Als am 5. Juni Muskelfasern in Lennart Karls linkem Oberschenkel rissen und sein Traum von der ersten Teilnahme an einer Fußball-Weltmeisterschaft platzte, änderte sich in der deutschen Nationalelf auf dem Papier nur wenig im rechten offensiven Mittelfeld: Leroy statt Lenny. Phonetisch hatten die zwei anderen Buchstaben jedoch einen ganz anderen Klang – keinen besseren für so manche außerhalb des Kosmos Nationalmannschaft.Lennart, genannt Lenny, Karl, 18 Jahre alter Emporkömmling, begeistert mit seiner reizvollen Art, Fußball zu spielen, nicht nur die Anhänger des FC Bayern, sondern Fans in Deutschland und darüber hinaus. Ein kleiner Spieler, der große Phantasien weckt und nach seiner unbeschwerten Vorstellung im Test gegen Finnland plötzlich gute Aussichten auf einen WM-Stammplatz hatte.Und Leroy Sané, 30 Jahre alter On-off-Nationalspieler, der mit seiner Art, Fußball zu spielen, auch reizt, aber nicht unbedingt im Sinne von reizvoll, eher von aufreizend. Liebling Lenny? Ja, darauf können sich viele in Fußball-Deutschland einigen. Liebling Leroy? Darauf eher nicht.Vom Stammspieler zum Herausforderer und wieder zurückZwei Wochen vor dem ersten WM-Spiel war Sané von der Rolle als Stammspieler, in die er erst durch Serge Gnabrys Ausfall gerückt war, in die des Herausforderers gerutscht. Eine Woche vor dem WM-Start folgte durch Karls Verletzung dann die Rolle rückwärts. Danach traf Sané zum Sieg über die USA und bekam lobende Worte: „Er hat das Tor gemacht“, sagte Julian Nagelsmann. „Das Wichtigste, was ein Offensivspieler machen kann auf dem Feld.“Es war Sanés 17. Tor für die Nationalmannschaft, nur Kai Havertz hat unter den Spielern im WM-Kader mehr, 24. Doch die Wahrnehmung in Sachen Sané ist oft eine andere. Kein WM-Tor. Kein EM-Tor. Keine große Leistung in großen Spielen. Keine gute Körpersprache. Keine Defensivhilfe. Dabei gab es auch Zeiten, in denen Leroy die Rolle des Lenny spielte. Als Talent, das mit Haken die Gegner versetzte, ihnen wegrannte, die Phantasien der Fans beflügelte.Auch der damalige Bundestrainer war hin und weg, als er Sané bei Schalke 04 wirbeln sah. Joachim Löw charakterisierte ihn als „schnell, technisch stark, unbeschwert“. Sein erstes Länderspiel machte Sané, der durch seinen Vater Souleymane, einst in der Bundesliga aktiv, auch die französische Staatsbürgerschaft besitzt, in der Terrornacht von Paris 2015.Früher wurde er bei Schalke 04 bejubeltNicht nur beim Bundestrainer, auch „auf“ Schalke war Sané sehr beliebt, trotz seines Wechsels zu Manchester City. Der brachte dem Klub mehr als 50 Millionen Euro ein – bis heute verkaufte Schalke keinen Spieler für mehr Geld.Noch besser: Er war einer von ihnen, ein Junge aus dem Ruhrgebiet, geboren in Essen. Einer, den sie in der „Knappenschmiede“ geformt hatten, wie Manuel Neuer, wie Mesut Özil, wie Benedikt Höwedes, die Weltmeister. Als Sané mit Manchester City nach Schalke zurückkehrte, wurde er bejubelt, bekam „Gänsehaut“. Liebling Leroy? Damals war das durchaus so. Noch.Umso größer war der Aufschrei vor der WM 2018. Als Löw den Kader benannte, fehlte Sané – „eine sehr knappe Entscheidung zwischen ihm und Julian Brandt“, so Löw. „Leroy hat ein riesiges Talent.“ War die Streichung dann nicht eine riesige Vergeudung von Talent? Das WM-Aus in der Vorrunde war im damals großen „Team Sané“ eine Bestätigung. Wie konnte Löw nur? Sané war ja eben erst zum besten Nachwuchsspieler der Premier League gewählt worden.Doch wie andere Spieler des Jahrgangs 1996 konnte Sané das Versprechen – durch verwirrende Haken, rasante Dribblings und spielerische Unbeschwertheit ausgelöst – nicht einlösen. Er wurde keine Königslösung auf Jahre, weder für Königsblau noch für die Nationalmannschaft, auch weil ihn gesundheitliche Probleme immer wieder bremsten.Nagelsmann und die öffentlich offenen WorteDen Confederations-Cup-Sieg verpasste er durch eine Nasenoperation, zur WM 2022 schmerzte das Knie, vor der Heim-EM 2024 plagte ihn eine Schambeinentzündung. Im Viertelfinale gegen Spanien setzte Nagelsmann auf Sané in der Startelf, ersetzte ihn aber zur Halbzeit. Da war er wieder, der On-off-Nationalspieler Leroy Sané: mal gefragt, mal nicht, aber nicht mehr der, der offensiv begeisterte wie in jungen Jahren.Einer, den er nach wie vor begeistern kann, ist offenbar der Bundestrainer. Nagelsmann pflegt seit seiner Zeit beim FC Bayern ein enges Verhältnis zu Sané. Öffentlich offene Worte zu finden, ist eine seiner Strategien, um Sané anzutreiben. Im August 2025 sagte Nagelsmann zu dessen Wechsel zu Galatasaray Istanbul: „Er spielt in einer Liga, die schlechter ist als europäische Topligen. Er muss mehr auffallen und braucht eine gewisse Quote.“Drei Tore, eine Vorlage – das war eigentlich zu wenig. Dennoch wurde Sané im November eingeladen. Und von Nagelsmann schon wieder gekitzelt. „Er hat nicht mehr unzählig viele Chancen, sich hier zu beweisen“, sagte der Bundestrainer. Die Folge: zwei starke Spiele mit zwei Toren und zwei Vorlagen – und die WM-Qualifikation. Trotzdem pfiffen Fans beim nächsten Heimspiel im März in Stuttgart bei seiner Einwechslung. Die Folge: eine Mustervorlage zum Siegtor von Deniz Undav.Es war ein Musterbeispiel dafür, wie innere und äußere Wahrnehmung Sanés mittlerweile divergieren. Nagelsmann weiß das. „Er ist ein Spieler, bei dem man immer mehr sieht, was er nicht bringt, weil er manchmal leider eine gewisse Ausstrahlung hat.“„Nach der WM mehr positive Stimmen als negative“Der Bundestrainer wechselte schnell in seine Innensicht, um zu erklären, warum er Sané für die WM nominierte: Eine extrem hohe Anerkennung im Team und „etwas ganz Besonderes im engen Raum“ sind dabei zwei Punkte. „Der dritte Punkt ist, dass ich mir zutraue, den Spieler so zu kitzeln, dass am Ende der WM deutlich mehr positive Stimmen auf ihn entfallen als negative.“Um Nagelsmanns Wunsch zu erfüllen, braucht es mehr, als in den bisherigen WM-Spielen zu sehen war. Gegen Curaçao spielte Sané durch, vergab zwei Chancen, gegen die Elfenbeinküste kam Jamie Leweling für ihn, danach kippte das Spiel. Die Spieldaten zeigen, dass Sané viel und schnell lief, in beiden Partien war nur ein deutscher Spieler flinker unterwegs. Aber reicht das bei einer WM, etwa in einem K.-o.-Spiel gegen Frankreich?Nagelsmann möchte sich nicht treiben lassen „von irgendwelchen Meinungen von außen“. Zumal es für Außenstehende „nicht immer ganz leicht nachvollziehbar“ sei, wer welche Aufgaben habe. „Wichtig ist, dass er die Dinge, die ihm manchmal abgesprochen wurden, bringt. Er hat Josh gut unterstützt.“ Das empfand der angesprochene Joshua Kimmich, mit dem Sané auf rechts ein Doppel bildete, genauso. „Leroy war da“, sagte er über Sanés Defensiveinsatz – trotz der Vorbereitung des Gegentors über die Seite der beiden.So könnte Sané auch gegen Ecuador an diesem Donnerstag (22.00 Uhr MESZ im F.A.Z.-Liveticker zur Fußball-WM, in der ARD und bei MagentaTV) in New York wieder in der Startelf stehen. Die erste, weil positionsgetreue, Alternative ist Leweling. Der hielt am Dienstag in der Pressekonferenz nach einer F.A.Z.-Frage zu Sané ein Plädoyer aus der Innenperspektive.„Die Medien oder Deutschland sollten nicht immer auf einen oder zwei Spieler gehen und versuchen, die schlechtzumachen. Sondern sie sollten froh sein, dass er für uns spielt, dass er Leistung bringt.“ Vor vier Jahren habe Leweling zu Sané aufgeschaut, auch jetzt schaue er sich „einige Sachen ab. Wir sind ein Team, deswegen wird über keinen schlecht geredet. Und das sollten wir auch als Deutschland nicht machen.“Und was sagt Leroy Sané? Öffentlich spricht er selten, nach Spielen huscht er – oft äußerlich gut gelaunt, aber still – zum Bus. Wenn er doch kurz spricht, klingt das ganz gelassen. „Ich mache mir keinen Stress. Wenn es passt, passt es“, sagte er nach dem WM-Start gegen Curaçao. Und ging lächelnd weiter.
Fußball-WM 2026: Wie sich Leroy Sanés Rolle im DFB-Team verändert hat
Leroy Sané konnte das Versprechen, das er einst als begeisternder Offensivspieler gab, nicht einlösen – so sehen das viele. Bundestrainer Julian Nagelsmann setzt dennoch auf ihn.










