InterviewDesignerbabys rücken näher: Experimente eines Schweizer Forschers zeigen die Präzision einer neuen Technik. «Ob sie eingesetzt werden soll, müssen andere entscheiden», sagt erDem Zellbiologen Dieter Egli ist es gelungen, die Gene in Embryonen gezielt zu bearbeiten. Seine Studie könnte ein entscheidender Schritt auf dem Weg zu genveränderten Babys sein.03.07.2026, 05.30 Uhr7 LeseminutenDieter Egli und sein Team setzten das Verfahren in der frühesten embryonalen Entwicklung ein: im Einzellstadium.Piemags/ImagoDie Idee sorgt schon seit Jahren für Kontroversen: Menschliche Embryonen könnten in einem ganz frühen Stadium genetisch verändert werden. So wäre es möglich, schwere Erbkrankheiten auszumerzen oder – was Kritiker als Eugenik bezeichnen – ein Kind mit erwünschten Eigenschaften wie höherer Intelligenz zu versehen.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Das in der Pflanzen- und Tierzucht verbreitete Gen-Editierungs-Tool Crispr gilt als zu riskant für einen solchen Einsatz beim Menschen. Nun zeigen aber gleich zwei Studien, dass sich mit einem neueren Verfahren, dem Base-Editing, die Gene von Embryonen gezielt verändern lassen – und dies mit weitaus weniger unerwünschten Nebeneffekten im Erbgut. Eine der Arbeiten ist in «Nature» erschienen, die andere besteht als Vorabdruck und wird demnächst in einem Journal publiziert. Hinter Letzterer steht Dieter Egli von der Columbia University in New York. Er ist Zellbiologe und stammt aus der Schweiz.Herr Egli, welche Erkenntnisse liefert Ihre Studie für eine mögliche Zukunft mit geneditierten Babys?Dieter Egli von der Columbia University.PDWir konnten damit einen weiteren Schritt auf einem langen Weg machen. Das Ziel ist, dass wir einmal Mutationen, die Krankheiten verursachen, schon bei Embryonen korrigieren können. Noch sind wir weit davon entfernt. Aber ich glaube, wir werden an diesen Punkt gelangen.Sie haben bei Ihren Experimenten Base-Editing verwendet. Wie unterscheidet sich das Verfahren von Crispr?Der Unterschied ist gross. Crispr ist eigentlich ein bakterielles Immunsystem, das DNA durch einen Doppelstrangbruch zerstört. In menschlichen Zellen kann das gravierende Folgen haben. Ganze Chromosomen können verlorengehen. Das haben wir vor einigen Jahren belegt.Sie meinen Ihre Studie in der Zeitschrift «Cell» aus dem Jahr 2020. Darin zeigten Sie, dass der Einsatz von Crispr bei menschlichen Embryonen gefährlicher ist als angenommen.Genau. Danach sprach niemand mehr davon, Crispr bei Embryonen anzuwenden. Die Folgen sind zu unvorhersehbar. Base-Editing ist dagegen viel präziser. Im Idealfall verändert man damit nur ein einzelnes Basenpaar der DNA. Das ist spektakulär.Sie konnten die Methode nun bei Embryonen im Einzellstadium anwenden, die Eltern für wissenschaftliche Zwecke gespendet hatten. Was haben Sie herausgefunden?Schon früher testeten Forscher Base-Editing bei menschlichen Embryonen. Sie griffen aber in einem späteren Entwicklungsstadium ein. Dann entsteht fast zwangsläufig ein genetisches Mosaik mit unterschiedlich veränderten Zellen. Wir aber editierten unmittelbar nach der Befruchtung. Dadurch konnten alle Zellen dieselbe genetische Veränderung tragen. Uns ist es gelungen, einzelne Basen im gesamten Genom zu verändern, ohne dass die Embryonen ihre normale Entwicklung verlieren. Das war bisher nicht gezeigt worden.Sie haben sich auf zwei Gene konzentriert. Welche waren das?Einerseits haben wir das Gen PCSK9 so verändert, dass es das Risiko für Herzkrankheiten senken würde. Andererseits haben wir das Gen HBG editiert, das die Hämoglobinproduktion beeinflusst. Das könnte Vorteile für Menschen mit der Blutkrankheit Sichelzellanämie bringen. Allerdings gibt es schon Therapien gegen diese Krankheiten. Es ging vor allem darum, zu zeigen, dass die gewünschten Gen-Editierungen möglich sind.Bei manchen Embryonen konnten Sie beide Gene verändern. Wäre es möglich, noch mehr Gene gleichzeitig zu editieren?Ja, wahrscheinlich liegt die Grenze bei fünf bis zehn Genen. Langfristig könnte man theoretisch mehrere genetische Risikofaktoren gleichzeitig reduzieren, etwa für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes, Demenz oder Blindheit. Das wäre eine Art genetische Immunisierung gegen häufige Krankheiten.Sie haben mit Ihrer Studie gezeigt, dass Base-Editing sicherer ist als Crispr. Ist die Methode heute denn schon sicher genug, um aus editierten Embryonen Kinder entstehen zu lassen?Nein. Auch mit Base-Editing passieren manchmal noch DNA-Veränderungen an Stellen, an denen sie nicht beabsichtigt sind. Zwar gehören auch spontane Mutationen zur natürlichen Fortpflanzung. Wenn wir jedoch gezielt in das Genom eingreifen, haben wir die Verantwortung, nachzuweisen, dass wir keinen zusätzlichen Schaden verursachen. Solange wir das nicht sicher beurteilen können, ist ein klinischer Einsatz nicht vertretbar.Doch bereits 2018 kamen erstmals geneditierte Babys zur Welt. Der chinesische Forscher He Jiankui erschuf sie mit Crispr. Wie fahrlässig war sein Vorgehen?Das war völlig verantwortungslos. Er setzte die Technik ohne ausreichende Grundlagenforschung direkt bei Menschen ein und veröffentlichte seine Daten nicht einmal. Da fehlte offenbar die nötige Kontrolle.He Jiankui sass wegen «illegaler medizinischer Praktiken» eine dreijährige Gefängnisstrafe in China ab.Matthias Sander / NZZWie es den Kindern heute geht, ist nicht bekannt. Welche Folgen hatte der Fall für die Wissenschaft?Die Konsequenzen waren vor allem für China erheblich. Forschung zu vererbbaren Genveränderungen ist in diesem Land praktisch zum Erliegen gekommen. Ich war kürzlich in China. Dort besteht heute ein klarer Konsens, dass vererbbare Gen-Editierung derzeit keine gute Idee ist. Anders als viele im Westen vermuten, orientieren sich chinesische Wissenschafter stark an internationalen Standards.Glauben Sie, dass sich die Gen-Editierung so weit verbessern lässt, dass das Nutzen-Risiko-Verhältnis irgendwann stimmt und die Technik bei menschlichen Embryonen eingesetzt werden kann?Ja, auf jeden Fall. Am ehesten wird das bei Paaren der Fall sein, deren Embryonen alle dieselbe schwere Mutation tragen und bei denen die Embryoselektion nach einer Präimplantationsdiagnostik nicht hilft. Das kommt aber selten vor.Und welche Krankheiten wären die ersten Kandidaten dafür?Schwere Erbkrankheiten, die sich bereits im Kindesalter manifestieren, etwa zystische Fibrose, Muskeldystrophien oder bestimmte Stoffwechselerkrankungen. Dort wäre der potenzielle Nutzen am grössten und der Erfolg relativ früh überprüfbar. Erkrankungen, die erst im Alter auftreten, wären sicher nicht die ersten Anwendungsgebiete.Solche Krankheiten könnte man auch durch Gentherapien an bereits geborenen Menschen behandeln. Warum der frühe Eingriff im Embryonalstadium?Es ist biologisch viel einfacher und auch viel kostengünstiger, einen genetischen Fehler ganz am Anfang der Entwicklung zu korrigieren als später in Milliarden von Zellen. Das ist wie beim Korrekturlesen einer Zeitung: Man verbessert den Fehler vor dem Druck und verschickt nicht erst Millionen Exemplare, um danach ein Korrigendum zu veröffentlichen. Ein weiterer Vorteil wäre, dass eine Veränderung auch die Zellen betrifft, die später zu Eizellen und Spermien werden. Die Korrektur würde dann auch an die Nachkommen weitergegeben. Man müsste die Therapie nicht bei jeder Generation erneut durchführen.Aber ist es ethisch vertretbar, so nachhaltig ins Erbgut der Menschheit einzugreifen?Unsere Gene verändern sich durch natürliche Selektion sowieso ständig. Dabei leiden Menschen an Krankheiten oder sterben früh. Das ist kein besonders attraktiver Mechanismus. Wenn wir krankheitsverursachende Mutationen sicher korrigieren könnten, wäre das ebenfalls eine Form, den Genpool zu verändern. Gentherapien von Erwachsenen und Gen-Editierung bei Embryonen schliessen sich dabei nicht gegenseitig aus. Entscheidend ist wie bei jeder medizinischen Behandlung das Verhältnis von Nutzen und Risiko.Seit Sie die Universität Zürich nach Ihrem Doktorat verlassen haben, forschen Sie in den USA. Könnten Sie Ihre Forschung eigentlich auch in der Schweiz durchführen?Nein, in den meisten Ländern ist meine Forschung nicht erlaubt. Ich kann sie fast nur in den USA durchführen. In den vergangenen zwanzig Jahren konnte ich hier grundlegende Beiträge leisten: vom Klonen menschlicher Stammzellen bis zu Crispr und Base-Editing in der frühen Embryonalentwicklung. Diese Möglichkeiten hätte ich in der Schweiz nicht gehabt. Allerdings ist die Finanzierung meiner Embryonenforschung unsicher.Weil in den USA staatliche Gelder für Ihre Forschung nicht zulässig sind, lassen Sie sich unter anderem von Nucleus Genomics finanzieren. Die Firma bietet schon heute genetische Screenings von Embryonen an. Eltern können sich bei der künstlichen Befruchtung unter anderem für Kinder mit überdurchschnittlicher Intelligenz entscheiden. Ist es nicht heikel, mit einer Firma zusammenzuarbeiten, die mit eugenischen Gedanken spielt?Wir haben klar definiert, wofür die Finanzierung eingesetzt wird: zur Korrektur krankheitsverursachender Mutationen. Ich teile nicht alle Positionen der Firma und sehe einen grossen Unterschied zwischen Embryoselektion und Gen-Editierung. Es ist jedoch schwierig, für diese Forschung überhaupt Geld zu finden. Deshalb ist das für mich ein Kompromiss. Wichtig ist, dass ich wissenschaftlich unabhängig bleibe.Weshalb finanziert Nucleus Genomics Ihre Forschung überhaupt?Für die Firma bedeutet das Sichtbarkeit. Sie profitiert davon, wenn die «New York Times» oder das «Wall Street Journal» über unsere Forschung schreibt und der Firmenname in der Zeitung steht. Für sie ist das Werbung.Geht es auch darum, später Know-how für eigene Gen-Editierungen aufzubauen?Nein, das ist nicht die Idee. Sollte es uns eines Tages gelingen, Mutationen zuverlässig und sicher zu korrigieren, müsste man vielleicht darüber sprechen. Aber davon sind wir heute noch weit entfernt.Wo ziehen Sie denn die ethische Grenze? Kommt für Sie Gen-Editierung zur Optimierung infrage? Um Kinder intelligenter oder grösser zu machen?Für mich geht es ausschliesslich um die Verhinderung von Krankheiten. Gen-Editierung bringt Risiken mit sich und braucht deshalb eine sehr strenge Regulierung. Es darf nur eingesetzt werden, wenn der Embryo gesundheitlich davon profitiert. Geht es um Optimierung statt um Medizin, überschreitet man diese Grenze.In den USA ist es derzeit verboten, Schwangerschaften mit geneditierten Kindern in die Wege zu leiten. Trotzdem gibt es mehrere amerikanische Startups, die sich das zum Ziel gesetzt haben. Könnte eines davon in einem Land mit lockeren Regeln versuchen, ein geneditiertes Baby zu erschaffen?Das halte ich für wenig wahrscheinlich. Medizin funktioniert anders als die Tech-Branche. Menschenleben stehen auf dem Spiel. Natürlich provozieren manche Investoren bewusst Debatten. Das mobilisiert Geld und Aufmerksamkeit. Aber daraus folgt nicht automatisch, dass jemand morgen ein geneditiertes Baby erzeugt.Manche Kritiker Ihrer Arbeit befürchten jedoch, dass dies geschehen könnte. Sie werfen Ihnen vor, mit Ihren Publikationen eine Anleitung dafür zu liefern.Ich sehe das anders. Entscheidend ist, dass wir die Grenzen und Risiken offenlegen. Gerade diese Erkenntnisse ermöglichen Regulierung. Transparenz hilft mehr, als Informationen zurückzuhalten.Trotzdem könnte Ihre Studie andere dazu verleiten, die Technik vorschnell einzusetzen.Diese Gefahr besteht. Genau deshalb braucht es Regulierung. Unsere Studie liefert die wissenschaftliche Grundlage dafür, weshalb die Methode heute noch nicht eingesetzt werden sollte. Wenn man die Risiken kennt, lassen sich vernünftige Regeln formulieren. Ich sehe deshalb mehr Vorteile als Nachteile darin, die Daten öffentlich zu machen. Dieser Fortschritt wird ohnehin kommen. Die Gesellschaft hat jetzt Zeit, zu diskutieren, welche Anwendungen sie akzeptieren will und welche nicht.Welche Rolle sehen Sie für sich als Wissenschafter?Unsere Aufgabe ist es, die wissenschaftliche Grundlage bereitzustellen. Deshalb publizieren wir unsere Resultate und beteiligen uns an der öffentlichen Diskussion. Ob die Technik später eingesetzt werden soll, müssen aber andere entscheiden. Ich habe einen Interessenkonflikt: Natürlich wünsche ich mir, dass meine Forschung eines Tages nützlich wird.Wenn Sie eine Prognose machen müssten: In welchem Land wird das erste geneditierte Baby geboren?Wahrscheinlich in Grossbritannien. Das Land hat eine liberale Tradition und bereits bei der künstlichen Befruchtung und beim mitochondrialen Ersatzverfahren eine Pionierrolle gespielt.Und wann?In zehn bis fünfzehn Jahren. So viel Zeit an Forschung und Entwicklung braucht es schon noch.Passend zum Artikel