Als der junge Jorge Luis Borges, in seiner Familie Georgie genannt, die deutsche Sprache durch Lektüre erlernen will, wählt er als erste Bücher Kants Kritik der reinen Vernunft und Gustav Meyrinks Roman Der Golem. Letzteres stellte sich als einfacher heraus, es sollte das erste deutsche Buch sein, das er in Gänze las. Das Genre der Phantastik und die Verbindung zur jüdischen Kultur und der Geheimlehre der Kabbala übten einen entscheidenden Einfluss auf den argentinischen Schriftsteller aus. Die Kabbalisten sahen im ersten Buchstaben des hebräischen Alphabets, Aleph, den Ursprung der Welt und der Namensgebung.„Das Aleph“, so heißt dann auch eine der berühmtesten Erzählungen von Borges, erschienen im gleichnamigen Band (1949). Der Text handelt von der Phantasie, die gesamte Existenz des Universums in einem mystischen Punkt visuell zu erfassen. Dass Sprache und die Position des Beobachters hierbei eine zentrale Rolle spielen, das verbindet Borges nicht nur mit Kant, sondern auch mit der 1927 von Werner Heisenberg entdeckten Unschärferelation. Diese Parallelen zwischen Literatur, Philosophie und Quantenmechanik wurden anschaulich von William Egginton herausgearbeitet, der in seinem lesenswerten Buch „The Rigor of Angels. Borges, Heisenberg, and the Ultimate Nature of Reality“ (2023) eine Grundstruktur des menschlichen Begehrens in Borges Fiktionen erkennt, eine „Suche nach einem Objekt, Ort, Buch oder Gedicht, das eine Vollkommenheit verkörpert, nach der wir uns sehnen, die wir aber nicht erreichen können“.Alle als Erzählungen autorisierten Texte vereinigtWas die Erzählung „Das Aleph“ so kraftvoll macht, ist just der Umstand, dass das Problem der sprachlichen Darstellung der Unendlichkeit hier aufs Engste mit einem persönlichen Begehren verquickt ist, nämlich die Erinnerung des Ich-Erzählers an die inzwischen verstorbene Beatriz Viterbo, deren Name nicht zufällig Dantes Beatrice aufruft (und eine Chiffre für Borges’ Muse der Zwanzigerjahre ist, die Schriftstellerin Norah Lange): „ich sah die grässliche Reliquie dessen, was so köstlich Beatriz Viterbo gewesen war, sah das Kreisen meines dunklen Bluts, sah das Räderwerk der Liebe und die Veränderung des Todes, sah das Aleph aus allen Richtungen zugleich.“Die Erzählung kann man nun wieder lesen in dem Band „Die unendliche Bibliothek“, der alle von Borges als Erzählungen autorisierten Texte vereinigt (im Einzelnen sind das die Sammlungen „Universalgeschichte der Niedertracht“, „Fiktionen“, „Das Aleph“, „David Brodies Bericht“, „Das Sandbuch“, „Shakespeares Gedächtnis“).Ein anderer Borges als in den VierzigerjahrenNachdem der Hanser Verlag zunächst in den Achtziger-, dann nochmals in den Neunzigerjahren eine maßgeblich von Gisbert Haefs verantwortete deutsche Ausgabe der Werke in mehreren Bänden herausgebracht hatte (teilweise ging der letzten Ausgabe eine Taschenbuch-Edition bei S. Fischer voraus), hat nun der Schweizer Kampa Verlag die Rechte erworben. Die Neuausgabe der Werke, von Haefs noch einmal durchgesehen, ist auf insgesamt vier umfangreiche Bände angelegt. Eine vollständige Gesamtausgabe wird es nicht sein; allein die literarischen Miszellen und Literaturkritiken machen in einer spanischen Ausgabe über 1000 Seiten aus. Der Kernbestand aber von Borges’ Werk, dessen weltliterarische Geltung und Einfluss nicht zu überschätzen sind, wird nun für deutsche Leser kompakt zugänglich. Die Anmerkungen am Schluss von „Die unendliche Bibliothek“ leisten gute Dienste, indem sie den Leser gründlich über die (natürlich zahlreichen) literarischen Anspielungen und Bezüge auf die Geschichte Argentiniens aufklären. Zur Publikationsgeschichte der einzelnen Bände, besonders intrikat im Fall von „Fiktionen“, erfährt man hingegen keine Einzelheiten.Beim chronologischen Durchgang durch die Erzählungen werden ihre Gemeinsamkeiten und Unterschiede besonders deutlich. Wer von Borges bisher vor allem die Bände „Fiktionen“ und „Das Aleph“ kennt, Meilensteine der literarischen Phantastik im 20. Jahrhundert, der kann sich hier auch mit dem anderen Borges bekannt machen, der in seinem Frühwerk „Universalgeschichte der Niedertracht“ (1935) kolportierte Biographien argentinischer Schurken und Krimineller lakonisch verdichtete. Auch die von Borges als „realistisch“ titulierten Erzählungen aus „David Brodies Bericht“ (1970) unterscheiden sich von dem typischen Borges, wie wir ihn aus den Texten der Vierzigerjahre kennen.Begegnung mit einer anderen Version des SelbstBorges hat hier – bedingt durch seine seit Anfang der Fünfzigerjahre einsetzende Blindheit – scheinbar einfache, von ihm selbst als „realistisch“ titulierte Texte geschrieben (angelehnt an Kiplings „Plain Tales from the Hills“). Diese Geschichten spielen fast alle in Argentinien, oft geht es um Duelle, zumal unter Gauchos. Eine der bemerkenswertesten Geschichten ist „Das Evangelium nach Markus“. Der Medizinstudent Baltasar Espinosa verbringt eine Zeit auf dem Landgut seines Cousins. Dort ist er mit analphabetischen Landarbeitern konfrontiert, denen er während eines Sturms das Markusevangelium vorliest. In ihrer Ignoranz verehren sie ihn, und er bejaht ihre Frage, ob auch diejenigen Erlösung finden, die Christus kreuzigten. Im letzten Satz der Erzählung haben sie ein Kreuz gezimmert – es steht eine Kreuzigung bevor. Das tragische Missverständnis resultiert aus der Unfähigkeit, einen Text anders als wörtlich zu verstehen. Borges variiert hier (und in der Titelerzählung „David Brodies Bericht“) ein klassisches Thema der argentinischen Literatur, das Verhältnis zwischen Zivilisation und Barbarei.Jorge Luis Borges: „Die unendliche Bibliothek“KampaIn den letzten beiden Bänden wendet sich Borges dann wieder der Phantastik zu, diesmal mehr im Sinne metaphysischer Parabeln. Eine ironische Auseinandersetzung mit der eigenen Person findet in „Der Andere“ (aus „Das Sandbuch“, 1975) statt: Der Erzähler Borges erinnert sich daran, wie er 1969 auf einer Parkbank in Cambridge, Massachusetts, seinem eigenen früheren Selbst begegnet war, das politisch und ästhetisch noch ganz anders dachte als der alte Borges.Die Erzählung, die auch auf Dostojewskis „Der Doppelgänger“ anspielt, ist eine wunderbar selbstironische Reflexion über Zeit und das Mysterium der Identität. Die nur vier Erzählungen aus „Shakespeares Gedächtnis“ (1983) sind Höhepunkte des Erzählwerks von Borges, faszinierende Meditationen über Gedächtnis und literarische Imagination. Die erste davon, „25. August 1983“, variiert noch einmal das Thema der Begegnung von Borges mit einer anderen Version des Selbst.Noch das Privateste als philosophische ErfahrungDiesmal trifft ein jüngerer Borges den älteren, der ihn vor den Fehlern warnt, die Ersterer aber begehen muss: „Mein Los wird das deine sein; du wirst mein Traum sein.“ Im Vorwort zu „David Brodies Bericht“ hatte Borges mit seinem Hang zur Wiederholung kokettiert: „Einige wenige Themen haben mich im Lauf der Zeit immer wieder heimgesucht; ich bin entschieden eintönig.“ Dass die Wiederholungen und Obsessionen in Wirklichkeit den Leser immer wieder neu faszinieren, darin liegt die Größe dieses Werks, das in der Tat immer wieder ähnliche Konstruktionen benutzt, auch wenn die jeweiligen zeitlichen und geographischen Kontexte unterschiedlicher nicht sein könnten.Jorge Luis Borges: „Atlas“KampaZeitgleich zu „Die unendliche Bibliothek“ gibt es nun auch den von Haefs neu übersetzten kürzeren Band „Atlas“, der auf andere Weise Weltfülle und Abstraktion vereint. 1984 erstmals im spanischen Original erschienen, vereinigt das Buch eine Reihe von Kurztexten und Gedichten, die sich auf Reisen an verschiedene Orte der Welt beziehen, die Borges in seinen letzten Jahren zusammen mit seiner Lebensgefährtin María Kodama unternahm (sie heirateten kurz vor Borges’ Tod), von der auch die beigegebenen Schnappschuss-Fotos stammen.Auf einigen der Bilder sieht man die beiden zusammen, im Caffè Florian in Venedig, in einem Restaurant in Ägypten und am schönsten in einem Heißluftballon im kalifornischen Napa Valley. Stets ist für Borges das Reisen literarisch konnotiert, so auch hier: „Die Fahrt im von Montgolfier erdachten Ballon war auch eine Rückkehr zu den Werken von Poe, Jules Verne und Wells.“ In den Notizen schildert Borges seine Begegnung mit Tigern, Labyrinthen, Straßenecken in Buenos Aires, und noch das Privateste wird ihm zur philosophischen Erfahrung.Da Borges mittlerweile nahezu ganz erblindet war, überrascht es nicht, dass die Reiseerlebnisse vor allem Stimuli für Erinnerungen, Träume, Reflexionen sind. In einem Hotelzimmer in Reykjavik ertastet er eine mitten im Raum stehende Säule: „Einige Sekunden lang empfand ich diese seltsame Seligkeit, welche Dinge, die beinahe ein Archetyp sind, dem Menschen schenken. Ich weiß, in diesem Moment fand ich die elementare Wonne wieder, die ich verspürte, als sich mir die reinen Formen der euklidischen Geometrie offenbarten.“Jorge Luis Borges. „Die unendliche Bibliothek“. Sämtliche Erzählungen.Aus dem argentinischen Spanisch von Karl August Horst, Wolfgang Luchting und Gisbert Haefs, neu durchgesehen und herausgegeben von Gisbert Haefs. Kampa Verlag, Zürich 2026. 669 S. geb., 42,- €.Jorge Luis Borges. „Atlas“. Aus dem Spanischen von Gisbert Haefs. Mit Fotografien von María Kodama. Kampa Verlag, Zürich 2026. 125 S. geb., 22,– €.