PfadnavigationHomePolitikAuslandErdbeben in VenezuelaWährend die Häuser einstürzen, richtet sich das Regime wieder aufStand: 18:25 UhrLesedauer: 5 MinutenEin schwerbeschädigtes Wohnhaus in Catia La Mar im Bundesstaat La Guaira, rund 30 Kilometer nordwestlich der Hauptstadt CaracasQuelle: JUAN BARRETO/AFPDas verheerende Erdbeben trifft Venezuela inmitten einer Phase größter politischer Instabilität. Die Katastrophe könnte die Karten im Poker um die Macht neu mischen – doch der Schlüssel dazu liegt außerhalb des Landes.Über den Trümmern tippt eine Frau verzweifelt eine Nummer in ihr Mobiltelefon. Dann horcht sie in den riesigen Schuttberg hinein. Gibt es ein leises Klingeln? Doch es bleibt gespenstisch ruhig. Kein Klingeln, keine Antwort. In den sozialen Netzwerken ist es umso lauter. Dort sind Menschen zu sehen, die sich vor den einstürzenden Häusern gerade noch so in Sicherheit bringen können. Sie laufen mit weit aufgerissenen Augen durch die Straßen, während links und rechts von ihnen zusammenbrechende Gebäude in Staubwolken verschwinden. Eine Sekunde früher oder später, einen Meter näher oder weiter weg, am richtigen oder falschen Ort – das entscheidet in diesen Momenten über Leben und Tod. Darüber, ob eine Familie auseinandergerissen wird oder es schafft, gemeinsam die eigene Haut zu retten.Nach dem verheerenden Doppel-Erdbeben in Venezuela ist immer noch nicht ganz klar, welche Dimensionen diese historische Naturkatastrophe tatsächlich hat. Die Opferzahlen steigen stündlich. Erst waren es nur ein paar Dutzend, dann mehrere Hundert. Mehrere Tausend Menschen sind verletzt. Widersprüchliche Angaben gibt es über die Zahl der Vermissten. Im Raum steht eine Furcht einflößende Schätzung der US-Erdbebenwarte. Von 10.000 bis 100.000 potenziellen Toten ist da die Rede. Doch es könnte auch glimpflicher ausgegangen sein. In der besonders hart getroffenen Küstenprovinz La Guaira sollen 100 Gebäude eingestürzt sein. Die beiden innerhalb weniger Sekunden aufeinanderfolgenden Erdstöße wurden mit 7,2 und 7,5 auf der Richterskala gemessen.„Das war das stärkste Erdbeben, das ich je gespürt habe“, erzählt Nathaly Fernandez am Telefon. Sie wohnt im siebten Stock eines Hochhauses in der Hauptstadt Caracas. „Es hat sich angefühlt, als stünde man nicht mehr auf einem festen Boden, sondern auf Pudding.“ Sie habe erschrocken auf die Wohnungswände geschaut, in denen sich Risse auftaten, die immer größer und größer wurden. „Die Fenster haben sich bewegt. Es war ein Alptraum.“ Lesen Sie auchAls das Beben aufhörte, sei sie sofort auf die Straße gestürmt, dann habe die Erde wieder angefangen, sich zu bewegen. Plötzlich sei ein paar Straßen weiter eine riesige Staubwolke aufgestiegen. Ein Hochhaus ist in sich zusammengesackt. Schreie auf den Straßen, die Menschen seien in Panik umhergelaufen. „Das Schlimmste ist die Ohnmacht, die Hilflosigkeit gegenüber dieser gewaltigen Kraft“, sagt Fernandez.Die beiden Erdstöße haben Venezuela mitten ins Herz getroffen. Ein Land, das seit zwei Jahrzehnten unter einer Diktatur leidet. Das einen Aderlass von einem Viertel seiner Bevölkerung zu verkraften hatte. Acht Millionen Menschen – einfach weg. Menschen, die es einfach nicht mehr ausgehalten haben, unter einer sozialistischen Diktatur zu leben, die Oppositionelle wegsperrt, auf demonstrierende Studenten geschossen und politische Gefangene gefoltert hat.Zweite Chance für die InterimspräsidentinAls Machthaber Nicolás Maduro Anfang Januar bei einer völkerrechtlich umstrittenen Militäroperation von den US-Militärs in Caracas verhaftet und außer Landes gebracht wurde, jubelten die Menschen. Endlich jemand, der etwas gegen diese Verbrecher unternehme, hieß es in Straßen von Caracas, Maracaibo und San Cristobal. Doch außer der Verhaftung von Maduro tat sich wenig. Seine Stellvertreterin Delcy Rodriguez und ihr Bruder Jorge Rodriguez stiegen anschließend zur mächtigsten Familie im Land auf. Die herrschende Clique sicherte sich die Schalthebel der Macht, nur eben ohne Maduro.Lesen Sie auchUnd ausgerechnet dieses Beben verschafft der bei der Bevölkerung extrem unpopulären Interimspräsidentin nun eine zweite Chance. Noch am Abend der Katastrophe stellt sich Rodriguez mit ihrem Bruder und dem Rest des alten Machtapparates vor die Kameras und lässt sich landesweit auf die TV-Sender und Radiostationen aufschalten: „Ich möchte die Ärzte, Krankenschwestern und das gesamte Gesundheitspersonal aufrufen, sich an ihre Arbeitsplätze zu begeben, damit wir die Menschen versorgen können, die in die Notaufnahmen sowohl der Krankenhäuser als auch der privaten Gesundheitszentren gebracht werden.“Im Präsidentenpalast Miraflores treffen dagegen die Hilfsangebote aus aller Welt ein. Sogar aus Argentinien, dem Land, in dem der libertäre Präsident Javier Milei wie so viele andere Regierungschefs es bislang nach dem Wahlbetrug von 2024 vermieden hat, das damals noch stramm linksextreme Maduro-Regime anzuerkennen.Plötzlich ergeben sich für Maduros langjährige Vertraute Rodriguez ganz neue Perspektiven. Der Internationale Währungsfonds (IWF) und die Weltbank prüfen Möglichkeiten, wie dem inzwischen bettelarmen Land geholfen werden kann. Rodriguez kann einen Tag nach dem Beben die Einrichtung eines Fonds in Höhe von 200 Millionen Dollar verkünden, der beim IWF für den Wiederaufbau des Landes bereitgestellt wird. Chevron meldet, die Ölproduktion sei nicht betroffen. Längst wird spekuliert, dass Washington nun auch die wegen der schweren Menschenrechtsverletzungen verhängten Sanktionen gegen Venezuela aufheben könnte. Es scheint, als habe das Erdbeben, die Karten im Machtpoker um Venezuela neu gemischt. Und wieder werden die Amerikaner zum Schlüssel. In Washington wissen US-Präsident Donald Trump und Außenminister Marco Rubio, dass schnelle und effektive Hilfe das angekratzte Image der USA in der Region verbessern könnte. „Wir werden für unsere neuen und großartigen Freunde da sein“, ließ Trump verlauten. „Wir entsenden bereits Such- und Rettungskräfte aus Fairfax County, Virginia, und aus Los Angeles. Es werden noch weitere hinzukommen“, kündigte Rubio an. Das in Miami stationierte US-Südkommando bereitet Hilfsgerät und Experten vor. Lesen Sie auchAußerdem sollen 150 Millionen US-Dollar Soforthilfe fließen. Das ist kein Pappenstiel, vor allem aber ist es auch eine Botschaft an den Rest Lateinamerikas, vor allem aber an Kuba. Der heruntergewirtschafteten kommunistischen Diktatur und langjährigen Partner Venezuelas, die mit weiteren US-Sanktionen in die Enge getrieben werden soll. Wer mit Washington kooperiert, der profitiert. Keine andere Nation kann so schnell und intensiv helfen wie die Amerikaner. Keine andere Nation kann einen solchen Druck ausüben.Raúl Biord, Erzbischof von Caracas, schreibt nach einem Rundgang durch zerstörte Kirchen auf, was vielleicht aus diesem Erdbeben entstehen könnte: „Es ist an der Zeit, Differenzen beiseitezulegen und uns als ein Volk zu vereinen, um den Opfern beizustehen. Wir müssen uns für den notwendigen Wiederaufbau der materiellen Strukturen, vor allem aber für den Wiederaufbau eines sozialen Gefüges einsetzen, das neue Zukunftsperspektiven eröffnet.“
Erdbeben in Venezuela: Während die Häuser einstürzen, richtet sich das Regime wieder auf - WELT
Das verheerende Erdbeben trifft Venezuela inmitten einer Phase größter politischer Instabilität. Die Katastrophe könnte die Karten im Poker um die Macht neu mischen – doch der Schlüssel dazu liegt außerhalb des Landes.












