PfadnavigationHomeSportFußballWMArtikeltyp:MeinungNationalmannschaftUndav und Nmecha werden nicht mehr lange zu halten seinVon Lothar MatthäusStand: 18:15 UhrLesedauer: 6 MinutenDeniz Undav sorgt bei der WM 2026 weiter für Furore. In nur 56 Einsatzminuten erzielt der deutsche Angreifer drei Tore und zwei Assists. Die Diskussion nimmt in Fußball-Deutschland Fahrt auf.Der deutsche Rekordnationalspieler Lothar Matthäus glaubt, dass die beiden DFB-Helden trotz Vertragsverlängerungen vor dem Abschied aus der Bundesliga stehen könnten. Er sieht die WM als Transferbörse.Manchmal schreibt der Fußball unglaubliche Geschichten. Diese erinnert mich ein wenig an unseren Titelgewinn 1990, und sie lässt mich schmunzeln. Wie unsere Nationalmannschaft heute, standen auch wir damals schon nach zwei Vorrundenspielen als Gruppenerster fest. Ebenfalls mit zwei Siegen und 9:2 Toren. Dritter Gegner war eine Mannschaft aus Südamerika, damals Kolumbien, dieses Mal Ecuador. Und im Achtelfinale wartete mit Europameister Niederlande ein echtes Kaliber auf uns. Von mir aus kann das gern so weitergehen mit diesen Parallelen, bis ganz zum Schluss. Ich wünsche es mir – und uns allen.Wenn das so weitergeht, sehe ich jedenfalls zwei Spieler unserer Mannschaft auf dem Weg an die Weltspitze: Deniz Undav und Felix Nmecha. Gehen sie ihn konsequent weiter, werden beide von ihren Klubs nicht mehr lange zu halten sein. Vor kurzem habe ich die WM als Transferbörse bezeichnet. Und es ist definitiv so: Unabhängig von Vertragslaufzeiten und Plänen, die vor dem Turnier geschmiedet worden sind, können starke Leistungen bei einer WM plötzlich alles verändern – für die Zukunft der Spieler und für ihre Klubs.Der VfB Stuttgart hat vor der WM mit Undav bis 2029 plus Option auf ein weiteres Jahr verlängert. Borussia Dortmund mit Nmecha direkt bis 2030, aber wie man hört mit Ausstiegsklauseln um die 70, 80 Millionen Euro für die Jahre 2027 oder 2028. Natürlich stecken konkrete Überlegungen und Pläne dahinter. Die Trainer Sebastian Hoeneß in Stuttgart und Niko Kovac in Dortmund wollen weiter etwas aufbauen, sie wollen nicht nur in der Bundesliga, sondern auch international erfolgreich spielen. Sie dürften nicht begeistert sein, sollten sie abermals ihre Topspieler verlieren. Aber bei erfolgreichen WM-Stars reden wir heute von dreistelligen Millionen-Ablösesummen. Und wenn die unmoralischen Angebote kommen, können Vereine wie der VfB und der BVB irgendwann nicht mehr Nein sagen. Dortmund hat das übrigens auch schon 2023 erlebt, als Jude Bellingham ein halbes Jahr nach der WM in Katar für mehr als 100 Millionen Euro zu Real Madrid wechselte.Undav hat eine heutzutage untypische Karriere gemachtNmecha und Undav waren unsere Besten beim 2:1 gegen die Elfenbeinküste, beide haben sich die Note 1 absolut verdient. Die Überschrift der „Bild“ am Montag danach – „Uns Undav“ in Anlehnung an den legendären „Uns Uwe“ Seeler – brachte perfekt auf den Punkt, wie sehr der Stuttgarter Stürmer die Herzen der Fußball-­Fans erreicht. Mit seinen Leistungen genauso wie mit seiner ehrlichen und direkten Art außerhalb des Platzes. Und selbstverständlich auch deshalb, weil er eine heutzutage untypische Karriere gemacht hat. Eine Karriere nämlich, die jedem Amateurfußballer erlaubt, davon zu träumen, es auch schaffen zu können.Lesen Sie auchUndav kommt nicht aus einem Nachwuchs-Leistungszentrum. Er hat als Maschinenführer einen normalen Beruf ausgeübt und sich über einige kleine Klubs wie Meppen und Havelse, dann Saint-Gilloise in Belgien und Brighton in England Schritt für Schritt nach oben gearbeitet. Spät erst wurde er entdeckt – zum Glück nicht zu spät.Fußballerisch ist Undav kein Messi. Ich darf das sagen, weil ich zu meiner Zeit auch kein Platini war, kein Maradona (†60) und kein Zico, die damals technisch brillanten Spielmacher. Wie sie hatte ich zwar die 10 auf dem Rücken. Mir ist es jedoch gelungen, mit anderen Fähigkeiten das Maximum herauszuholen, mit meinen Fähigkeiten. Ähnlich schafft das auch Undav. Mich erinnert er gleich an zwei Müllers. An Gerd und an Thomas.Deniz Undav hat eine ähnliche Statur wie Gerd Müller (†75). Der legendäre Bomber der Nation, Weltmeister 1974, konnte wie kein Zweiter den Ball abschirmen. Dann kam die Drehung, dann fiel oft das Tor. Er agierte noch häufiger als heute Undav mit dem Rücken zum Tor, aber auch Undav stellt seinen Körper geschickt zwischen Ball und Gegner – und auch er hat diesen fast einzigartigen Tor-Instinkt. Eine herausragende Effizienz, besonders auch in schwierigen Situationen. Er braucht nicht viele Chancen, was ihn als Joker so wertvoll macht. Aber natürlich kann er auch von Anfang an spielen, das beweist er in Stuttgart seit Jahren.Dass Undav sich so entwickelt hat, ist nicht zuletzt Sebastian Hoeneß zu verdanken. Der Stuttgarter Trainer gibt ihm das Vertrauen, und Undav rechtfertigt es. Würde der VfB unter Hoeneß auf Konter spielen, wäre Undav wahrscheinlich nicht so gut; er ist kein Sprinter-Typ. Im Strafraum aber bringt er sehr viele Facetten mit, die schwer zu verteidigen sind.Was immer wieder auffällt: Undav sieht die Räume eher als andere. Vielleicht ahnt er sie sogar noch viel eher. Und wenn dann der Ball dorthin kommt, ist er schon da und hat die Technik, ihn zu verwandeln. Hier sehe ich eine Parallele zu Thomas Müller (36), Weltmeister von 2014, der fußballtechnisch auch nicht unbedingt der absolute Überflieger war, aber immer richtig in die gefährlichen Räume gelaufen ist und oft getroffen hat. Oder Räume für andere geschaffen hat. Die dafür nötige Cleverness bringt Undav ebenfalls mit.Nmecha ist einer der besten Box-to-Box-Spieler der Welt Bei den aktiven Stürmern sehe ich Undav im Strafraum auf einem Level mit Harry Kane. Wie er die beiden Tore gegen die Elfenbeinküste gemacht hat, war alles andere als leicht. Das war Weltklasse. Ebenso wie die Flanke von Nadiem Amiri vor dem 1:1 und der Pass in die Tiefe von Nmecha vor dem 2:1.Von ihm bin ich schon lange begeistert, ich habe Felix Nmecha schon vor Turnierbeginn als einen der besten Box-to-Box-Spieler der Welt bezeichnet. Und das Spiel gegen die Elfenbeinküste hat mich einmal mehr darin bestätigt. Seine Präsenz, seine Technik, seine Laufwege mit Ball und ohne Ball, dazu ein super taktisches Verhalten! Seine Geschwindigkeit, mit der er die Gegner abgelaufen und gefährliche Situationen ohne Foulspiel gelöst hat! Und er hat immer die richtigen Entscheidungen getroffen – das war einfach: Wow!Ich bin noch etwas vorsichtig. Aber wenn Deutschland bei dieser WM Erfolg hat, kann Felix Nmecha zum Weltstar aufsteigen. Undav selbstverständlich auch.Vorsichtig bin ich deshalb, weil gegen die Elfenbeinküste deutlich geworden ist, dass sich unsere Nationalmannschaft gegen die stärker werdenden Gegner in der K.-o.-Runde steigern muss, um weiterzukommen. Joshua Kimmich als rechter Verteidiger hatte gegen Yan Diomande, der in dem Spiel nicht in Topform war, seine erwartbaren Probleme mit dem Tempo. So entstand auch das Gegentor. Kimmich wird im Laufe des Turniers nicht mehr schneller werden, aber die kommenden Gegner werden es sein, allein wenn ich an Kylian Mbappé in einem möglichen Achtelfinale gegen Frankreich denke.Deshalb eine Idee von mir für mehr Geschwindigkeit auf den defensiven Außenpositionen: Der schnelle Nathaniel Brown könnte statt linker rechter Verteidiger spielen, das hat er zum Beispiel für Eintracht Frankfurt schon mal sehr gut gemacht. Gegen Leipzig und Diomande übrigens. David Raum, der auch schnell ist, könnte dann für Brown als linker Verteidiger übernehmen und Kimmich von rechts hinten neben Nmecha ins Mittelfeld vorrücken. Dort könnte Kimmich noch mehr Einfluss auf das Spiel nehmen. Ob das tatsächlich eine Option ist, entscheidet aber nur einer, nämlich unser Bundestrainer.