Als sich das Soldier Field allmählich leerte, war es am Samstag vorbei mit dem ganzen Krach, mit der ganzen Show, mit dem ganzen Spektakel. Plötzlich wurde es gar ein wenig melancholisch. Das lag allerdings weniger daran, dass der Fußball-Nationalmannschaft der USA nach dem 1:2 im Testspiel gegen Deutschland womöglich bewusst wurde, dass sie mit ihrer Leistungsstärke im Konzert der Großen selbst bei einer Weltmeisterschaft im eigenen Land kaum die größten Töne spucken wird.Vielmehr legte die Stadionregie nach den Musikeinlagen mit ordentlich Wumms ein Stück auf, das auch eine Liebeserklärung an Chicago ist. Die Stadt am Lake Michigan war, als die große Fußballwelt bei der WM 1994 erstmals die USA betrat, ein zentraler Bestandteil: Die deutschen Weltmeister eröffneten das Turnier. Nun, 32 Jahre später, verabschiedet sich die WM aus Chicago, bevor sie begonnen hat. Die Stadt wollte die Ansprüche des Weltverbandes FIFA nicht erfüllen. Die 104 Turnierspiele finden daher woanders statt.Das Ende vor dem Anfang für Lennart KarlAuch Lennart Karl verabschiedete sich von Chicago und von dieser WM, bevor sie begonnen hat. Und da passte es ganz gut, dass im Stadion „End of Beginning“, das Ende vom Anfang, von Djo gespielt wurde. Es geht um das Gestern und das Heute, um Veränderungen, die die Zeit mit sich bringt, den nostalgischen Blick auf das, was war, was ist, und wie das alles so wurde.Auch Karl wird diesen Song eines Tages womöglich hören und von einer ganz eigenen Melancholie befallen werden. Am Samstag hörte er ihn nicht, weil er statt in Chicago schon wieder in München war. Noch am Freitag hatte der Jüngste im deutschen Kader im Stadion direkt am Lake Michigan für das finale Testspiel und für die beginnende WM trainiert. Dann riss im linken Oberschenkel ein Bündel an Muskelfasern. Das Ende vor dem Anfang.Der Sound von Soldier Field passte, trotz des Sieges, den Kai Havertz (2. Minute) und Leroy Sané (57. Minute) mit ihren Toren bei einem Gegentreffer durch Antonee Robinson (37.) sicherten, auch zur deutschen Stimmungslage. Denn Karls Verletzung könnte dieser deutschen WM-Kampagne wehtun.Der Schreck am Freitagmittag war groß, als der Bundestrainer wenig später bei der Pressekonferenz ungefragt über eine mögliche Nachnominierung sprach, obwohl es noch gar keine Diagnose gab. Als die ein paar Stunden später vorlag, wurde direkt Assan Ouédraogo nachnominiert.„Da sind, glaube ich, auch ein paar Tränen geflossen“Es waren turbulente, emotionale Stunden im Mannschaftshotel, wie der Präsident des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) am Abend berichtete. „Julian hat ein paar Worte gesagt, die ganze Mannschaft war da. Auch Lennart hat noch ein paar Worte gefunden, obwohl ihm das schwergefallen ist. Er war extrem traurig“, sagte Bernd Neuendorf bei einer Veranstaltung inmitten der vielen Hochhäuser. „Da sind, glaube ich, auch ein paar Tränen geflossen.“Die gab es auch schon im Stadion im Training, als Karl merkte, dass nach einem Torschuss der Oberschenkel schmerzte. Nagelsmann geht davon aus, dass der junge Shootingstar „vier bis sechs Wochen, vielleicht auch länger ausfallen“ wird. Zu lang, selbst bei dieser ausgedehnten WM.Das tragische, zumindest vorläufige Ende des Aufstiegs des Lennart Karl ist nicht nur für den jungen Münchner ein schwerer Schlag. Nagelsmann hatte ihn als Herausforderer auf der rechten offensiven Mittelfeldseite in den Kader nominiert. Doch Karl hatte sich in nur einem Test, beim 4:0 gegen Finnland, wie es den Anschein machte, völlig unbekümmert in die Pole-Position gedribbelt, vorbei an Leroy Sané, vorbei an Jamie Leweling.Der nun nominierte Ouédraogo misst nicht nur 23 Zentimeter mehr als der 1,68 Meter große Karl, er ist auch als Spielertyp vollkommen anders, spielt im Mittelfeldzentrum. Warum also der Leipziger und nicht Saïd El Mala, der zwar auf der linken Seite zu Hause ist, aber ähnlich frech auftritt wie Karl?„Assan ist ein super angenehmer Mensch“Nagelsmann nannte Ouédraogos „bessere Fitness“. El Mala habe seit „zweieinhalb Wochen nicht trainiert, sein letztes Spiel war am 16. Mai“. Ouédraogo spielte indes bei einer Leipziger Südafrika-Tour nach der Saison noch bis Ende Mai. „Uns bringt kein Spieler etwas, den wir noch ranführen müssen“, sagte Nagelsmann über El Mala.Der 20 Jahre alte Ouédraogo schoss, ähnlich wie Karl, in dieser Saison aus dem Nichts in die Umlaufbahn der Nationalmannschaft. Gleich beim Debüt traf er beim 6:0-Sieg über die Slowakei, der zur WM-Qualifikation führte, danach aber fiel er mit einer Knieblessur bis April aus. Ouédraogo hatte Nagelsmann allerdings schon beim ersten Auftritt sehr beeindruckt: „Assan ist ein super angenehmer Mensch, der große Fähigkeiten hat. Und wir können die Position außen auch anders auffangen.“Wie er Karls Verlust offenbar auffangen möchte, sagte er mit der Aufstellung am Samstag: Sané, der On-off-Nationalspieler, der mal nominiert war, mal nicht, der mal in der ersten Elf spielte, mal nicht, der mal glänzte, mal abfiel, soll es offensichtlich sein. „Er hat das entscheidende Tor gemacht – das Wichtigste, was man auf dem Feld machen kann“, sagte Nagelsmann.Doch Sané machte nicht nur dieses Tor. Er verzog eine Flanke aus bester Position, ermöglichte einen gefährlichen Konter, vertändelte den Ball mit einem Hackentrick ins Leere und schoss einen Freistoß so hoch, dass mancher Zuschauer womöglich dachte, es sei ein Field-Goal-Versuch der Footballer der sonst in diesem Stadion spielenden Chicago Bears.Ein persönliches Projekt im WM-ProjektAls Nagelsmann seine Nominierung bekanntgab, lobte er Sané, der noch beim Test in Stuttgart im März bei seiner Einwechslung von deutschen Fans ausgepfiffen worden war, sehr. Nagelsmann nannte die „extrem hohe Anerkennung innerhalb der Mannschaft“ als Kriterium pro Sané.Die kritische Sichtweise, die diesen seit Langem im Nationaldress begleitet, möchte der Bundestrainer – und es klang fast wie ein persönliches Projekt im WM-Projekt – verändern. Er traue sich zu, „den Spieler so zu kitzeln, dass am Ende der WM deutlich mehr positive Stimmen fallen als negative“.Es ist diese Phantasie des Bundestrainers, die Sané, der bei Galatasaray Istanbul nach seinem Wechsel aus München eine mittelmäßige Saison spielte, den Weg in den WM-Kader ebnete. Eine Phantasie, die ihn auch beim EM-Viertelfinale gegen Spanien in die Startelf brachte, ehe Nagelsmann seinen Fehler zur Halbzeit korrigierte. Und eine Phantasie, die viele vor allem zu Beginn von Sanés Karriere hatten, bei Schalke 04, bei Manchester City, schon weniger beim FC Bayern.Nach dem Drama um Karl, so scheint es, hält Julian Nagelsmann ganz rechts vorne die Karte Sané in der Hand. Ob dieser Spielzug aufgeht oder ob ohne Karls Unbekümmertheit doch etwas abhandengekommen ist, was diese Nationalmannschaft für eine erfolgreiche WM unbedingt gebraucht hätte, ist eine der wichtigsten Fragen, die die Deutschen nun ins Turnier begleitet. Oder auch: das Ende vom Anfang – oder der Anfang vom Ende?