An Pyjamas, Hausschuhe und Négligés auf der Strasse haben wir uns bereits gewöhnt. Nun verliert das nächste Kleidungsstück seinen intimen Charakter – wenn man es überhaupt als solches bezeichnen kann: das Handtuchkleid.Bisher kannte man dieses Erscheinungsbild eher aus der Badi oder der Umkleide im Fitnessstudio: Wenn man sich nicht nackt zeigen will, aber auch noch nicht angezogen ist, bindet man sich schnell ein Tuch um den Körper.Nun tauchte ebendieser «Look» ganz selbstverständlich auf den Laufstegen von Loewe und Balmain auf: Kleider aus Frottee oder Samt, die auf den ersten Blick wie das besagte umgewickelte Handtuch nach dem Duschen aussahen. Auch in den Schaufenstern grosser Modeketten waren ähnliche Teile zu sehen. Und von dort ist der Weg auf die Strasse nicht mehr weit. Auch dieses Tuch ist ein Kleid, diesmal aus der aktuellen Kollektion von Balmain. Getty Images Beliebt in Film und FernsehenWenn in Filmen das Handtuchkleid – nicht selten in Kombination mit einem selbstgemachten Turban – erscheint, ist die Situation klar: Hier war gerade jemand nackt und zeigt sich entweder verletzlich oder nonchalant über den Konventionen stehend. Die Trägerinnen und Träger befinden sich dabei meist zwischen privatem Dasein und der Vorbereitung für draussen. Hinzu kommt stets die unterschwellige Gewissheit, dass sich etwas lösen könnte – ein Spiel mit dem voyeuristischen Blick, das bis heute nichts von seiner Wirkung verloren hat. Ikonisch: Audrey Hepburn als Holly Golightly verwandelte in dem Film «Breakfast at Tiffany’s» ein Handtuch in ein Partykleid. Getty Images Berühmt ist etwa das hellgrüne Frottee-Minikleid mit Handtuchkante, das Mitzi Gaynor im Film «South Pacific» (1958) präsentiert. Die «Breakfast at Tiffany’s»-Protagonistin Holly Golightly trägt im Film von 1961 zu einer Party in ihrer Wohnung ein als Cocktailkleid drapiertes Handtuch, in einer anderen Szene einen Handtuchturban zum Bademantel. Und im Jahr 2023 sorgte eine Szene im Actionfilm «Tiger 3» für Aufsehen, in der zwei Frauen in einem Hamam kämpfen, nur mit Tüchern bekleidet.Drinnen oder draussen?Dem Kleidungsstück wurde der Weg von der Leinwand auf den Laufsteg nun aber von zwei anderen Trends geebnet: Zum einen haben es viele Dinge, die einst ausschliesslich in den eigenen vier Wänden getragen wurden, auf die Strasse und ins Büro geschafft, darunter Pyjamas, Négligés, Unterwäsche und Hausschuhe. Andererseits wurde der Handtuchstoff Frottee als Material für Kleidung entdeckt. Seine besondere Haptik und seine sommerliche Ausstrahlung machen ihn interessant für Poloshirts, Kleider und Shorts. Dieses Baumwoll-Frottee-Ensemble stammt aus der aktuellen, exklusiv für Mytheresa entworfenen Kollektion von Valentino. PD Erinnert an ein drapiertes Handtuch: Bandeau-Kleid aus der aktuellen Sommer-Kollektion von H&M. PD In Bezug sowohl auf das Material als auch auf das Kleid an sich gilt jedoch: Es gibt einen Moment der Irritation und damit der Spannung. Daran wird deutlich, dass die Grenzen zwischen drinnen und draussen noch nicht ganz gefallen sind. Strassentauglicher werden die Hybridstücke übrigens mit ernsthaften Schuhen oder einem Blazer darüber. Newsletter Die besten Artikel aus «NZZ Bellevue», einmal pro Woche von der Redaktion für Sie zusammengestellt.
Kleid oder Handtuch? Das ist hier die Frage
An Pyjamas, Hausschuhe und Négligés auf der Strasse haben wir uns gewöhnt. Nun verliert das nächste Kleidungsstück seinen intimen Charakter: das Handtuchkleid.











