Es war schon immer prekär, frühe menschliche Embryonen im Labor zu kultivieren und zu „verbessern“. Sie in Petrischalen wachsen zu lassen und zu manipulieren, sie anschließend auch zu entsorgen – oder noch schlimmer, wie der Chinese He Jiankui im Jahr 2018, die genetisch veränderten Embryonen am Ende auf eine Frau zu übertragen und austragen zu lassen. Vielleicht deshalb und nach dem anschließenden Votum der wichtigsten Wissenschaftsakademien der Welt, die manipulierten Embryonen eben nicht in der Reproduktionsmedizin einzusetzen, war es still um die Embryonenforschung geworden. Und so könnte es auch nach den neuesten bekannt gewordenen Experimenten in den USA und Großbritannien vorerst bleiben.Keine skandalumwitterten ExperimenteViel Skandalöses ist jedenfalls nicht passiert. Es wurden keine ethischen oder juristischen Grenzen (in dem jeweiligen Land) überschritten, es wurden auch keine gentechnisch veränderten Babys geboren. Allerdings zeigen die neuen Laborexperimente aufs Neue: Die Embryonenforschung hält keineswegs still. Vielmehr wird aus den beiden jüngsten Studien sehr deutlich, wie tief die Idee in der biomedizinischen Forschung verwurzelt ist, etwaige Defekte oder nachteilige Eigenschaften direkt schon am Embryo erkennen und am Ende womöglich dort korrigieren zu wollen.Schon vor wenigen Wochen war eine bis heute noch nicht wissenschaftlich begutachtete Experimentreihe von Dieter Egli und seinen Kollegen an der Columbia University in New York bekannt geworden. Sie hat gezeigt: Mit einer modifizierten Methode der CRISPR-Genschere, dem sogenannten Basen-Editing, lassen sich Gene im Embryo verändern, ohne dass das Erbgut leidet oder irreparable Chromosomenschäden entstehen. Die Zielrichtung war klar: Keimbahntherapien in der Petrischale – ein Verfahren, das allerdings in Deutschland und in vielen anderen Ländern bislang uneingeschränkt verboten ist.Genregulatoren für die GrundlagenforschungDie zweite Studie ist nun in „Nature“ erschienen. Bei diesem Experiment am Francis Crick Institute in London haben Kathy Niakan und ihr Team das Basen-Editieren an bis zu zwei Wochen alten Embryonen getestet, die als überzählige Embryonen von Kinderwunsch-Paaren nach der In-vitro-Fertilisationsbehandlung gespendet worden waren. Ihr Augenmerk lag auf der Embryonalentwicklung. Das Gen Nanog ist als entscheidender Genregulator für eine korrekte Entwicklung in den ersten Tagen des Embryos lange schon bekannt. Dieses Gen wurde nun mit Basen-Editierung ausgeschaltet – mit minimalen, aber entscheidenden Eingriffen, nämlich dem Austausch einzelner Basenpaare auf dem Träger des Erbguts, der DNA. Auch in diesem Fall wurden keine Brüche in der DNA erzeugt, und auch diesmal erwies sich das Basen-Editieren als die bisher schonendste, präziseste und womöglich auf lange Sicht sicherste Methode, um Embryonen zu manipulieren.Den Forschern selbst aber, so werden diese Experimente zur Embryonalentwicklung nun in der Wissenschaft interpretiert, ging es gar nicht um Sicherheit, Effizienz oder Manipulation. Tatsächlich wurden Unterschiede in der Funktion von Nanog bei Mäusen und Menschen entdeckt und beschrieben.Naturwissenschaftliche Experten, die sich mit der Studie für das Science Media Center befasst haben, halten die Arbeit jedenfalls für ein Musterbeispiel entwicklungsbiologischer Grundlagenforschung. Für Malte Spielmann vom Institut für Medizinische Genetik und Humangenetik an der Charité in Berlin handelt es sich „bei der vorliegenden Publikation um ein sehr gutes grundlagenwissenschaftliches Projekt, das sich mit Speziesunterschieden in der frühen Embryonalentwicklung von Mensch und Maus befasst, insbesondere anhand der Funktion des Transkriptionsfaktors Nanog. Darüber hinaus demonstriert die Arbeit die Anwendbarkeit und Etablierung von Basen-Editing-Technologien in frühen menschlichen Embryonen.“„Kein Signal für eine klinische Anwendung“Auch Molekularbiologe Jan Korbel vom Europäischen Molekularbiologischen Labor (EMBL) in Heidelberg betont die methodischen Fortschritte: „Diese Publikation ist kein Signal für eine bevorstehende klinische Anwendung, sondern stattdessen ein substanzieller Fortschritt für die Grundlagenforschung an der frühen menschlichen Entwicklung.“Tatsächlich allerdings lassen sich schon in der Arbeit der britischen Forscher deutliche Hinweise finden, dass es neben dem Wissenszuwachs sehr wohl auch um den zu antizipierenden, künftigen Anwendungsfall geht: „Die klinische Übersetzung des Genom-Editing sollte nicht fortgeführt werden, bis gesellschaftlich breit darüber diskutiert wurde und diese auch Unterstützung findet“, schreiben die Autoren in ihrer Veröffentlichung. Vorsicht sei nötig, ethische Reflexion und ein öffentlicher Diskurs. Spielmann dazu: „Ich begrüße die ausdrückliche Forderung nach einer breiten gesellschaftlichen Diskussion, bevor ein möglicher klinischer Einsatz von Basen-Editing in menschlichen Embryonen überhaupt in Betracht gezogen werden kann.“Das Signal ist deutlich: Die Zeit ist noch nicht reif für die Klinik, kein Aufweichen der geltenden restriktiven Regeln trotz der Fortschritte. Was auch EMBL-Forscher Korbel unterstreicht: „Ich betone, dass solche Experimente streng reguliert, transparent dokumentiert und mit umfassenden genomischen Kontrollen kombiniert werden müssen. Wenn dies der Fall ist, kann Basen-Editing in Zukunft weitere Fortschritte im Verständnis der menschlichen Entwicklungsbiologie ermöglichen, beispielsweise in der Forschung zu den Themen Unfruchtbarkeit oder zu frühen Fehlentwicklungen.“Gleichzeitig wird auch immer wieder, wie von Michele Boiani vom Münsteraner Max-Planck-Institut für Molekulare Biomedizin, betont, dass auch das Basen-Editieren noch lange nicht frei von Unsicherheiten ist: „Der Wunsch, einen genetischen Defekt im Embryo zu beheben, ist lobenswert. Doch muss der durch den genetischen Defekt verursachte Schaden deutlich schwerwiegender sein als das Risiko von Schäden, die durch Off-Target-Effekte durch das Basen-Editing verursacht werden können.“ Diese Sicherheit könnten erst weitere Experimente zeigen, worauf auch Nicolas Rivron vom österreichischen Institut für Molekulare Biotechnologie IMBA in Wien hinweist: Die „Nature“-Publikation verdeutliche, „dass es für das Verständnis des Menschen unerlässlich ist, menschliche Embryonen zu untersuchen, die von Paaren nach Abschluss ihrer Behandlung für eine künstliche Befruchtung großzügig gespendet wurden“.Vor allem geht es den mit der Forschung befassten Wissenschaftlern um eines: nicht aufhören, weiterforschen. Neue Möglichkeiten schaffen. Der Diskussionsbedarf konzentriert sich dabei wie so oft auf das Erreichte. Präventive Beschränkungen in der angewandten Embryonenforschung, wie sie etwa der Bonner Humangenetiker Markus Nöthen dann für nötig hält, wenn es um das „Optimieren von Menschen“ durch kommerzielle Firmen geht, liegen vielen Experten noch fern.