Lothar Matthäus blickt vor dem WM-Start auf die deutsche Nationalmannschaft und entscheidende Faktoren der Konkurrenten. Bei der DFB-Elf rückt er unter anderem die Personalie Neuer in den Fokus – und sieht Verbesserungsbedarf.Vergangene Woche war ich vier Tage in New York und dann bei unserem letzten Test gegen Gastgeber USA in Chicago. Bis auf das Spiel im Soldier-Field-Stadion, bei dem die Stimmung wirklich gut war, habe ich kaum Anzeichen für eine Fußball-WM gesehen. Die muss man in diesen riesigen Städten wirklich suchen. Auch die Sportsender berichten noch nicht über die WM, sondern umfassend über das NBA-Finale. Ganz anders soll hingegen die Vorfreude zum Beispiel in Miami und Los Angeles sein, haben mir Bekannte berichtet. Oder auch in Mexiko. Also dort, wo in der Bevölkerung der spanische und südamerikanische Einfluss besonders groß ist. Allein das zeigt, dass die größte WM aller Zeiten auf diesem Kontinent von großen Unterschieden geprägt sein wird.Jedenfalls wird es Zeit, dass es jetzt endlich losgeht. Ich freue mich auf die Spiele. Um es an dieser Stelle noch einmal klar zu sagen, und weil ich nicht alle paar Wochen meine Meinung ändere, wiederhole ich mich: Eine europäische Mannschaft wird diese WM gewinnen. Meine Top-Favoriten sind: Vize-Weltmeister Frankreich, Europameister Spanien und Vize-Europameister England.Wenn ich das sage, folgen meist direkt diese Fragen: Aber was ist mit Lionel Messi und Titelverteidiger Argentinien? Was mit Cristiano Ronaldo und Portugal? Selbstverständlich gehören auch sie zum Favoritenkreis. Aber ich bin nicht sicher, ob Messi abermals so eine WM spielt wie in Katar. Überspitzt formuliert, ist er damals schon nach jeder Offensiv-Aktion stehen geblieben, hat durchgeschnauft, ist zur Mittellinie zurückgegangen und hat dort gewartet, dass er den Ball wiederbekommt. Portugal ohne Ronaldo ist sogar stärker, als es Argentinien ohne Messi wäreIch weiß ja, wie das ist. Aber als ich mit 39 noch die EM 2000 gespielt habe, konnte ich aus einer defensiven Position heraus reagieren, statt immer agieren zu müssen. Entweder schaltete ich mich vorn ein, oder ich nahm mir ein notwendiges Päuschen.Lesen Sie auchMessi entscheidet selbst, ob und wie viel er spielt. Seine Mannschaft richtet sich gern danach, weil sie weiß, wie wichtig er für sie ist. Bei Ronaldo gehe ich auch davon aus, dass er nicht jedes Spiel über 90 Minuten machen wird – und vielleicht auch nicht jedes von Beginn an. Ich glaube, dass Portugal ohne Ronaldo sogar stärker ist, als es Argentinien ohne Messi wäre. Weil Messi doch noch mehr Einfluss auf das Spiel seiner Mannschaft hat als Ronaldo auf das der Portugiesen.Kommen wir zur deutschen Nationalmannschaft und den Lehren aus dem 2:1-Testsieg gegen die USA. Wir waren individuell auf jeder Position besser besetzt – aber das muss die Mannschaft auch zeigen! Stattdessen waren die Amerikaner aggressiver, gieriger und uns phasenweise überlegen. Die letzte Überzeugung und Durchsetzungsfähigkeit, gerade in den offensiven Zweikämpfen, haben mir gefehlt. Es waren zu wenige Aktionen dabei, die wir im Dribbling für uns entschieden haben. Sané hatte ab und zu eine. Havertz, wenn er Platz hatte. Aber Musiala hatte keine und Wirtz hatte keine, dabei sind sie doch prädestiniert, in Eins-gegen-Eins-Situationen zu gehen. Ganz klar, die Offensive muss einiges zulegen. Ja, sie waren erst ein paar Tage vor Ort, noch nicht an die Zeitumstellung gewöhnt, es war schwül, 35 Grad Celsius, der Rasen war stumpf und es war noch Müdigkeit da. Alles verständlich! Aber das sind Bedingungen, die für alle gelten, etwas weniger vielleicht nur für die Gastgeber. Ausreden darf es ab jetzt nicht mehr geben und die Müdigkeit muss weg sein, wenn es am Sonntag im ersten Gruppenspiel gegen Curacao losgeht.Da fehlt mir nach wie vor jede Fantasie, dass das nicht ein hoher Sieg wird. Oder sogar werden muss. Denn danach kommen die Brocken. Und wir reden da wirklich von Brocken, die wir alle vorher vielleicht nicht so eingeschätzt haben, weil Ecuador und die Elfenbeinküste nicht solche großen Namen haben wie etwa Spanien oder Brasilien.Aber wenn man dann in die Kader schaut, sieht man, dass Ecuador mit Piero Hincapié vom FC Arsenal und Willian Pacho von PSG zwei Spieler im Champions-League-Finale hatte – wir hatten nur einen, Kai Havertz. Pervis Estupinan spielt bei AC Mailand, Moises Caicedo beim FC Chelsea, Nilson Angulo in Sunderland. Ecuador ist in der Südamerika-Qualifikation Zweiter geworden hinter Argentinien, aber vor Brasilien und Uruguay. Ich traue den defensivstarken Ecuadorianern eine überraschende Rolle bei der WM zu. Und auch ein Blick in den sehr jungen Kader der Elfenbeinküste lässt deren Qualität ahnen: Yan Diomande von RB Leipzig kennen wir alle – aber auch fast alle anderen Ivorer spielen bei guten Klubs in Europa.Bitte nicht falsch verstehen, ich will sie nicht größer machen, als sie sind. Wir haben mindestens so viele Spieler bei internationalen Spitzenklubs, den Bayern-Block etwa, dann Rüdiger bei Real, Wirtz bei Liverpool oder Havertz bei Arsenal. Aber dass mit beiden Gruppengegnern wirklich zu rechnen ist, das zeigten sie gerade in den Vorbereitungsspielen. Ecuador mit Unentschieden gegen Marokko und Holland sowie Siegen gegen Saudi-Arabien und Guatemala, die Elfenbeinküste mit Siegen gegen Südkorea, Schottland und zuletzt sogar gegen Frankreich.Vor diesem Hintergrund sage ich, dass Manuel Neuer gegen Curacao nicht spielen muss. Da brauchen wir ihn nicht unbedingt; die werden nicht sehr oft auf unser Tor schießen. Es wird natürlich sein Ziel sein, zu spielen, nachdem er in dieser Woche ins Mannschaftstraining zurückgekehrt ist. Und wenn er fit ist, dann spielt er auch. Aber sollte es auch nur das geringste Risiko mit seiner Wade geben, dann würde ich es auf keinen Fall eingehen. Weil es wichtiger ist, dass er gegen die Elfenbeinküste und Ecuador im Tor steht.Falls wir stolpern sollten, müssten wir vielleicht als Zweiter die Gruppe abschließen. Ist das besser, oder ist es schlechter? Man weiß es jetzt noch nicht, weil es auch in den anderen Gruppen Überraschungen geben könnte.Ich glaube jedenfalls, dass es spätestens im Achtelfinale die eine oder andere Mannschaft geben wird, die jetzt mit Ambitionen aufs Endspiel startet, aber frühzeitig nach Hause fahren muss. Und die deutsche Mannschaft hat schon bei den letzten beiden Turnieren gemerkt, wie schnell es sogar schon in der Gruppe schieflaufen kann. Und das sollte uns eine Warnung sein.Die drei Szenarien für die Zukunft von NagelsmannIch finde es gut, dass unsere Mannschaft intern das Ziel ausgegeben hat, Weltmeister werden zu wollen. Ich kenne aber selbstverständlich auch die Umfragen, in denen die meisten Fans sagen, dass sie Deutschland maximal im Viertelfinale sehen. Ob das dann ein Erfolg wäre, hängt für mich von der Art und Weise ab, wie unsere Mannschaft bis dahin spielt. Auf das Wie kommt es an!Mit welchen Leistungen gegen welche Gegner kamen wir dahin? Sollte es wieder so laufen wie bei der EM gegen Spanien, also nach einer guten Leistung unglücklich im Viertelfinale oder Halbfinale auszuscheiden (so wie ich es schon kurz nach der WM-Auslosung in der „Sport Bild“ getippt habe), wäre natürlich die Enttäuschung groß – aber man dürfte auch stolz sein. Die Fans genauso. Aber erst wenn man die Ergebnisse und vor allem auch das Wie kennt, kann man bewerten, ob es eine gute WM war.Das gilt selbstverständlich auch für Bundestrainer Julian Nagelsmann persönlich. Er hat einen Vertrag mit dem DFB bis 2028, also inklusive der nächsten EM. Aber wenn er Weltmeister wird, müsste er eigentlich von sich aus aufhören. Er wäre dann nach dem Uruguayer Alberto Suppici 1930 und dem Brasilianer Mario Zagallo 1970 der drittjüngste Weltmeister-Trainer aller Zeiten. Was sollte dann noch kommen? Ich weiß es nicht, aber ich kann mir vorstellen, dass er dann ins Tagesgeschäft zurückkehren möchte. Vielleicht gefällt ihm der Bundestrainer-Job, bei dem man außer bei Turnieren nicht täglich im Fokus steht und gefordert ist, inzwischen aber auch viel zu gut. Falls er allerdings in der Vorrunde ausscheiden sollte, müsste er aufhören. Dann gibt es keine Argumente, weiterzumachen. Aber an dieses Szenario mag ich gar nicht denken.Rangnick profitiert von der BundesligaWir haben drei deutsche Trainer bei der WM. Nagelsmann, Thomas Tuchel mit England und Ralf Rangnick mit Österreich. Mein internes deutsches WM-Trainer-Ranking ist im Moment: England vor Deutschland und Österreich.Von Österreich erwartet niemand, dass es Weltmeister wird. Aber ich glaube, dass die Österreicher ihre Gruppe mit Argentinien, Algerien und Jordanien überstehen und sogar weiter überraschen können, obwohl sie in dem Leipziger Christoph Baumgartner verletzungsbedingt einen wichtigen Unterschiedsspieler verloren haben. Schon bei der EM haben sie trotz ihres frühen und unglücklichen Ausscheidens gegen die Türkei die Fans begeistert. Österreich profitiert dabei nicht nur von Rangnick, sondern auch von der Bundesliga. 13 Mann spielen bei Bundesliga-Klubs, insgesamt 16 haben Bundesliga-Erfahrung. Und das sind alles keine Mitläufer in ihren Klubs. Ein wenig ist das so wie bei uns 1990, als fünf aus unserer Weltmeistermannschaft in Italien unter Vertrag standen und sich in der damals besten Liga der Welt zur Weltklasse weiterentwickelt hatten.Rangnick selbst hat sich in seiner Karriere einen Riesennamen gemacht, ihm stehen alle Türen offen, erst recht, wenn er mit Österreich bei der WM weit kommt. Die Option AC Mailand könnte für ihn tatsächlich passen, seinen Vertrag mit dem ÖFB hat er noch nicht verlängert.In England hingegen sind die Erwartungen an Thomas Tuchel und seine Mannschaft sehr, sehr hoch. Und der Druck genauso. Aufgrund ihres Potenzials sind die Engländer nicht nur stärker als Deutschland und Österreich einzuschätzen, sondern auch zu den Top-Favoriten zu zählen – und das, obwohl Tuchel in Cole Palmer, Phil Foden und Trent Alexander-Arnold drei absolute Unterschiedsspieler nicht nominiert hat. Damit hat er sich selbst unter enormen Druck gesetzt. Diese drei haben zusammen einen Marktwert von 240 Millionen Euro! Also, entweder haben diejenigen, die die Marktwerte festlegen, keine Ahnung, oder Thomas Tuchel sieht etwas, was alle anderen nicht sehen. Jedenfalls ist die Kritik an ihm in England jetzt schon sehr laut – und ich bin sicher, dass sie zum Höllenlärm wird, wenn er nicht mindestens das Halbfinale erreicht.Ein Garant dafür sollte Bayern-Star und England-Kapitän Harry Kane sein, der auch beim 1:0 im Test gegen Neuseeland wieder getroffen hat. Ich befürchte allerdings, dass Kane geringe Chancen hat, Torschützenkönig dieser WM zu werden. Denn ganz anders als bei den offensiv ausgerichteten Bayern, wo alles auf Kane zugeschnitten ist, legt Tuchel sehr viel Wert auf defensive Stabilität. Nicht umsonst hat England die Qualifikation ohne Gegentor überstanden. Die Engländer geizen mit Toren, darunter leidet die Offensive. Das könnte Kane die Krone kosten.Wer wird dann Torschützenkönig? Erling Haaland vielleicht, dessen Norweger eine starke Mannschaft sind, ein verschworener Haufen sogar, der positiv überraschen könnte. Oder Kylian Mbappé, der eine französische Tor-Maschine ist. Ich traue allerdings Michael Olise zu, seinem Landsmann die Show zu stehlen. Weil er nicht nur Tore schießt, sondern auch noch ein unterhaltsamer Fußballzauberer ist. Ich kann mir sogar vorstellen, dass er beides wird, Weltfußballer und Ballon-d’Or-Sieger, erst recht als Weltmeister – wobei die Konkurrenz innerhalb der französischen Nationalmannschaft naturgemäß sehr groß ist, etwa mit den Champions-League-Siegern Ousmane Dembélé und Désiré Doué.Ich bin übrigens sicher, dass der FC Bayern bei Olise hart bleibt, egal welche Summe von Real Madrid oder anderen Klubs für ihn geboten wird. Warum sollten sie Spieler wie ihn oder Luis Díaz verkaufen, die ihnen nicht nur die Dominanz in der Bundesliga sichern, sondern zudem international Glanz verleihen? Deswegen bin ich auch überzeugt, dass Bayern noch vor dem ersten Bundesliga-Spieltag der neuen Saison mit Harry Kane verlängern wird.