KommentarRechtsruck in Lateinamerika: Der Kampf gegen die Kriminalität hat oberste PrioritätDie Region vollzieht einen politischen Wandel. Fürs Erste hat der Sozialismus ausgedient. Die Menschen wollen Sicherheit, Ordnung und wirtschaftliches Wachstum.26.06.2026, 18.19 Uhr3 LeseminutenDie konservative peruanische Präsidentschaftskandidatin Keiko Fujimori, Lima, 11. Juni.Alessandro Cinque / ReutersMit den Wahlen in Kolumbien und Peru hat sich ein politischer Trend in Lateinamerika bestätigt, der sich bereits seit mehreren Jahren abzeichnet. In Kolumbien gewann der konservative Strafverteidiger Abelardo de la Espriella die Stichwahl um das Präsidentenamt knapp gegen seinen linken Gegenkandidaten. Auch in Peru dürfte nach derzeitigem Stand Keiko Fujimori die Präsidentschaft übernehmen. Die Tochter des früheren autokratischen Präsidenten Alberto Fujimori hat damit im vierten Anlauf den Sprung an die Spitze des politischen Systems geschafft.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Beide Kandidaten waren erfolgreich, weil sie im Wahlkampf einen harten Kurs gegen die organisierte Kriminalität ankündigten. Zugleich versprachen sie, den Einfluss des Staates zurückzudrängen und private Investitionen zu fördern.Damit ähneln Fujimori und de la Espriella programmatisch zahlreichen erfolgreichen Kandidaten der vergangenen Jahre. Von den letzten 15 Präsidentschaftswahlen in Lateinamerika wurden zwölf von Kandidaten gewonnen, die dem konservativen oder rechtsgerichteten politischen Lager zuzurechnen sind.Auch in Brasilien könnte es zum Wechsel kommenNur in Brasilien und Mexiko – den beiden grössten Ländern und Volkswirtschaften der Region – befinden sich noch Regierungen an der Macht, die links der politischen Mitte stehen, wenn man von den kleineren Ländern Uruguay und Guatemala absieht. Doch auch in Brasilien könnte bei den Wahlen in vier Monaten ein rechter Kandidat gewählt werden.Lateinamerika erlebt damit erneut einen tiefgreifenden politischen Wandel. Nachdem seit Beginn der 2000er Jahre die sogenannte «rosa Welle» linker und linksnationalistischer Regierungen die Region geprägt hat, dominieren heute konservative und rechtspopulistische Kräfte die politische Landschaft.Diese Entwicklung spiegelt die gesellschaftlichen Veränderungen wider. Umfragen zeigen seit Jahren, dass die Menschen konservativer werden. Das gilt besonders für jüngere Menschen. Der Einfluss der evangelikalen Kirchen ist ein Grund, die sozialen Netzwerke ein anderer. Für viele Jugendliche sind polemisch auftretende Herausforderer des Establishments wie de la Espriella oder Milei in Argentinien attraktiv. Denn sie nutzen geschickt Tiktok und Instagram. Die Jungen geben sich nicht mehr mit den staatlichen Almosen zufrieden wie noch ihre Eltern.Das Spektrum der neuen Rechten ist recht unterschiedlich. So verfolgt der argentinische Präsident Javier Milei vor allem wirtschaftspolitische Ziele. Er will den Einfluss des Staates reduzieren, die öffentlichen Ausgaben senken und durch eine investorenfreundliche Politik Wachstum erzeugen.Hardliner Bukele ist das VorbildGanz anders gelagert ist der Schwerpunkt von Nayib Bukele in El Salvador. Seine Regierung konzentriert sich auf die Wiederherstellung der öffentlichen Sicherheit. Für viele konservative Politiker der Region gilt Bukele inzwischen als Vorbild bei der Kriminalitätsbekämpfung. Dem autokratisch regierenden Präsidenten gelang es, die Mordrate seines Landes innerhalb weniger Jahre drastisch zu senken. Heute ist er der populärste Staatschef Lateinamerikas.Zwischen diesen beiden Polen – harter Sicherheitspolitik und wirtschaftlichem Liberalismus – bewegen sich die meisten der zuletzt gewählten Präsidenten. Es gibt konservative Regierungen wie in Chile unter José Antonio Kast, in Paraguay unter Santiago Peña oder in Bolivien unter Rodrigo Paz, die im Ton selten aggressiv gegenüber dem politischen Gegner auftreten. Daneben stehen stärker populistisch geprägte Führungsfiguren wie Milei in Argentinien, Bukele in El Salvador oder de la Espriella in Kolumbien.Trotz diesen Unterschieden markiert ihr Aufstieg eine politische Verschiebung: Die zentralen Themen der Region haben sich von Umverteilung und sozialer Inklusion hin zu Sicherheit, Ordnung und wirtschaftlicher Dynamik verlagert. Nun müssen die neuen Machthaber beweisen, dass sie in der Lage sind, die chronischen Probleme Lateinamerikas zu lösen. Viel Zeit bleibt ihnen nicht. Denn einmal an der Macht, gehören sie dann schnell zum Establishment.Passend zum Artikel