PfadnavigationHomeSportFußballWMArtikeltyp:MeinungDeutscher FußballWir verlieren zu viele Talente an andere NationenVon Lothar MatthäusStand: 11:10 UhrLesedauer: 7 MinutenNach dem frühen Aus der deutschen Mannschaft bei der Weltmeisterschaft spricht Rudi Völler über den Abschied von Julian Nagelsmann und dessen möglichen Nachfolger Jürgen Klopp. Völler selbst wird dem DFB erhalten bleiben.Nagelsmann entlassen, Klopp als Heilsbringer – damit ist es nach dem deutschen WM-Desaster nicht getan, findet Lothar Matthäus. Der Rekordnationalspieler darüber, was sich ändern muss.Als Weltmeister von 2014 und sechsmaliger Champions-League-Sieger, davon fünfmal mit Real Madrid, hat Toni Kroos die Lage des deutschen Fußballs sehr genau auf den Punkt gebracht. Nach dem WM-Aus unserer Nationalmannschaft sagte er: „Wir haben aktuell keinen einzigen Weltklassespieler. Wir haben Spieler mit Weltklasse-Potenzial, aber das heißt noch lange nicht, dass sie Weltklasse sind.“Ich kann ihm da nicht widersprechen. Und weil Kroos’ Analyse zutrifft, reicht es nicht, den Bundestrainer und seinen Staff bei der A-Nationalmannschaft auszutauschen. Die Probleme des deutschen Fußballs liegen viel tiefer. Das hat Jürgen Klopp längst erkannt, und auch darüber wird er in den anstehenden Verhandlungen mit den DFB-Verantwortlichen reden.Die große Frage ist: Wie bekommen wir wieder Weltklassespieler? Klopp ist der beste Mann, darauf die richtige Antwort zu finden.Wurde versäumt, junge Spieler an Weltklasse heranzuführenIm Grunde wurde es zehn Jahre lang versäumt, konsequent und mit den richtigen Inhalten junge deutsche Spieler an die Weltklasse heranzuführen und für die deutsche Nationalmannschaft auszubilden. Es fehlte vielleicht der Mut dazu. Denn es ist ja nicht so, dass wir keine Talente haben. Aber wo sind sie auf Top-Niveau?Aus unserer U21-Europameister-Mannschaft von 2017 hätte jetzt noch Gnabry (30) dabei sein können, er fehlte aber verletzt. Amiri (29) war dabei, der genauso wie Tah (30) auch der Vize-U21-EM-Mannschaft von 2019 angehörte. Dann die U21-Europameister von 2021: Wirtz (23), Schlotterbeck (26) und Raum (28) gehörten in den USA zum DFB-Aufgebot, aber Ridle Baku (28) als möglicher rechter Verteidiger bekam keine WM-Nominierung.Lesen Sie auchAus der U21, die vor einem Jahr eine starke EM spielte und erst im Finale 2:3 gegen England verlor, nahm Nagelsmann nur Brown (23) mit, der sich als linker Verteidiger sogar einen Startelfplatz eroberte – und Woltemade (24). Der Stürmer, immerhin mit vier Toren in der WM-Qualifikation, spielte aber in der Vorrunde keine Minute und wurde erst spät gegen Paraguay eingewechselt. Lesen Sie auchUnd was wurde zum Beispiel aus dem 2025er-Nachwuchs mit Weiper (21), Gruda (22), Arrey-Mbi (23) oder Nebel (23)? Warum spielten sie in den Überlegungen offenbar überhaupt keine Rolle? Oder Collins (22)? Auch er hätte in den USA rechter Verteidiger spielen können. Nagelsmann hatte ihn jedoch bei seinem Debüt-Einsatz beim 0:2 in der Qualifikation in der Slowakei auf völlig falscher Position verbrannt. Ich habe auch nicht verstanden, warum El Mala (19) nicht nachnominiert wurde, als Karl (18) verletzt abreisen musste. Stattdessen kam Ouédraogo. Immerhin ein 20-Jähriger, aber er hatte in Leipzig keine gute Saison und spielte dann auch bei der WM keinerlei Rolle.Mit Tom Bischof (21), der beim FC Bayern eine starke Saison spielte, und Nicolò Tresoldi (21), der mit 19 Ligatoren für den Klub Brügge in Belgien sogar Torschützenkönig wurde, verzichtete Nagelsmann auf zwei 21-Jährige, die uns bei der WM hätten guttun können. Ich finde, ein Bundestrainer muss auch perspektivisch denken und nominieren – erst recht, wenn er einen Vertrag bis 2028 hat. Klopp wird das tun, jede Wette.Kompany macht es beim FC Bayern vorInsgesamt sind es seit Jahren einfach zu wenige, die den Sprung aus den Nachwuchsmannschaften in die A-Elf schaffen. Starke junge Spieler setzen aber die Etablierten unter Druck und verbessern damit das Leistungsniveau. Mehr Mut zur Jugend braucht der DFB für eine bessere Zukunft des deutschen Fußballs. Zu früh kann man nicht Weltmeister werden oder Europameister. Als ich beim EM-Titel 1980 zum ersten Mal bei einem großen Turnier dabei war, war ich 19 Jahre alt.Damit ich nicht missverstanden werde: Ich fordere nicht, dass Jürgen Klopp – wenn er hoffentlich Bundestrainer wird – im September in der Nations League gegen Holland und dann in der EM-Qualifikation mit der jüngsten Nationalmannschaft aller Zeiten antritt. Natürlich braucht auch er erfahrene Spieler wie Kimmich, Tah oder Schlotterbeck, die ich weiterhin in der Nationalmannschaft sehe. Ebenso Wirtz und Musiala. Sie sind noch jung genug, aber schon etwas erfahren. Auch Nmecha, Pavlovic, Brown und Karl werden dazugehören. Urbig im Tor. Aber es wird sicher auch viele neue Namen geben, die Startelf-Chancen bekommen: Jeltsch (19) vom VfB Stuttgart, Ramsak (19) von RB Leipzig, Bisseck (25) von Inter Mailand, Schade (24) vom FC Brentford, Licina (19) von Juventus Turin fallen mir da ein. Bischof und Tresoldi sowieso. Und der erst 16-jährige Kennet Eichhorn auf jeden Fall. Wie erwähnt: An Talenten mangelt es uns nicht. Ich bin sogar überzeugt: Mit diesem Potenzial brauchen wir uns in den nächsten Jahren hinter keiner Nation verstecken, die jetzt noch bei der WM dabei ist. Aber wir müssen unsere Talente besser fördern, uns gerade um die im Ausland mehr kümmern und ihre Qualitäten besser zur Geltung bringen.In diesem Zusammenhang würde ich mir wünschen, dass die Bundesliga-Klubs der Nationalmannschaft helfen, indem sie mehr auf junge Spieler setzen. Dass das geht, zeigt Vincent Kompany, der in den vergangenen Monaten beim FC Bayern schon elf Spieler aus dem eigenen Nachwuchs bei den Profis einbaute. Und neben Überflieger Lennart Karl haben noch sieben von ihnen zumindest auch einen deutschen Pass.Das ist ein weiterer Punkt, den es beim DFB zu verbessern gilt: Ich habe das Gefühl, dass wir zu viele Talente an andere Nationen verlieren, weil sie bei uns keine echte Chance auf die A-Nationalmannschaft bekommen. Bei dieser WM waren das zum Beispiel Ibrahim Maza (20), ein großartiger Fußballer, für Algerien. Dann Paul Wanner (20) für Österreich, Kenan Yildiz (21) für die Türkei und Ismail Jakobs (26) für den Senegal. Zuvor waren sie alle deutsche U-Nationalspieler. Auch an dieser Stelle geht uns bislang sehr viel Qualität verloren.Deutschland hat keine Führungsspieler mit Erfahrung auf höchstem NiveauIch verstehe jeden Bundesliga-Klub, der Schlüsselpositionen mit den bestmöglichen Spielern besetzt, um Erfolg zu haben. Aber diese Spieler kommen bei uns oftmals aus dem Ausland. Italien hat das gleiche Problem, mit noch fataleren Folgen: Die Italiener fehlten bei den letzten drei Weltmeisterschaften komplett.Zu viele Profis anderer Nationen auf Schlüsselpositionen: Das führt dann dazu, dass wir – wie jetzt bei der WM – keine Führungsspieler haben mit Erfahrung auf höchstem Niveau. Spieler, die in kritischen Situationen den Überblick behalten und die Mannschaft lenken. Kimmich hat diese Qualität, das beweist er seit Jahren bei Bayern. Aber er wurde bei der WM als rechter Verteidiger auf der falschen Position eingesetzt. Goretzka könnte auch führen, er spielte aber gar keine Rolle. Nmecha hat alle Voraussetzungen, in eine Führungsrolle hineinzuwachsen.Ein entscheidender Punkt ist die Ausbildung von Talenten. Ich habe den Eindruck, dass da auch in den Vereinen einiges im Argen liegt. Damit meine ich nicht nur Profiklubs, sondern genauso die kleinen Amateurvereine mit ihren Nachwuchsabteilungen. Leistung muss sich wieder lohnen, Kinder wollen sich miteinander vergleichen. Nur so können sie Ehrgeiz entwickeln und besser werden. Nachwuchs-Wettbewerbe ohne Sieger, ohne Punkte – das ist definitiv der falsche Weg! Das muss man auch beim DFB endlich erkennen.Ich war bis vor ein paar Jahren noch selbst Nachwuchstrainer, und ich habe einen zwölfjährigen, fußballbegeisterten Sohn. Deswegen kann ich das beurteilen. Wir müssen wieder besser ausbilden – und zwar für konkrete Positionen. Wo sind denn die Mittelstürmer wie Miro Klose (48)? Die Außenverteidiger wie ganz früher Manfred Kaltz (73) oder unser letzter WM-Kapitän Philipp Lahm (42)? Alle Kinder wollen heute dribbeln, Tore schießen. Aber keiner will mehr Verteidiger sein. Das geht nicht! Wir müssen auch wieder mehr Zweikämpfe trainieren, vor allem in den Jugendmannschaften – aber auch bei den Männern.Denn nur mit technischer und spielerischer Qualität, aber ohne Robustheit hat man auf Weltklasse-Niveau keine Chance. So abgedroschen es klingen mag: Wir müssen zurück zu unseren Tugenden, die deutsche Nationalmannschaften immer stark gemacht haben. Selbstverständlich dürfen wir die spielerischen und technischen Elemente dabei nicht vernachlässigen.Wichtig ist aus meiner Sicht genauso, dass wir für alle Nationalmannschaften eine Philosophie entwickeln. Eine einheitliche Spielidee, die es Talenten erleichtert, von der U17 über die U21 in die A-Nationalelf aufzurücken und sich dort zu etablieren.Ich bin sicher, dass Jürgen Klopp das alles weiß. Wahrscheinlich hat er sogar noch mehr Ansätze und Ideen. Ich hoffe, dass sie ihm beim DFB alle Zeit und alle Befugnisse geben, die er für echte Verbesserungen braucht. Dazu gehört, dass er für jede Position die Leute mitbringen kann, die in seinem Sinne mitarbeiten. Per Mertesacker, der als langjähriger Akademie-Chef vom FC Arsenal viel Erfahrung hat, kann ich mir gut in Klopps Team vorstellen. Ebenso hat zum Beispiel Bastian Schweinsteiger sicherlich die nötige Expertise.Eines muss aber allen klar sein, die jetzt eine Aufgabe beim DFB übernehmen: Es wartet Arbeit auf sie, richtig viel Arbeit!