«Ulysses» für Einsteiger: Mit Seumas O'Kelly ist ein grossartiger irischer Autor zu entdeckenSeumas O’Kelly war ein Zeitgenosse von James Joyce. Seine Erzählung «Das Grab des Webers» ist eine grossartige Wiederentdeckung.28.06.2026, 05.30 Uhr2 LeseminutenSeumas O'Kellys Romanfiguren irren auf einem irischen Friedhof herum.Michael Serraillier / Gamma-Rapho / Getty ImagesDer Weber ist gestorben, Gott sei seiner Seele gnädig. Als steinalter Handwerker gehörte er zum Dorfadel, deshalb soll ihm die Ehre zuteilwerden, auf dem längst aufgegebenen und von Gras überwucherten Friedhof Cloon na Morav bestattet zu werden. Eines der letzten Plätzchen dort steht ihm zu. Nur: Wo ist es?Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Seine Witwe macht sich auf die Suche nach dem künftigen Grab. Sie war seine vierte Frau gewesen, es war eine ziemlich farblose Ehe, aber was sich gehört, das muss sein. Zwei alte Knacker sollen ihr den Weg weisen, der eine ist fast blind, der andere geht tief gebeugt: der Nagelschmied und der Steinbrecher. Die beiden schleppen sich salbadernd über die Gräberstätte, es folgen die Witwe und zwei Totengräber. Jedes Mal, wenn einer behauptet, exakt hier müsse es sein, widerspricht ihm der andere. Und wenn die Totengräber ihre Spaten in die Erde schlagen, stossen sie schon bald auf einen Sargdeckel. Besetzt!PD«Das Grab des Webers» ist eine Wiederentdeckung, geschrieben von einem Zeitgenossen und Landsmann von James Joyce. Seumas O’Kelly war irischer Nationalist und starb mit 37 Jahren an einem Herzinfarkt – während einer Razzia britischer Sicherheitskräfte auf der Redaktion der Zeitung, für die er arbeitete. Der Erzählband mit dem «Grab des Webers» erschien postum. Auch wenn sich der recht kurze Text stilistisch radikal unterscheidet von «Ulysses», dem literarischen Monument von Joyce, kann er doch als eine Art niederschwelliger Einstieg in dieses sperrige Werk dienen.Die Irrgänge der gebrochenen Alten über die Gräberstätte, ihre Auslassungen über die Toten, die schon ewig da liegen, ihre Rechthaberei: Es ist, als würde man selbst in diesem bizarren Trauerzug mitgehen. Das Büchlein ist eine Perle des schwarzen Humors, aber die Suche nach dem Grab ist auch eine nach dem, was zählt, wenn man einmal den Löffel abgegeben hat. Und was jene weitertragen, die im Leben bleiben.Seumas O’Kelly: Das Grab des Webers. Ü: Kurt Heinrich Hansen. Jung und Jung 2026. 96 Seiten.Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»Passend zum Artikel