Von dem griechischen Denker Archilochos ist ein Versfragment überliefert, wonach „der Fuchs viele Dinge wisse, aber der Igel eine große Sache“. Doch als ein „Mann namens Fuchs“ den Laden einer ungarischen Kleinstadt betritt, treibt ihn nur ein Gedanke um. In wegbrechender Stimme beschwört er vor der Ladenkundschaft: „Ich bin der Fuchs.“Immer heftiger gestikulierend stellt er sich vor, immer mehr Menschen strömen um das Geschäft. Nur zwei Frauen scheinen den Mann namens Benedek zu kennen. Er, dem nicht „anzumerken war, dass er diesen Namen je zuvor gehört hatte“, entflieht den Frauen, eilt auf die Straße und beginnt sich auszuziehen. Ein „gewöhnlich weißer Krankenwagen“ fährt vor und bringt den Mann namens Fuchs weg. Die Erzählung schließt mit nachbarschaftlichem Gemurmel, allerlei Theorien über den Fuchs und der archilochosartigen Einsicht, „woher man eigentlich wissen sollte, was sich alles im eigenen Kopf verbirgt?“.Dunkle Fragmente des vorigen JahrhundertsWenn man dem Vers des Archilochos folgt, den Isaiah Berlin zur archetypischen Charakterstudie weiterentwickelte, deutet sich schon in dieser Szene an, wie auch der ungarisch-rumänische Schriftsteller Ádám Bodor die Wesenszüge eines Fuchses aufweist – als kluger Beobachter der menschlichen Psyche. Es ist dem Züricher Verlag Secession zu verdanken, dass vierundfünfzig seiner anspielungsreichen, zynischen und in dunkler Farbe getönten Kurzgeschichten nun auch in deutscher Übersetzung vorliegen. Neunzig ist der Schriftsteller in diesem Jahr geworden, aus dessen mitteleuropäischem Leben der Erzählband „Waldohreule“ schöpft. Es sind mystische Reiseberichte aus der fernen karpatischen Provinz und dunkle Fragmente eines autoritären Jahrhunderts, das in seiner Heimat wütete.Ádám Bodor: „Waldohreule“. Erzählungen.Secession„Vorne die verständliche Lüge und hinten die unverständliche Wahrheit“, so brachte Milan Kundera den mitteleuropäischen Autoritarismus auf einen Satz. Doch unverständlich sind in Bodors Geschichten selbst die Lügen nicht. In der Kurzgeschichte eines vermeintlichen Lebensmittelkontrolleurs etwa, der die Schließung eines Restaurants befehligt: An der „unbekannten Nudelsüßspeise“ liege es nicht. Woran es liege, wisse er nicht: „Ich bin nur gekommen, um es mitzuteilen.“Exemplarisch deutet sich das Instrumentarium Kafkas an, dem Bodor mit „Bruder des Heizers“ sogar eine eigene Kurzgeschichte gewidmet hat. In der Verschleierung der existenziellen Gefahr hinter undurchschaubaren Mittelmännern, dunklen Landschaftsmalereien und andeutungsreichen Unheilszeichen ist er Schüler wie Lehrer der mitteleuropäischen Schule. Mit jeder seiner Kurzgeschichten öffnet Bodor kurz die Tür in eine geheimnisvolle Welt, deren Logik aber verschlossen bleibt. Am Ende fühlt man sich als Leser wie Kafkas Landvermesser K., der zwar nicht das Obrigkeitssystem, aber immerhin die Dorfbewohner etwas besser verstanden hat.Als der Vater verschleppt wirdWo die Worte andeutungsreich schweigen, hilft das kontextuelle Lesen. Nicht nur die transsilvanischen Gebirgszüge der Karpaten lassen Rückschlüsse auf Bodors Herkunft in Cluj zu. Eine lange Kurzgeschichte im „Frühling 1952“, der „in große, braune Wolken verpackt das Unheil brachte“, spielt auf jene rumänische Zeit an, als Kronstadt plötzlich Stalinstadt hieß, die kommunistische „Securitate“ wütete und „Anti-Kommunisten“ wie der sechzehnjährige Ádám Bodor verschleppt wurden. In der Kurzgeschichte dieser Zeit beobachtet ein Sohn, wie sein Vater von einem Nachbarn verhaftet wird. Bestenfalls apathisch reagiert der Sohn, in Gedanken ist er ohnehin bei der Tochter des kommunistischen Nachbarn. Grotesk lakonisch öffnet Bodors längste Erzählung mit den Worten: „An dem Tag, an dem ich meinen Vater zum letzten Mal sah (…), fasste ich Andrea Nopritz’ Brust an.“ Eine alltagssurreale Gleichgültigkeit, getaucht in bittere Ironie, zieht sich durch viele seiner frühen Geschichten.Im Jahr 1982 schließlich wanderte Bodor nach Budapest aus, wo die intellektuelle Atemluft schon etwas freier war. Mit dem großen Erfolg seines Debütromans „Schutzgebiet Sinistra“ stieg er in die Riege der großen ungarischen Schriftsteller auf. Wer nach Gemeinsamkeiten sucht, wird auch in dieser Erzählsammlung fündig. In der Fuchs-Erzählung tritt die Ästhetik Krasznahorkais hervor, wo in der starren Finsternis stets der abrupte Wahnsinn brodelt.Ein guter Junge?In einer anderen Geschichte werden dunkle Erinnerungen an Péter Nádas’ Berichte des vom Krieg zerfressenen Mitteleuropas wach. Wir lesen von einem „guten Jungen“, der eine Zeit lang „Juden fing“, aber einen „dann nicht fangen wollte“ und im „jugoslawischen Steinbruch“ landete. Spurlos vorbeigegangen ist die europäische Weltgeschichte an den Waldhütten, Müllhalden und Tavernen der Provinz nicht.Nur ein wenig alleingelassen fühlt man sich als Leser in dieser Sammlung, die auf Einordnungen verzichtet. Dass einzig Gebirgsbezeichnungen, Naturbeschreibungen und Namen Indizien über Raum und Zeit versprechen, ist aber womöglich sogar eine Stärke. Selbst in dem verwinkelsten Nebensatz, von Timea Tankó bis ins kleinste Detail großartig übersetzt, findet sich bei Bodor noch eine universelle Wahrheit, ein beklemmend bekanntes Gefühl. Egal ob in verregneten Tälern oder heruntergekommenen Kleinstädten, schmucklos werden in der mitteleuropäischen Peripherie die großen Gefühle und historischen Muster der menschlichen Existenz seit jeher aufgeführt. Hier lebt es sich als Mann namens Fuchs besonders gut.Ádám Bodor: „Waldohreule“. Erzählungen. Aus dem Ungarischen von Timea Tankó. Secession Verlag, Berlin 2025. 560 S., geb., 30,– €.