem Siegtreffer wiederum war die erstmalige Teilnahme an einer K.-o.-Runde einer Weltmeisterschaft zum Greifen nah.Doch dann glich Österreich in der sechsten Minute der Nachspielzeit zum 3:3 aus. Und die WM war in diesem Moment zu Ende für eine iranische Elf, die ohnehin schon genug Drama erlebt hatte.Österreichs 3:3 gegen Algerien:Das denkwürdigste Spiel dieser WMBallgeschiebe, Buhrufe und dann doch noch wilde Wendungen: Beim 3:3 zwischen Algerien und Österreich sieht es nach einem Nichtangriffspakt aus – bis ein Tor die Österreicher in Panik versetzt und alles ganz anders kommt.Den vielen Klagen und Anklagen der Iraner, die in Seattle noch einmal besonders lautstark über ihr Schicksal erzählten, verlieh diese letzte fatale Wendung noch einmal mehr Gewicht. „Ein Desaster“ nannte Kapitän Mehdi Taremi das Turnier, in dem die Iraner tatsächlich strukturelle Nachteile erlebten, die kaum von der Hand zu weisen sind: Nur für die Spieltage durfte die Mannschaft zu ihren ersten beiden Gruppenpartien in die USA reisen, beim dritten Gruppenspiel bekam sie immerhin einen zusätzlichen Aufenthaltstag vorab. Aber noch in der Nacht nach der Partie gegen Ägypten musste die Mannschaft zurück ins Quartier nach Tijuana in Mexiko. „Wie sollen wir uns nach so einem Spiel erholen?“, lautete Taremis anklagende Frage. Doch bei der blieb es nicht.„Herr Infantino ist nach dem ersten Spiel zu uns in die Kabine gekommen und hat gesagt, das sei nur der Anfang. Aber die Fifa hat nichts gemacht. Jetzt ist die Gruppenphase vorbei, und wir haben immer noch nicht unsere Logistiker, unsere Medien, unseren Vizepräsidenten hier, die keine Visa bekommen“, sagte Taremi. Und adressierte die Kritik damit klar an den Präsidenten des Fußball-Weltverbands Fifa, Gianni Infantino, der den Iranern auch öffentlich immer wieder Unterstützung zugesagt hatte. Zwar hielt Infantino sein zentrales Versprechen: Iran nahm tatsächlich an der Weltmeisterschaft teil, auch wenn politische Kräfte in den USA vorab versucht hatten, das wegen des Krieges zu verhindern. Es blieben allerdings die Umstände, die für die Kritik sorgten.Die Fußballer und ihr Verband lassen sich nicht so einfach vom iranischen Regime trennen„Sie haben uns schrecklich behandelt. Wir hätten schon viel früher einreisen müssen, aber das haben sie verhindert“, sagte Trainer Amir Ghalenoei: „Wir sind das unterdrückteste Team der ganzen WM.“ Wer genau aus seiner Sicht hinter dem „sie“ steckte, darüber klärte Ghalenoei nicht auf. Ebenso wenig wie Taremi, als er einen Verdacht formulierte: „Wir müssen gegen alles kämpfen hier. Und ja, aus unserer Perspektive: Als würden sie wollen, dass wir ausscheiden.“In der Frage, welche höhere Macht genau die iranischen Ankläger anklagten, steckt allerdings auch die schwierige Differenzierung im Fall Iran. Denn natürlich ließen sich auch die Fußballer und ihr Verband das ganze Turnier über nicht einfach von einem Regime trennen, das in seiner Heimat seit Jahren mit brutaler Gewalt gegen Gegner und Demonstranten vorgeht. Das sich trotz eines kürzlich verhandelten Nichtangriffspakts in einem Krieg gegen die USA befindet, die am dritten Gruppenspieltag mehrfach militärische Schläge in Iran durchführten. Das war der geopolitische Kontext, während Iran in Seattle Fußball spielte. Und auch vor dem Stadion wurde die Schwierigkeit in diesem Konflikt deutlich.WM 2026:Wie Trinkpausen die WM-Spiele beeinflussenEin Spiel hat vier Viertel: Die von der Fifa für die WM eingeführten Trinkpausen sind ein Aufregerthema. Die Vorrunde zeigt: Sie können das ominöse Momentum einer Partie ändern. Wie groß ist ihr Einfluss wirklich?Menschen, die sich stolz mit der Flagge des iranischen Regimes mit dem roten Staatswappen in der Mitte zeigten, sah man in Seattle. Daneben aber auch Menschen, die lautstark gegen ebenjenes Regime protestierten, indem sie während der Hymne buhten oder rund um das Stadion Plakate präsentierten: von jungen Fußballspielerinnen und Fußballspielern, die in Iran ermordet oder inhaftiert wurden. Und schließlich Menschen aus der Diaspora, die leisere Formen des Protests wählten, etwa jene der alten Flagge des iranischen Kaiserreichs. Alle versuchten, einen Umgang mit dieser Mannschaft zu finden, die politische Äußerungen das gesamte Turnier über weitgehend vermied.Zumindest bis Kapitän Taremi am späten Abend auf eine Rückfrage zu der Tatsache, dass in Seattle das „Pride Game“ stattgefunden hatte, antwortete: Seine Religion sei es, die diese sexuellen Orientierungen „nicht akzeptiert“, er aber würde „all die LGBT-Menschen respektieren“.Iranische Demonstranten vor dem WM-Stadion in Seattle. Dean Moutharopulos/Getty/AFPDas Schicksal der iranischen Mannschaft bei dieser WM lag darin, dass ihre Äußerungen nach den Spielen oftmals mehr im Fokus standen als ihre sportlichen Leistungen. Dreimal erkämpfte sich Iran ein Unentschieden: Erst ein 2:2 gegen Neuseeland, trotz zweimaligen Rückstands. Dann ein 0:0 gegen Belgien, was eine bedeutende europäische Fußballnation an den Rand des Ausscheidens brachte. Und schließlich ein 1:1 gegen Ägypten, bei dem Taremi als besonders tragische Figur einen Elfmeter verschoss und erneut der Außenverteidiger Rezaeian der beste Iraner war. Er erzielte das Tor und wurde als Spieler des Spiels ausgezeichnet, immerhin ihm bleibt somit eine Trophäe. Die er allerdings wohl gerne eingetauscht hätte.„Die Menschen in Iran verdienen mehr Freude, wir wollten ihnen das geben“, sagte Rezaeian nach dem Spiel mit brüchiger Stimme.
WM 2026: Für Iran endet eine Weltmeisterschaft voller Widerstände
Erst Frust im eigenen Spiel gegen Ägypten, dann der Irrsinn beim 3:3 zwischen Österreich und Algerien – Iran scheidet nach einem Dreikampf aus der Ferne aus. Es bleibt riesiger Ärger, auch über die Fifa.












