Mit einer Ehrenrunde endete dieser Freitag in Seattle, wobei noch nicht sicher war, ob sie auch eine Abschiedsrunde sein würde. Irans Nationalmannschaft schritt noch einmal durch das Lumen Field, das gigantische WM-Stadion: Ein 1:1 gegen Ägypten zeigte die Anzeigetafel an, was zwar bedeutete, dass Iran einen WM-Tag lang noch hoffen darf auf ein Weiterkommen als Gruppendritter in Gruppe G. Aber im Gang der iranischen Spieler, im Gesicht des wie versteinert auf seiner Trainerbank sitzenden Amir Ghalenoei, in den Tränen der Iraner im Stadion konnte man in diesen Momenten wenig Hoffnung erkennen.Kurz zuvor hatten sich die Ereignisse überschlagen: In der 89. Minute weckte ein Kopfball von Stürmer Mehdi Taremi an die Latte das recht gemächlich vor sich hin dämmernde Spiel. Es folgte drei Minuten später eine chaotische Situation im ägyptischen Strafraum, aus der heraus Shoja Khalilzadeh die iranische Führung erzielte. In Seattle brachen alle Dämme, Khalilzadeh stürmte zur Bank, wo sich eine Jubeltraube bildete. Er feierte mit einer Sonnenbrille auf der Nase, machte ein Foto mit einem Betreuer. Eine knappe Minute dauerte es, dann legte der VAR sein Veto ein und entschied: Der Verteidiger war mit der Fußspitze im Abseits gestanden, der Treffer wurde zurückgenommen.LiveKrieg in Nahost:USA und Iran greifen gegenseitig Militärstützpunkte anTrotz vereinbarter Waffenruhe beschießen sich beide Staaten nahe der Straße von Hormus. Streitpunkt bleibt, wer dort den Schiffsverkehr kontrolliert. Vance droht: „Gewalt wird mit Gewalt beantwortet“.Die Iraner liefen dann nochmals an, eine weitere Flanke flog in den ägyptischen Strafraum, und: In der 98. Minute traf Ezatolahi die Latte. Damitt ging dieser lange Tag fußballerisch mit einem Drama zu Ende.Der politische Kontext, in dem dieses Fußballspiel von Iran in den USA stattfand, war eine US-amerikanische Vergeltungsaktion gegen das iranische Regime im Mittleren Osten. Das Zentralkommando des US-Militärs gab am frühen Nachmittag (Ortszeit Seattle) bekannt, militärische Ziele in Iran angegriffen zu haben, weil das Regime seinerseits die Feuerpause gebrochen hatte, mit einem Angriff auf ein Frachtschiff in der Straße von Hormus. Und allein schon deshalb war es eine Herausforderung, diese Partie frei von seinem politischen Kontext wahrzunehmen.Die Fußballverbände des Iran und Ägyptens kritisierte das „Pride Match“ scharf, im Stadion aber mischten sich die vielen verschiedenen Gruppen problemlos. Daniel Cole/ReutersEs gab viele herzliche Szenen am Freitag in Seattle, wo zwei Diasporas aufeinander trafen: Ägyptische Fans tanzten und sangen vor dem Stadion gemeinsam mit iranischen Fans. Zusätzlich zu den Flaggen der Länder waren Regenbogenfarben zu sehen. Diese Partie war zum „Pride Match“ ausgerufen worden, was von den jeweiligen Landesverbänden scharf kritisiert worden war, dann von den Zuschauern allerdings beachtlich gemeinschaftlich begangen wurde. Irans Kapitän Taremi sagte später, dass seine Religion diese sexuellen Orientierungen zwar „nicht akzeptiert“, er aber „all die LGBTQ-Menschen respektiert“. So mischten sich die vielen verschiedenen Gruppen, zu denen sich gar noch christliche Prediger und Träger von Palästina-Flaggen gesellten.Iranische Elf vor WM-Auftakt:Zu Gast bei FeindenDie iranische Delegation hat ihr WM-Quartier 20 Autominuten von der amerikanischen Grenze entfernt im mexikanischen Tijuana aufgeschlagen. Eindrücke von einem streng gesicherten Gelände, auf dem dennoch nichts sicher ist.Auch Demonstranten gegen das iranische Regime waren – wie schon bei den Spielen in Los Angeles – in Seattle zu sehen. Sie brachten Bilder von jungen iranischen Fußballerinnen und Fußballern mit, die bei den Protesten im Land vom Regime getötet worden waren.Buhrufe während der Hymne waren erneut zu hören. Und die Iraner im Stadion positionierten sich auch mit Flaggen: Zu sehen waren jene mit dem roten Staatswappen in der Mitte – und jene des alten Kaiserreichs, mit dem Löwen und der Sonne in der Mitte. Die Politik war allgegenwärtig, doch der Sport beanspruchte mit einer ereignisreichen Anfangsphase schnell die Aufmerksamkeit, zumindest vorrübergehend.Noch nie hat Iran bei einer WM die K.o.-Runde erreichtEin Schuss von Ägyptens Mohamed Salah wurde erst abgefälscht, dann unzureichend vom iranischen Torhüter Alireza Beiranvand abgewehrt, im Nachschuss traf Mahmoud Saber zur Führung nach nur fünf Minuten.Die Iraner bekamen allerdings wie aus dem Nichts die Gelegenheit, eine Antwort zu geben. In der neunten Minute trat der zuvor gefoulte Mehdi Taremi zum Elfmeter an, scheiterte an Torhüter Oufa Shoubeir – und konnte dennoch kurz darauf jubeln. Ramin Rezaeian, der beste iranische Spieler bei dieser WM, brachte seine Mannschaft in der 14. Minute zurück ins Spiel, indem er aus spitzem Winkel einen Nachschuss verwandelte. Und damit kehrte, zum ersten Mal an diesem langen Tag, etwas Ruhe ein: Zufrieden wirkten nun auch die Iraner mit diesem Unentschieden. Bis die Schlussphase sie nahe an den Sieg brachte, wodurch das Remis zu einem der schmerzhaften Sorte wurde.„Herr Infantino ist nach dem ersten Spiel zu uns in die Kabine gekommen und hat gesagt, das sei nur der Anfang. Aber die Fifa hat nichts gemacht“, sagt Irans Kapitän Mehdi Taremi. Carlos Barria/Reuters„Ich weiß nicht, was dem iranischen Fußball passiert, warum wir kein Glück haben“, sagte Rezaeian, der als bester Spieler der Partie ausgezeichnet wurde: „Die Menschen in Iran verdienen mehr Freude, wir wollten ihnen das geben. Jetzt hoffe ich, dass Gott uns noch das Glück gibt, weiterzukommen.“ Noch nie hat Iran bei einer WM die K.o.-Runde erreicht. Angesichts der schwierigen Umstände wäre dieser Erfolg nun umso höher einzuordnen. Ob dieser Schritt bei der siebten Teilnahme gelingt, hängt allerdings von mehreren anderen Mannschaften ab.Während Belgien als Sieger der Gruppe G und Ägypten als Zweiter weiterkamen, liegt Iran aktuell auf Platz sechs der Rangliste der Gruppendritten und braucht Unterstützung. Usbekistan muss Kongo schlagen oder aber Österreich und Algerien dürfen nicht Unentschieden spielen oder Kroatien muss gegen Ghana verlieren. Tritt einer dieser drei Fälle ein, qualifiziert sich Iran für das Sechzehntelfinale.Nach dem Spiel muss Irans Team direkt zurück nach Mexiko reisen – eine Fortsetzung der Restriktionen durch die USAEs wird allerdings erst einmal für mindestens 24 Stunden unklar bleiben, ob die iranische Reise weitergeht, die schon in den vergangenen Wochen von so viel Unsicherheit und Restriktionen durch die USA geprägt war. Dass die Iraner in Seattle unter etwas milderen Umständen antreten durften, mit etwas mehr Zeit zur Vorbereitung in den USA als bei den Spielen zuvor, konnte nicht davon ablenken, dass diese WM aus ihrer Sicht „ein Desaster“ ist, wie Taremi betonte. „Herr Infantino ist nach dem ersten Spiel zu uns in die Kabine gekommen und hat gesagt, das sei nur der Anfang. Aber die Fifa hat nichts gemacht“, sagte Taremi. „Jetzt ist die Gruppenphase vorbei und wir haben immer noch nicht unsere Logistiker, unsere Medien, unseren Vizepräsidenten hier, die keine Visa bekommen.“Der lange Tag, er war für die iranischen Spieler noch nicht zu Ende: Eine Rückreise aus Seattle ins Teamquartier nach Tijuana stand laut Kapitän Taremi noch bevor. Er wirkte sichtlich müde, nicht nur aufgrund des kräftezehrenden Spiels, sondern auch angesichts der immer wiederkehrenden Erzählung: „Wir haben keine Unterstützung, niemand hilft uns, wie sollen wir uns nach so einem Spiel erholen?“, sagte Taremi noch, und sprach einen Verdacht gegenüber den USA aus: „Wir müssen gegen alles kämpfen hier. Und ja, aus unserer Perspektive: Sie würden es wollen, dass wir ausscheiden.“Auch Trainer Amir Ghalenoei redete davon, dass zwar Pech zu diesem Unentschieden geführt habe, aber die „großen Schwierigkeiten“ beim Turnier ihren Teil dazu beigetragen hätten. Auf der Pressekonferenz nach dem Ägypten-Spiel war sein Ärger deutlich spürbar. „Sie haben uns schrecklich behandelt. Wir hätten schon viel früher einreisen müssen, aber das haben sie verhindert“, sagte Ghalenoei und konstatierte angesichts der Rückreise: „Die Zeit verlieren wir für die Regeneration. Wir sind das unterdrückteste Team der ganzen WM.“ Bald wird sich entscheiden, ob dieses Turnier überhaupt für sie weitergeht.
Iran wird Dritter in Gruppe G bei der WM 2026: „Sie würden es wollen, dass wir ausscheiden“
Die sportliche Dramatik beim 1:1 gegen Ägypten lenkt kurz von der politischen Lage zwischen Iran und den USA ab. Angesichts der Restriktionen spricht Kapitän Taremi von einem Desaster,















