PfadnavigationHomeSportFußballWMNationalmannschaftLeroy Sané wird es allen zeigenStand: 08:22 UhrLesedauer: 7 MinutenVor dem deutschen WM-Auftaktspiel gegen Curaçao witzelt Ex-Trainer Jürgen Klopp in Richtung Trainer Nagelsmann und heizt damit die Gerüchteküche mächtig an. „Es ist erst Juni, du bist schon im September“, sagt Ex-Nationalspieler Thomas Müller.Vor dem Auftaktspiel der Nationalmannschaft bei der WM wagt WELT sechs Thesen. Warum die Entscheidung für Torhüter Manuel Neuer richtig ist, welchen Anspruch das Team haben muss – und wieso es für Publikumsliebling Undav schwer wird.Am Sonntag (19 Uhr, ARD, Magenta TV und im WELT-Liveticker) startet die deutsche Nationalmannschaft in die bislang größte Weltmeisterschaft der Fußballgeschichte. In Houston trifft das Team von Bundestrainer Julian Nagelsmann auf die Auswahl Curaçaos. WELT wagt vor Turnierbeginn sechs Thesen.Manuel Neuer wird der ErfolgsfaktorJulian Nagelsmann hat eine goldrichtige Entscheidung getroffen. Auf Manuel Neuer als Nummer eins im deutschen Tor zu setzen, ist konsequent und richtig. Der 40-Jährige ist weiterhin der beste Keeper Deutschlands und einer der besten Torhüter der Welt. Daher ist es das Risiko wert, das Nagelsmann eingeht – Neuer plagen seit Wochen Wadenprobleme. Der Profi des FC Bayern bringt die Erfahrung aus vier (!) Weltmeisterschaften mit und weiß seit 2014, wie man das Weltturnier gewinnt. Seine Ausstrahlung auf Mitspieler wie Gegner ist enorm. Das hat er zuletzt in der Champions League gegen Weltstars wie Kylian Mbappé von Real Madrid und gegen Paris St. Germain gezeigt. Selbst wenn er nicht mehr ganz an die Form von 2014 herankommen sollte – er ist in großen Spielen schon oft der Grund für den Sieg gewesen. Neuer wird der X-Faktor sein, ein Erfolgsgarant. Die Mannschaft hat nicht viele Anführer, die Mitspieler schwärmen von ihm. Neuer bringt nichts aus der Ruhe. Er wird entscheidend sein, menschlich und sportlich.Ein Erfolg ist die WM erst ab dem HalbfinaleEs mag ob der Erinnerungen an die Weltmeisterschaften 2018 und 2022 vermessen klingen, aber alles andere als der Sprung unter die letzten vier der 48 Mannschaften bei dieser WM würde den Ansprüchen Deutschlands nicht genügen. Nach zwei peinlichen Vorrundenausscheiden muss viel mehr kommen.„Das Beste muss unser Maßstab sein“, kritisierte Matthias Sammer die Schönfärberei nach dem Viertelfinalaus bei der EM 2024. Und hielt fest, dass Deutschland von einer „Maschine“ zu einem „Maschinchen“ mutiert sei. Der Europameister von 1996 hat recht. Er dürfte deshalb aufgehorcht haben, als Linksverteidiger David Raum unter der Woche auf die Frage dieser Redaktion, wie weit es die Mannschaft im Turnier schaffen kann, Folgendes sagte: „Mit dem Team und dem Team ums Team, das auch fantastisch ist, sind die Vorzeichen sehr gut, weit zu kommen. Und wenn wir ganz ehrlich sind: Man bestreitet so ein Turnier nicht, um Dritter zu werden. Wir sind Deutschland, und wir haben Ansprüche an uns. Wenn man in ein Turnier geht, will man das Maximum.“Klare Worte, die es zu bekräftigen gilt. Von einer Mannschaft, in der viel Qualität steckt. Den Beweis, dass sie ganz hohen Aufgaben genügt, ist sie bislang noch schuldig geblieben, auch wenn sie zuletzt neunmal in Folge gewonnen hat. Doch sie verfügt über das Potenzial. „Wir werden schwer zu besiegen sein“, sagte Sportdirektor Rudi Völler vom Deutschen Fußball-Bund vor dem Start am Sonntag gegen den krassen Außenseiter Curaçao. Mutiger als die Das-Glas-ist-halb-voll-Rhetorik wäre es gewesen, wenn er gesagt hätte: „Wir können viele Gegner besiegen.“Julian Nagelsmann ist der WM gewachsenDie WM ist auch für den Bundestrainer eine Reifeprüfung. Er wird sie bestehen. Der auf ihm liegende Druck ist enorm, das von wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Krisen geprägte Deutschland sehnt sich nach einer sportlichen Erfolgsgeschichte. Nagelsmann ist erst 38 Jahre – hat dennoch bereits die Erfahrung als Trainer des FC Bayern und von der EM 2024, ist seit beinahe 20 Jahren Coach. Vor dem Turnier in Deutschland sei Nagelsmann noch etwas unbedarft gewesen, sagte Völler kürzlich.Lesen Sie auchSeither ist Nagelsmann als Trainer gereift. Er hat mutige und konsequente Entscheidungen getroffen, einen homogenen WM-Kader zusammengestellt. Nagelsmann reflektierte und tauschte sich vor dem Turnier mit vielen Fußballlegenden aus. Sein Ziel ist der Titel. Das öffentlich zu betonen, ist ebenfalls mutig – aber das richtige Signal an die Mannschaft. Mit Völler als väterlicher Figur an seiner Seite und seinem gut besetzten Trainerteam um sich wird Nagelsmann bei dieser WM beweisen, dass er ein großer Trainer ist. Die Voraussetzungen hat er, sein Fußballsachverstand ist enorm. In den ersten Tagen tritt er in den USA selbstbewusst und klar auf. Nagelsmann verfügt über die Qualität, diesen Kader zu moderieren und den Spielern das richtige Konzept zu vermitteln.Offensivprofi Leroy Sané wird es allen zeigenNoch nie war Leroy Sané so wichtig für Deutschland. Nagelsmann gab neulich zu, dass man nie zu 100 Prozent wisse, was man bei Sané „am Ende auf dem Platz bekommt“. Der Offensivprofi nahm mit der Nationalelf an vier Turnieren teil – nie spielte er in der ersten Partie von Beginn an. Dieses Mal wird Sané es allen zeigen. Nach der Verletzung von Lennart Karl hat er beste Chancen auf die Startelf.Er wirkt enorm motiviert, traf im Testspiel gegen die USA und war einer der Gewinner der WM-Vorbereitung. Er ist in der Mannschaft enorm beliebt und tut viel für den Teamgeist. Sané weiß, welche Verantwortung er hat. Mit 30 Jahren dürfte es seine letzte Chance auf den WM-Titel sein. Er spielt für Galatasaray Istanbul, es könnte die letzte Chance auf einen ganz großen Titel generell sein. Mit seiner Geschwindigkeit und Torgefahr wird Sané begeistern. Karl gehört die Zukunft. Sané die Gegenwart.Havertz lässt Publikumsliebling Undav keine ChanceAuf der Beliebtheitsskala der Fans rangiert Deniz Undav ganz oben. Doch so sehr der deutsche Anhang den Angreifer vom VfB Stuttgart (9 Länderspiele, 6 Tore) auch ins Herz geschlossen hat: Kai Havertz (58, 22) ist besser. Eine Minute und 46 Sekunden dauerte es im letzten WM-Test gegen die USA (2:1) nur bis zu seinem Tor. Havertz, einst als größtes Talent im deutschen Fußball gepriesen und 2020 für 100 Millionen Euro in die Premier League zum FC Chelsea gewechselt, ist nach einer langen Verletzungspause wieder fit – und in Topform.Ein Podcast, ein Champion, ein Rätsel – wer ist der Gast? Raten Sie mit: Abonnieren Sie WELTMeister bei Spotify oder Apple Podcasts.Lesen Sie auchDer 27-Jährige besticht durch seine Vielseitigkeit im Angriff, seinen Torinstinkt und sein Timing bei Standards. Bleibt er schmerzfrei, wird die WM sein Turnier. Havertz, der mit dem FC Arsenal gerade englischer Meister wurde, wird sich in die Riege erfolgreicher deutscher Nationalstürmer einreihen. Miroslav Klose ist einer davon. Er erzielte bei der WM 2014 zwar nur zwei Tore, aber er schaffte Räume – und setzte Mitspieler perfekt ein. Die Defensive ist (noch) nicht titelreifIn den vergangenen vier Länderspielen schossen die deutschen Gegner fünf Tore. Als Deutschland 2014 in Brasilien den WM-Titel gewann, blieb die Mannschaft in vier von sieben Spielen ohne Gegentreffer – und kassierte im ganzen Turnier lediglich vier Tore. Es bedarf einer Topabwehr, um Großes zu erreichen. Und einer optimalen Defensivleistung der gesamten Mannschaft. Hier hat Deutschland noch zu oft zu große Probleme.Die Innenverteidigung ist top: Jonathan Tah war im USA-Test bester Mann und ist beim FC Bayern enorm gereift, Nico Schlotterbeck von Borussia Dortmund bringt alles mit, um eine starke WM zu spielen. Antonio Rüdiger von Real Madrid ist Ersatz. Die zentrale Abwehr spielt bei Topklubs und ist formstark – aber dann: Links ist der sehr schnelle und spielintelligente Nathaniel Brown von Eintracht Frankfurt gesetzt. Eine mutige Entscheidung des Bundestrainers, aber aufgrund der mangelnden Erfahrung Browns auch eine riskante. Der 22-Jährige hat erst fünf Länderspiele absolviert. Rechts setzt Nagelsmann auf Joshua Kimmich. Einer der besten deutschen Fußballspieler, keine Frage. Doch beim FC Bayern agiert der Kapitän im defensiven Mittelfeld – und er ist zudem kein gelernter Rechtsverteidiger. Einen solchen gibt es nicht in Nagelsmanns Aufgebot. Die Debatte um Kimmichs Position könnte sich durch das Turnier ziehen.2014 bestritt Rechtsverteidiger Benedikt Höwedes links hinten alle sieben WM-Spiele – und überzeugte. Er war ein Garant für den Titelgewinn. Doch aktuell deutet zu viel darauf hin, dass die deutsche Defensive (noch) nicht titelreif ist.Julien Wolff und Lars Gartenschläger sind Redakteure im Sportkompetenzcenter. Sie berichten für WELT seit vielen Jahren über die Nationalmannschaft. Seit Dienstagabend sind sie für die Redaktion in den USA und schreiben von dort aus über die WM-Vorbereitung der deutschen Auswahl.