Alles nur ein Missverständnis? Können Experimente mit menschlichen Embryonen, deren Ziel darin besteht, mehrere Merkmale gleichzeitig und gezielt zu ändern, überhaupt anders verstanden werden als ein Versuch, jeglicher genetischer Optimierung den Weg zu ebnen? Oder ist das gar kein Embryo-Design, sondern einfach medizinischer Fortschritt? Diese längst diskutierten ethischen wie juristischen – und damit biopolitischen – Fragen sind plötzlich wieder akut geworden, nachdem der als äußerst seriös geltende Schweizer Stammzellexperte Dieter Egli mit einer Gruppe öffentlich und privat finanzierter Genforscher über einen ungewöhnlichen „Erfolg“ bei der Manipulation menschlicher Embryonen berichtet hatte.Grundlage seiner als Preprint erschienenen und damit noch nicht begutachteten Forschung sind Experimente an der Columbia-Universität in New York, an der Egli bereits seit einiger Zeit tätig ist. Ziel war es vordergründig, die Sicherheit des sogenannten Base-Editings in Embryonen zu testen. Dabei handelt es sich um eine besonders schonende Variante der Genscheren wie Crispr-Cas9. Mit solchen molekularen Werkzeugen, die seit einem Jahrzehnt die Biomedizin revolutionieren, lässt sich das Erbgut an gewünschten Stellen gezielt schneiden und ändern.Eine schonende Genschere mit hoher PräzisionIm Gegensatz zu den weithin bekannten – und ständig weiterentwickelten – Crispr-Cas-Genscheren (siehe unten stehenden Bericht) gibt es beim Base-Editing keinen kompletten Doppelstrangbruch der DNA. Vielmehr können einzelne Basen-Bausteine und damit quasi Buchstaben im Gentext ohne Bruch ausgetauscht werden. Egli hat nun offenbar gezeigt, dass damit tatsächlich weniger Fehler bei der Genkorrektur entstehen. Es kommt auch seltener zu DNA-Brüchen, die die Gefahr von Verlusten ganzer Chromosomen bergen. Für die Experimente wurden aus In-vitro-Fertilisationen stammende und gespendete Embryonen genutzt und an zwei Genorten verändert.Nachdem in der „New York Times“ wegen des sensationsheischenden – und später korrigierten – Titels („Erstmals Embryonen-Gene präzise verändert“) die Versuche in sozialen Medien diskutiert worden und anschließend auch die großen Wissenschaftsjournale in die Berichterstattung mit eingestiegen waren, beruhigte sich die Debatte bald wieder. In „Science“ konnten Egli und andere Experten deutlich machen, dass diese Art der Embryonen-Manipulation noch lange nicht reif für die Klinik sei. Mehr noch: Die Versuche werden inzwischen vorwiegend als wichtige, aber momentan unbedenkliche Zwischenschritte gewertet.Das sieht der Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Humangenetik, Markus Nöthen von der Uniklinik Bonn, zumindest mit Blick auf die Zielrichtung solcher Versuche anders. Zwar sagt auch er, die Experimente an den Menschenembryonen seien „lange noch nicht der entscheidende Schritt zum Embryo-Editing“ – und deshalb als methodisch angelegte Grundlagenforschung „an sich ethisch unproblematisch“. Tatsächlich ist die Forschung an Embryonen in den USA anders als in Deutschland in vielen Ländern nicht nur erlaubt, sie wird auch gefördert - heute vorweigend mit privaten Mitteln. In den USA sind es Firmen wie Genomic Prediction in New York, die Eglis Gensequenzierungen der Embryonen bisher übernommen hat. Auch Nucleus Genomics ist dabei, nach Informationen von „Science“ will diese Firma die nächsten Experimente an der Columbia-Universität finanziell vorantreiben.Das ist also ausgerechnet jene Biotech-Firma, in die der umstrittene deutschstämmige Milliardär Peter Thiel viele Millionen Dollar investiert und die dezidiert die Embryonenselektion vorantreibt und dabei das Optimieren von Merkmalen des Menschen anstrebt, die von vielen Genen beeinflusst werden. „Ich möchte betonen, dass ich Forschung, die auf die Veränderung von polygenen Merkmalen bei Embryonen abzielt, aus ethischen Gründen höchst problematisch finde“, sagt Nöthen. Auch die Selektion von Embryonen aufgrund von „Genscores“ im Reagenzglas halte er aus vielerlei Gründen für nicht vertretbar. Dass auch dies grundsätzlich möglich ist, hatte vor anderthalb Jahren der australische Molekularbiologe Peter Visscher zusammen mit zwei Ethikern in ‚„Nature“ ‘vorgerechnet. Gezieltes Embryonen-Editing und deren Selektion zur Verbesserung des Menschen geht für Nöthen „ganz klar in eine eugenische Richtung“, die man nicht unterstützen sollte. „Das ist Wahnsinn.“ Einen internationalen Konsens darüber gibt es in der Wissenschaft bisher nicht.
Deutscher Topgenetiker lehnt Design menschlicher Embryonen ab
Ein Schweizer Spitzenforscher manipuliert präzise menschliche Embryonen in einem US-Labor. Für viele ist es nur ein Test der verwendeten Technik, für den Bonner Genetiker Markus Nöthen Teil eines aufblühenden „Wahnsinns“.










