KommentarLateinamerika wird wieder zum Spielball der Mächte: Die USA und China kämpfen um die VorherrschaftDiese drei Entwicklungen prägen Lateinamerika seit der Jahrtausendwende: die Demokratisierung, die Ausbreitung der Drogenmafia und der wachsende Einfluss Chinas. Eine Bilanz und ein Ausblick für die kommenden Jahre.28.05.2026, 05.30 Uhr6 LeseminutenVenezolaner beobachten am 3. Januar die US-Luftangriffe auf den Hafen von La Guaira, als die Amerikaner mit einer Militäroperation Präsident Nicolás Maduro festnahmen und in die USA brachten.Jesus Vargas / GettyBis zum Ende des Kalten Krieges stand Lateinamerika im Fokus der globalen Auseinandersetzung zwischen den USA und der Sowjetunion. Danach überliess Washington die Region weitgehend sich selbst. Auch Präsident Trump schenkte «Amerikas Hinterhof» – wie Amerikaner Lateinamerika provokativ zu nennen pflegen – in seiner ersten Amtszeit wenig Beachtung. Er besuchte die Region damals gerade ein Mal, 2018 für den G-20-Gipfel in Buenos Aires. Chinas Staatspräsident Xi Jinping hingegen hat Lateinamerika seit 2013 sechsmal besucht und reiste in elf Länder.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Doch in Trumps zweiter Amtszeit betrachten die USA die Region wieder explizit als ihre exklusive Einflusssphäre. Allerdings ist Lateinamerika nicht mehr das Lateinamerika vom Ende des Kalten Krieges. Dies lässt sich an drei wichtigen Entwicklungen aufzeigen: der Demokratisierung, der Ausbreitung der Drogenmafia und dem rasch wachsenden Einfluss Chinas.Die neuen Demokratien sind überraschend stabilBis zum Ende des Kalten Krieges prägten in Lateinamerika rechte Militärregimes und linke Diktatoren das Bild. Seither haben die meisten Länder einen markanten Wandel vollzogen. Zwischen 1983 und 1990 kehrten Argentinien, Brasilien und Chile zu einer demokratischen Ordnung mit regelmässigen, auf Wahlen basierenden Machtwechseln zurück. 2000 folgten ihnen Mexiko und Peru. Im vom Guerillakrieg heimgesuchten Kolumbien öffnete 1991 eine neue Verfassung das politische System. Erst der Friedensvertrag von 2016 mit der marxistischen Farc-Guerilla ermöglichte allerdings eine Integration der gemässigten Linken und in der Folge die erste linke Regierung.Die meisten grösseren Demokratien haben sich als widerstandsfähig erwiesen, auch als Mitte der 2010er Jahre wegen fallender Rohstoffpreise in der Region eine wirtschaftliche Krise einsetzte und viele Beobachter später wegen der Folgen der Covid-Pandemie schwere soziale Unruhen befürchteten. Geholfen hat dabei auch, dass die Amerikaner mit politischem Druck demokratische Kräfte unterstützten. Neue Diktaturen haben sich inzwischen allerdings in Venezuela und Zentralamerika etabliert. Und Peru ist derweil politisch so instabil, dass man eigentlich nicht mehr von einer funktionierenden Demokratie sprechen kann.Die Drogenmafia breitet sich in der ganzen Region ausVon den 1970ern bis Mitte der 1990er Jahre wurde der weltweite Kokainhandel von Kolumbien durch das Medellín-Kartell von Pablo Escobar und das Cali-Kartell dominiert. Nach dem Tod von Escobar 1993 wurden beide Kartelle zerschlagen. Den Transport des Kokains in die USA übernahmen nun mexikanische Kartelle, welche bis heute die dominierenden Player sind. Die Drogengewalt hat sich seither immer weiter ausgebreitet.Ein Trauernder berührt den Sarg eines brasilianischen Polizeioffiziers, der im Oktober 2025 bei einer Operation gegen die Drogenmafia getötet wurde.Aline Massuca / ReutersIn Mexiko hat der Staat die Kontrolle über grössere Gebiete verloren. Korrumpierte staatliche Akteure machen gemeinsame Sache mit der Drogenmafia. Seit Präsident Felipe Calderón 2006 den Krieg gegen die Drogen ausgerufen hat, wurden mehrere hunderttausend Mexikanerinnen und Mexikanern als Folge der Drogengewalt getötet.Ausgehend von den Produzentenländern Kolumbien, Peru und Bolivien hat sich die Drogenmafia in den letzten Jahrzehnten auch in ganz Südamerika festgesetzt. Mächtige kriminelle Organisationen kontrollieren den Weitertransport der Drogen zu den Häfen am Atlantik und Pazifik. Das kleine Ecuador kämpft mit rekordhohen Mordraten, seit es zu einer der wichtigsten Exportrouten geworden ist.Im Norden Mexikos haben die Kartelle zudem in den letzten zehn Jahren die Produktion von synthetischen Drogen für die USA aufgebaut. In der ganzen Region hat die Gewalt der organisierten Kriminalität die politische Gewalt des 20. Jahrhunderts abgelöst.China dominiert die Wirtschaft SüdamerikasEine dritte wichtige Entwicklung ist der stark wachsende Einfluss Chinas. China ist inzwischen der wichtigste Handelspartner von Brasilien, Argentinien, Chile und Peru. Von den grösseren Ländern haben nur noch Mexiko und Kolumbien mehr Handel mit den USA als mit China. Der Wandel war in den letzten 25 Jahren rasant. Sieht man vom wirtschaftlich stark mit den USA verflochtenen Mexiko ab, gingen im Jahr 2000 gut 1 Prozent der Exporte aus Südamerika nach China. 2024 waren es bereits 28 Prozent. Nur 16 Prozent der Exporte gingen in die USA.Ein Containerschiff im neuen Mega-Hafen Chancay in Peru, für den sich China exklusive Betreiberrechte gesichert hat.ReutersPeking ist inzwischen ein bedeutender Kreditgeber für die Region und beim Bau von vielen Infrastrukturprojekten federführend: Häfen, Dämme, Strassen und Eisenbahnlinien. Paradestück dabei ist der 2024 eröffnete Hafen von Chancay in Peru. Dieser soll zum dominierenden Hub für die Verschiffung von Rohstoffen aus Südamerika nach Asien werden. China hat sich exklusive Betreiberrechte gesichert.Diese wachsende wirtschaftliche Abhängigkeit erlaubt China, auch politisch Einfluss zu nehmen. Selbst die antichinesisch eingestellte Regierung von Javier Milei in Argentinien willigte ein, von Peking einen Milliardenkredit anzunehmen. China hat die Sowjetunion abgelöst als wichtigsten Konkurrenten der USA in der Region.Konsumentenländer stehlen sich aus VerantwortungDie Bekämpfung der Drogenmafia und des wachsenden chinesischen Einflusses wird in den kommenden Jahren im Fokus der amerikanischen Politik in Lateinamerika bleiben. Der amerikanische «war on drugs», der in Kolumbien begonnen hat, ist inzwischen schon ein halbes Jahrhundert alt. Trotzdem ist der Umsatz der Drogenkartelle heute auf einem Höchststand. Dank der Illegalität und der Zahlungsbereitschaft der Konsumenten in den USA und Europa fahren die Kartelle Milliardengewinne ein. Damit können sie sich kleine Privatarmeen leisten, die den örtlichen Sicherheitskräften oft überlegen sind.Allein mit Polizei- und Militäreinsätzen gegen die Kartelle in Lateinamerika wird sich das Drogenproblem nicht lösen lassen. Das Geschäft ist so lukrativ, dass es immer ein Angebot geben wird, solange eine Nachfrage existiert. Die Konsumentenländer müssten durch Prophylaxe oder Zwangsmassnahmen die Nachfrage einschränken und die Geldrückflüsse und Waffenverkäufe an die Kartelle unterbinden.Trumps Anti-Drogen-Strategie ist besonders widersprüchlich. Während das Hauptproblem in den USA das Fentanyl aus dem Norden von Mexiko ist, lässt er in der Karibik und im Pazifik Kleinboote abschiessen, die angeblich Kokain transportieren. Den früheren honduranischen Präsidenten Juan Orlando Hernández hingegen, der in den USA rechtmässig wegen Drogenhandels zu 45 Jahren Gefängnis verurteilt wurde, hat er begnadigt und freigelassen.China wird in Lateinamerika bleibenDer Krieg gegen die Drogenmafia wird weitergehen. Auch im Wettstreit mit China werden sich die USA nicht klar durchsetzen können. Im nördlichen Teil Lateinamerikas, wo die Abhängigkeit von Peking geringer ist, kann Trump zwar Erfolge vorweisen. Nach militärischen Drohungen der USA hat Panama die Chinesen als Verwalter der Häfen am Kanal rausgeworfen. Mit Zolldrohungen hat Trump Mexiko dazu gezwungen, die Zusammenarbeit mit China zu begrenzen. Die venezolanische Übergangspräsidentin liegt ihm zu Füssen. Kuba scheint kurz vor dem Fall zu stehen.Doch in den Volkswirtschaften in Südamerika spielen die Chinesen bereits eine zentrale Rolle. Es ist unwahrscheinlich, dass die Amerikaner sie hier wieder verdrängen können. Südamerika ist als Rohstofflieferant für Peking unentbehrlich. Es verfügt über zwei Drittel der weltweit bekannten Lithiumreserven und 40 Prozent der Kupferreserven. Beide sind zentral für die Energiewende. Ausserdem liefert die Landwirtschaft Lateinamerikas 45 Prozent der auf dem Weltmarkt gehandelten Agrarprodukte. Das südamerikanische Soja ist für die Fleischproduktion in China unentbehrlich.Das Militär ist wieder Mittel der RegionalpolitikEin neues Phänomen ist, dass die USA unter Trump wieder bereit sind, militärisch gegen unliebsame Regime in Lateinamerika vorzugehen. Der Angriff auf Venezuela am 3. Januar war die erste derartige Militärintervention seit der Invasion in Panama im Dezember 1989, als die USA den Diktator Manuel Noriega stürzten. Gegenwärtig baut Washington eine militärische Drohkulisse gegen Kuba auf.Historisch betrachtet waren die ruhigen 36 Jahre zwischen 1989 und 2026 allerdings eine Ausnahme. Seit dem mexikanisch-amerikanischen Krieg Mitte des 19. Jahrhunderts, bei dem die USA Mexiko die Hälfte seines Territoriums abnahmen, waren Militärinterventionen in Ländern im «Hinterhof» ein gängiges Mittel der amerikanischen Politik. Es ging dabei in erster Linie um amerikanische Machtinteressen, nicht um die Bekämpfung diktatorischer Regime, auch wenn Washington Letzteres oft als Vorwand für ein Eingreifen benutzte.Der Kampf zwischen China und den USA um Einfluss in Lateinamerika dürfte sich in den kommenden Jahren noch intensivieren. Trump ist es gelungen, die Macht der USA in der Karibikregion deutlich auszubauen und die Chinesen dort zurückzubinden. Seine wirtschaftlichen und militärischen Drohungen haben dort deutlich mehr Gewicht, da das nördliche Lateinamerika wirtschaftlich viel stärker mit den USA verbunden ist. Im Süden Lateinamerikas kommt das Engagement der Amerikaner spät. Die Chinesen haben sich dort schon festgesetzt.(ben) Mit diesem Artikel verabschiedet sich Werner J. Marti (wjm.) von der Leserschaft der NZZ und tritt in den Ruhestand. Marti prägte mit seiner Expertise die Berichterstattung dieser Zeitung zu Lateinamerika über drei Jahrzehnte hinweg: Ab 1995 berichtete Marti für die NZZ als Korrespondent aus Mexiko, 1998 trat er als Redaktor in die Auslandredaktion ein. Von 2008 bis 2013 war Marti Korrespondent in Argentinien. Seine Nachfolge als Redaktor mit Fokus Lateinamerika tritt der bisherige Inland-Redaktor Simon Hehli an.Passend zum Artikel
Machtkampf in Lateinamerika: Die USA und China ringen um Vorherrschaft
Diese drei Entwicklungen prägen Lateinamerika seit der Jahrtausendwende: die Demokratisierung, die Ausbreitung der Drogenmafia und der wachsende Einfluss Chinas. Eine Bilanz und ein Ausblick für die kommenden Jahre.






