Deutschland debattiert über die Organspende. Es geht um Leben, Tod und die Frage, wo die Grenze verläuft. Zwei Betroffene berichtenEin Thema, zwei Perspektiven: Sabine Schmieder bekam eine Lunge gespendet – und ein neues Leben. Renate Greinert machte ihren verstorbenen Sohn zum Organspender – und wird es für immer bereuen.Eric Matt, Hannover und Steinach (Baden)25.06.2026, 16.58 Uhr8 LeseminutenWann ist ein Mensch tot? Diese Frage geht über die reine Medizin hinaus.An diesem Donnerstag haben die Abgeordneten des Deutschen Bundestags über die Organspende debattiert. Die meisten Parlamentarier waren sich dabei einig, dass man die Spenderzahl erhöhen müsse. Die Meinungen gingen jedoch darüber auseinander, wie die Spenderzahl erhöht werden kann.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Denn viele Menschen in Deutschland warten lange – manche gar vergeblich – auf ein Spenderorgan. Den 8575 Menschen, die Ende 2024 eine Transplantation benötigten, standen 953 Spender gegenüber.Bundestag debattiert über drei LösungenIn Deutschland gilt bis jetzt die erweiterte Zustimmungslösung. Das bedeutet, dass ein Spender einer Organtransplantation ausdrücklich zugestimmt haben muss. Ist dem nicht der Fall, «müssen die Angehörigen nach dem mutmasslichen Willen der verstorbenen Person entscheiden». Für diese Lösung stimmte Deutschlands Parlament 2020 nach einer emotionalen Debatte.Die Spendebereitschaft aber hat sich seitdem kaum verändert. Daher fordern einige Abgeordnete erneut die sogenannte Widerspruchslösung. Diese würde das Prinzip der Zustimmung umkehren: Jede Person ab dem 18. Lebensjahr würde automatisch als Organspender registriert. Wer dies nicht will, muss aktiv widersprechen. In den meisten Ländern Europas gilt die Widerspruchslösung, die Schweiz wird sie wohl 2027 einführen. Als eine Art Kompromiss gäbe es noch die verbindliche Entscheidungslösung. Dabei wäre jeder verpflichtet, eine Entscheidung zu treffen und der Organspende entweder zuzustimmen oder diese abzulehnen.Die Debatte im Bundestag diente lediglich dem Meinungsaustausch, es wurde vorerst kein Gesetz verabschiedet. Denn die Vorstellungen sind unterschiedlich: Manche Menschen wünschen sich nichts mehr, als die Organspende zu erleichtern. Andere haben Bedenken. Denn immer geht es auch um ethische Fragen und tiefe Überzeugungen.Renate Greinert und Sabine Schmieder waren beide von einer Organspende betroffen – kommen jedoch zu völlig verschiedenen Schlüssen. Nachfolgend werden ihre persönlichen Geschichten erzählt.Renate Greinert, 83 Jahre alt, Mutter eines OrganspendersRenate Greinert und ihr Lebensgefährte Gebhard Focke.Quelle: PDEs ist das Jahr 1985, ein Tag unter der Woche, gegen 13 Uhr. Renate Greinert hat soeben Mittagessen gekocht und wartet darauf, dass ihr 15 Jahre alter Sohn Christian von der Schule nach Hause kommt. Greinert wartet. Und wartet. Christian aber kommt nicht. Nie wieder. Als das Essen langsam kalt wird, steht ein Polizist vor der Haustür. Christian habe auf dem Weg nach Hause einen Verkehrsunfall gehabt und habe ein schweres Schädel-Hirn-Trauma erlitten. Greinert solle so schnell wie möglich zu ihm fahren.Wenig später, gegen 14 Uhr 30, sieht Greinert ihren Sohn auf dem Krankenbett. Zu diesem Zeitpunkt hat sie noch Hoffnung. Wenige Stunden später aber, gegen 17 Uhr, kommt einer der Ärzte zu ihr und sagt, Christian sei «tot». Das Wort «hirntot» sei aber nie gefallen. Zudem habe der Arzt gesagt, Greinert und ihre Familie sollten sich möglichst schnell entscheiden, ob sie die Organe spenden wollten. Der Arzt habe, erzählt Greinert, Druck ausgeübt und gesagt, Christian sei doch ein sozialer Mensch gewesen und hätte anderen helfen wollen.Greinert versteht zu dem Zeitpunkt nicht, was hirntot konkret bedeutet, ist überfordert, in Schockstarre. Gerade noch wartete sie auf ihren Sohn, jetzt ist er hirntot, jetzt soll sie seine Organe spenden, wenige Stunden später. Sie willigt in die Organspende ein, möchte «das Richtige» tun.Heute aber sagt Greinert: «Ich habe meinen eigenen Sohn in seiner allerletzten Stunde alleingelassen und verraten. Diese Schuld wird mich für immer begleiten.» Als sie ihren Sohn nach der Organentnahme im Sarg gesehen habe, habe dieser wie eine «ausgenommene Gans» ausgesehen. Ihm hätten die Augen gefehlt, und er habe einen Schnitt gehabt vom Kinn bis tief in den Ausschnitt seines Hemdes.Greinert, mittlerweile 83 Jahre alt, sitzt auf einem schwarzen Ledersessel in ihrer abgedunkelten Wohnung in Hannover. Sie spricht langsam, bricht Sätze ab, beginnt von neuem, denkt nach. Während sie die Geschichte erzählt, meidet sie jeglichen Augenkontakt, räuspert sich. Es wirkt, als hätte sie die Situation, die nunmehr 41 Jahre zurückliegt, genau vor Augen. Auf dem Sofa nebenan sitzt ihr Lebensgefährte Gebhard Focke. Auch er hat 1997 die Organe seines damals 29 Jahre alten Sohnes gespendet. Auch er hielt es für richtig. Auch er bereut es.Die beiden haben sich bei ihrem Engagement für den Verein Kritische Aufklärung über Organtransplantation kennengelernt, den Greinert 2003 gründete. Nach eigenen Angaben zählt der Verein rund siebzig Mitglieder und besteht aus Angehörigen von Organspendern sowie Ärztinnen und Juristen. Wie der Name vermuten lässt, geht es dem Verein insbesondere um die Aufklärung über die negativen Folgen von Organspenden. Denn Greinert ist überzeugt, dass viele Menschen gar nicht wirklich wüssten, was eine Organspende mit sich bringe. Oder wie sie es selbst drastisch ausdrückt: «Ein Arzt sagte mir einmal: ‹Wenn wir die Gesellschaft aufklären, bekommen wir keine Organe mehr.›»Ein derartiges Kalkül seitens der Ärzteschaft ist unwahrscheinlich. Doch tatsächlich wissen grosse Teile der Bevölkerung nicht genau, was eine Organspende konkret bedeutet. Dies zeigt ein Forschungsbericht des deutschen Bundesinstituts für Öffentliche Gesundheit von Ende 2025. So sind lediglich 39 Prozent der Befragten gut informiert, während 57 Prozent mässig und 4 Prozent schlecht über das Thema der Organ- und Gewebespende informiert sind. Die Befragten mussten Fragen beantworten, es handelt sich also um objektive Kriterien und nicht um eine subjektive Einschätzung.Einer der Punkte, die manchen Menschen unklar sein dürften, ist der Unterschied zwischen dem Hirntod und dem klassischen Herztod. So ging es auch Renate Greinert. Als tot galt eine Person für lange Zeit nur dann, wenn das Herz nicht mehr schlug und das Herz-Kreislauf-System zum Erliegen kam. Doch im Jahr 1968 sollte sich das ändern, als die Harvard Medical School eine neue Definition beschloss, so dass nun auch ein Hirntod als Tod galt. Eine Person, die hirntot ist, hat jedoch weiterhin etwa eine normale Körperwärme oder einen Herzschlag. Ein Hirntoter wirkt daher auf viele nicht wie eine Leiche, sondern wie ein schwerkranker, aber lebender Mensch.Greinert spricht deshalb bei potenziellen Organspendern durchweg von «Sterbenden», nie von «Gestorbenen». Nach ihrer Auffassung tritt der Tod erst durch die Organspende ein, diese sei also «Totschlag». Sie sagt, bei einer Organspende sei immer ein «schlagendes Herz eines lebendigen Menschen» notwendig. «Es braucht für das Leben des einen den Tod des anderen.»Wie komplex die Frage des Hirntods ist und dass es dabei keine eindeutigen Antworten gibt, zeigt etwa auch der Fall von Jahi McMath aus dem Jahr 2013, über den das amerikanische Magazin «The New Yorker» berichtete. McMath, 13 Jahre alt, wurde für hirntot erklärt. Ihre Familie jedoch lehnte eine Organspende ab, denn das Herz schlug weiter. Mediziner sagten, das Mädchen würde in jedem Falle bald auch einen Herztod erleiden, immerhin könne man keine Leiche füttern.McMath aber lebte wider Erwarten nach dem attestierten Hirntod noch mehr als vier Jahre. Zwar war dies nur durch eine künstliche Beatmung möglich, sie konnte nicht sprechen und lag durchweg im Koma. In dieser Zeit aber wuchs McMath, kam in die Pubertät und bekam ihre Menstruation, was darauf hindeutete, dass nicht alle neurologischen Funktionen zum Erliegen gekommen waren. Selbst einfachste Kommunikation war wohl möglich. So sollen mehr als hundert Videos zeigen, dass ihre Mutter sie etwa aufforderte, die Finger zu bewegen, und McMath dem wenige Sekunden später nachkam. Ein Neurologe hat sie als «extrem behindertes, aber sehr lebendiges Mädchen im Teenageralter» bezeichnet.Zwar hörte nach vier Jahren ihr Herz auf zu schlagen. Wann aber ist McMath gestorben – bereits 2013 oder erst 2018?Für Greinert dürfte die Antwort klar sein. Sie nutzt für ihre Anliegen auch teilweise drastische Worte. «Mein Sohn wurde zum Recycling-Objekt», sagt sie. Sie vergleicht Organspende mit «modernstem Kannibalismus», allerdings sei der Unterschied, dass die «Kannibalen ihre Opfer geehrt haben, die Transplantationsmediziner entehren die Opfer».Greinert sagt daher, man müsse den Menschen genau erklären, was bei der Organspende passiere. Und nur, wer sich aktiv und eigenständig dafür entscheide, sollte Organe spenden. Für sich lehnt sie die Organspende ab, da diese die «Grenzen des Menschlichen» verschiebe. Selbst wenn eine Spende irgendwann ihr eigenes Leben retten könnte.Sie ziehe auch nicht die Schuhe einer anderen Person an, sagt sie. Gleich sei es bei Organen.Sabine Schmieder, 47 Jahre alt, OrganempfängerinSabine Schmieder lebt seit 2017 mit einer Spenderlunge.Quelle: PDDer Geburtstag von Sabine Schmieder ist am 23. August 1979. Schmieder feiert aber auch einen zweiten Geburtstag, den 22. Oktober 2017. An diesem Tag nämlich bekam Schmieder ihre Spenderlunge. Als sie an einem frühen Sonntagmorgen aus dem Bett geklingelt wurde, fragte sie sich: «Welches Arschloch ruft jetzt an?» Doch es war das Transplantationszentrum. Denn Schmieder leidet an Mukoviszidose und wartete dreieinhalb Jahre auf eine neue Lunge.Schmieder, geboren im Schwarzwald, trägt ein rotes Sommerkleid und zwei Kreuzketten, eine aus Silber, eine aus Stein. Am rechten Arm ist ein Glukosesensor zu sehen. Durch die Mukoviszidose erkrankte sie an Diabetes und ist zudem Epileptikerin. Sie wuchs mit der angeborenen, nicht heilbaren Stoffwechselerkrankung auf, die vor allem zu Atemproblemen, chronischen Infektionen oder Verdauungsstörungen führen kann. Seit sie sich erinnern kann, musste sie ständig husten.Schmieder ging dennoch ihren Weg, beendete die Schule, absolvierte eine Ausbildung zur Verkäuferin, arbeitete Vollzeit. Ihre Lungenprobleme aber wurden schlimmer. Als sie Mitte 20 war, musste sie ihren Beruf verlassen und in Frührente gehen. Aber sie lebte ihr Leben weiter, tanzte Salsa, zog der Liebe wegen auf die Nordseeinsel Borkum, engagierte sich in Sozialprojekten und schaute Fussball oder Eishockey. Schmieder wusste aber immer, dass Mukoviszidose eine fortschreitende Erkrankung ist und die Symptome schlimmer werden können.So kam es dann auch. Als sie Mitte 30 war, benötigte sie eine Sauerstoffflasche, ohne diese konnte sie kaum mehr atmen. Ihr Leben war nun fremdbestimmt. Ständig schaute sie nach, ob genug Sauerstoff in der Flasche war. Es war ein beschwerliches Leben. Ein Jahr später entschied sie, sich auf die Transplantationsliste setzen zu lassen. Dann ging das Warten los.Anfangs zuckte sie noch bei jedem Anruf, in der Hoffnung, es könnte der für sie erlösende sein. Als dieser Anruf dann am 22. Oktober 2017 tatsächlich kam, musste alles schnell gehen. Sie packte ihre Sachen, ein Rettungswagen brachte sie in eine Klinik in München. Auf dem Weg dorthin überwog die Anspannung. «Ich hatte mich noch nicht getraut, mich zu freuen», sagt Schmieder.Zudem sei ihr bewusst gewesen, dass ihre Rettung zeitgleich Tod und Trauer für andere Menschen bedeutete. Die Frau, deren Lunge Schmieder bekam, war blind, stürzte deshalb und wurde für hirntot erklärt. Sie liess zwei Töchter und einen Sohn zurück. Schmieder pflegt mit ihnen eine anonyme Brieffreundschaft. Gerne wüsste sie mehr über die Familie, der sie ihr Leben zu verdanken hat. Doch dies ist in Deutschland in der Regel nicht erlaubt. Ein Grund dafür ist die Sorge vor Organhandel. Schmieder ist der unbekannten Spenderin dennoch «für immer dankbar. Es ist das grösste Geschenk meines Lebens.» Seit sie eine neue Lunge habe, könne sie ein besseres Leben führen. Es seien die kleinen Dinge, an denen sie sich tagtäglich erfreue: «Es ist schön, herzhaft zu lachen, ohne einen Hustenanfall zu bekommen.»Schmieder bezeichnet Organspender als «Helden» und ist im Bundesverband der Organtransplantierten aktiv, veranstaltet Informationsstände, spricht in Schulen. Sie befürwortet die Widerspruchslösung, in der Hoffnung, dass die Spenderzahl so zunehme. Es sei jedoch am wichtigsten, dass sich Menschen überhaupt mit dem Thema beschäftigen, sich entscheiden, selbst wenn sie widersprechen. «Wenn man aber die Verantwortung auf die Angehörigen abschiebt, die dann am Sterbebett entscheiden müssen, ist das einfach scheisse», sagt Schmieder.Sie weiss, dass auch ihr Körper die Spenderlunge noch abstossen könnte. «Nach zehn Jahren aber ist die Gefahr laut meinem Arzt kaum mehr gegeben.» Darauf wartet sie. Seit neun Jahren. Am 22. Oktober 2027 ist es so weit. Es wird der zehnte Tag ihrer Transplantation sein.Und der zehnte Todestag der Spenderin.Passend zum Artikel