Leroy Sané macht es seinen Kritikern leicht. Einer ist ihm treu ergeben: Julian Nagelsmann. Zu Recht?Der deutsche Nationalspieler hat seine Aufgaben an der WM passabel erledigt. Aber von einem Spieler seines Formats erwartet man mehr.Stefan Osterhaus, Boston25.06.2026, 05.30 Uhr4 LeseminutenGegen den ersten WM-Gegner Curaçao hatte Leroy Sané einen schweren Stand: Er steuerte kein einziges Tor zum 7:1 bei.Manche Begriffe kursieren, und sie werden mitunter etwas gedankenlos verwendet. Dazu zählt derjenige der Nibelungentreue, der dem berühmten Epos entlehnt ist, und er bedeutet im Grunde: Nach einem Mord am Helden sinnt dessen Ehefrau auf Rache. Ihre Brüder, die Könige von Burgund, halten am Mörder fest und ziehen mit ihm in den Untergang. Und ignorieren alle Signale der drohenden Katastrophe.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Insofern sollte der Begriff vorsichtig verwendet werden, denn er setzt die Katastrophe voraus. Daher ist es nicht ganz zutreffend, zu behaupten, dass der deutsche Nationaltrainer Julian Nagelsmann nibelungentreu zum Aussenstürmer Leroy Sané stehe.Sanés Leistungen mögen zwar so kontrovers diskutiert werden wie die von wenigen anderen im deutschen Kader. Aber Nagelsmann hat mit dem Einzug in den Sechzehntelfinal das Schlimmste bereits verhindert.Nagelsmann beklagt SchubladendenkenBemerkenswert ist allerdings tatsächlich, wie sehr Nagelsmann an dem Stürmer hängt. Das Verhältnis der beiden scheint symbiotisch. Zwar gibt es Sané in seinem Klub Galatasaray Istanbul ohne den Trainer Nagelsmann. Im Nationalteam aber ist eine Startformation ohne Sané nicht vorstellbar. Nagelsmann ist ein entschiedener Befürworter des Aussenstürmers.Newsletter «Sport – WM-Spezial»Das Wichtigste von der Fussball-WM auf einen Blick: Unser Spezial-Newsletter liefert Ihnen Eindrücke aus Nordamerika sowie Einordnungen und Hintergründe zu den entscheidenden Entwicklungen.Jetzt kostenlos abonnierenUnd man kann sich durchaus fragen, ob Nagelsmanns Bewertung tatsächlich gedeckt ist von den Leistungen, die Sané im Nationalteam erbringt. Der Coach jedenfalls kritisiert den öffentlichen Umgang mit Leroy Sané: «Es gibt ein psychologisches Problem, dass wir Menschen in Schubladen stecken und dann alles, was ansatzweise in diese Richtung geht, um ein Vielfaches schlimmer bewertet wird. In diesem Zustand sind wir gerade.»Nagelsmann hat damit nicht unrecht. Tatsächlich ist Sané der Spieler, der die Kritik förmlich auf sich zieht. Wirklich schlecht hat er bei diesem Turnier nicht gespielt – seine Aufgaben hat er recht passabel erledigt.Nur wird von einem Spieler, der über herausragende Fähigkeiten verfügt und der in der Lage ist, seine Geschwindigkeit auszuspielen, ein wenig mehr erwartet als nur das Pflichtprogramm. Der grosse Moment – Assist oder Tor –, der die Mannschaft buchstäblich weiterbringt, könnte tatsächlich eher dazu beitragen, die Wahrnehmung der eigenen Leistung zu korrigieren.Dem Prinzip der bedingungslosen Rückendeckung folgt der Nationaltrainer nicht ohne Grund. Wann immer Fragen nach Sané aufkommen, weiss der Trainer diese robust zu parieren. Und er kann erste Erfolge verzeichnen. Der «Kicker» merkte etwa an, dass die Kritik gegenüber Sané ins Masslose abgleite: «Der Furor, der sich gegen Sané richtet, ist mit seiner Leistung nicht zu begründen.»«Angemessen ist der Umgang mit ihm schon lange nicht mehr», heisst es weiter. Bloss ist die Frage, was angemessen ist, eine Frage der Perspektive.Sané ist kein EinzelfallEs muss einen Grund geben, warum der FC Bayern an einem Stürmer festhält, obwohl seine Erfolge ausbleiben – zumindest bis die Gehaltsvorstellungen auseinandergehen.Im Mai 2025 wechselte Sané während laufender Verhandlungen den Berater, was bei den Bayern nicht gut ankam, die keine Lust verspürten, das ohnehin schon üppige Salär noch zu erhöhen und dazu noch ein Handgeld bei einer Vertragsunterschrift zu zahlen.Allerdings war Sané ihnen immer noch rund 15 Millionen Euro Jahresgehalt wert – eine Summe, die man niemandem zugesteht, den man für einen Minderleister hält. Und auch Vincent Kompany, ein Trainer mit hohen Ansprüchen, hatte nichts dagegen, Sané weiter zu beschäftigen. Zumal er ihn noch aus gemeinsamer Zeit bei Manchester City als Spieler kennt.Ein symbiotisches Duo: Leroy Sané und Julian Nagelsmann. Der Coach sagt über die Kritik an seinem Schützling: «Es gibt ein psychologisches Problem, dass wir Menschen in Schubladen stecken.»Das legt nahe, dass Sanés Qualitäten über diejenigen eines Vorreiters und Vollstreckers hinausgehen. Aber ist es unangemessen, zu kritisieren, dass Sané ganz offenkundig seinen Möglichkeiten hinterherrennt? Wohl kaum. Zumal sich ältere Fussballfreunde noch daran erinnern werden, wie die Kritik sich gegenüber Lothar Matthäus, Karl-Heinz Rummenigge oder insbesondere Rudi Völler und Jürgen Klinsmann verhielt.Viel Freude hatten sie nicht, wenn sie in einem Tief steckten. Der Status, den sie sich über viele Jahre erspielt hatten, half ihnen dabei nicht. Dabei gehörten sie alle zur Weltklasse. Sie hatten bewiesen, zu welchen fabelhaften Leistungen sie bei grossen Turnieren fähig waren. Vor allem gegenüber Klinsmann war die Kritik keineswegs zurückhaltend. Weil der Ball ihm gelegentlich versprang, wurde er «Flipper» genannt – wegen vermutlich limitierter technischer Fähigkeiten. Doch auch für Klinsmann gilt im Rückblick: Er war ein Spitzenspieler, der über Jahre voll und ganz zu Recht zum Inventar des deutschen Nationalteams gehörte.Wenn es um die Wahrnehmung von Sané geht, dann lässt sich eben schwer begründen, warum die Kritik ihm gegenüber angeblich Mass und Mitte verliert. Zumal sich auch in jüngerer Vergangenheit Nationalspieler weit Schlimmeres anhören mussten. Bei Mesut Özil, dessen bisweilen immenser Einfluss auf das Spiel nicht immer sofort zu sehen war, schwang häufig ein Ressentiment mit.Ein anderer ist Mario Gomez, einst Stürmer beim VfB Stuttgart und beim FC Bayern. Obschon Gomez bei der Europameisterschaft 2012 recht passabel spielte, musste er sich vom damaligen ARD-Experten Mehmet Scholl anhören: «Ich hatte schon Angst, dass er sich wund liegt und gewendet werden muss.» Gemessen an solchen Ausfällen ist die Kritik an Sané geradezu sachlich.Passend zum Artikel