KommentarVon Mamdani bis Meyer/Wermuth: Die Gen-Z-Sozialisten kapern die SozialdemokratieDer unrühmliche Abgang von Daniel Jositsch war erst der Anfang. Junge Linke krempeln die alten sozialdemokratischen Parteien um – nicht nur in der Schweiz, sondern weltweit. Ihr Treibstoff: Hass auf Israel und Reiche.25.06.2026, 05.35 Uhr6 LeseminutenIllustration Simon Tanner / NZZDie Genossen gaben sich redlich Mühe. Am Tag des Parteiaustritts ihres mit dem besten Resultat gewählten Ständerats, Daniel Jositsch, demonstrierte die SP-Führung offensiv Gelassenheit.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Die Zürcher Parteileitung nahm den Bruch «zur Kenntnis» und betonte: «Wir richten den Blick nach vorne.» Die Fraktionschefin im Bundeshaus meinte: «Reisende sollte man ziehen lassen.» Und die Juso kläfften in den sozialen Netzwerken: «Tschüss Dani, you will not be missed.»Jositsch, der Abtrünnige, eine Anomalie. Noch nie ein echter Sozialdemokrat und deshalb schon immer fehl am Platz: So versuchte die SP, den Abgang ihres wohl populärsten Mitglieds kleinzureden.Eva Herzog, die Basler Ständerätin, trat als Kronzeugin auf. In einem selbst initiierten Interview in den Tamedia-Zeitungen widersprach sie vehement der Behauptung, Jositsch sei wegen seiner sozialliberalen Positionen abgesägt worden. «Dreist», «anmassend», «falsch» seien solche Aussagen.Die SP habe sich nicht radikalisiert. Es gebe weiterhin «eine breite Palette von Meinungen» – auch sozialliberale. Sie selbst vertrete durchaus Positionen, die man diesem Label zuordnen könne. Was Eva Herzog nicht erwähnte: Im Bundeshaus stimmt sie geradezu sklavisch auf Parteilinie ab. 97,6 Prozent Übereinstimmung. Bei Jositsch waren es knapp 80 Prozent. Die Vielfalt, von der Herzog spricht, bewegt sich im tiefen einstelligen Prozentbereich.Kein Fussbreit den SozialliberalenDas Zerwürfnis mit Jositsch ist keine Abnormität, kein Sonderfall. Es reiht sich ein in eine längere Entwicklung. Vor Jositsch kehrten andere bekannte Gesichter der Partei den Rücken, National- und Regierungsräte: Mario Fehr, Chantal Galladé, Daniel Frei. Ihnen allen wurde es zu eng. Aber auch Leuten aus der zweiten Reihe. Figuren wie dem ehemaligen Zürcher Statthalter, Hartmuth Attenhofer. Nach fast fünfzig Jahren Parteimitgliedschaft hatte er genug; im vergangenen Herbst reichte er sein Austrittsschreiben ein.Es sei für ihn unerträglich geworden, SP-Mitglied zu sein, bilanzierte Attenhofer. Ehemalige Juso-Kader hätten die Partei umgeformt. «Populismus statt Argumentation» herrsche heute vor, «Identitarismus statt Inklusion, törichtes Geldverteilen statt Sozialpolitik».Die Analyse sitzt und deckt sich mit dem, was andere Kritiker erleben: Vorbei sind die Zeiten, in denen gemässigte Linke in der zweitgrössten Partei des Landes einen Platz finden. Wer mehr als einen Fussbreit von der Parteilinie abweicht, wird ausgegrenzt.Tatsächlich ist es kaum vorstellbar, dass SP-Vertreter heute noch so etwas wie ein Gurten-Manifest veröffentlichen würden. Jenes Papier, das Anfang der 2000er Jahre eine Reform anregte, «für eine neue und fortschrittliche SP-Politik». Im 10-Punkte-Programm standen Ungeheuerlichkeiten wie: «Die SP will einen effizienten Staat.» Die Steuerbelastung gelte es in Grenzen zu halten und die Staatsverschuldung abzubauen. «Denn es gibt nichts Unsozialeres, als auf Kosten der Nachkommen zu leben.»Klare Regeln für Sozialhilfebezüger wurden gefordert, gar eine Begrenzung der Zuwanderung. Eine der Autorinnen des Manifests war die spätere Bundesrätin Simonetta Sommaruga. Solche Positionen sind in der SP von heute tabu. Die sozialliberale Plattform, eine SP-interne Gruppe, einst mitgegründet von Daniel Jositsch, fristet ein trauriges Dasein.Der prononcierte Linkskurs, die Verengung des Meinungskorridors, trägt die klare Handschrift der Parteiführung. Seit bald sechs Jahren bringen die Co-Präsidenten Cédric Wermuth und Mattea Meyer die SP auf Linie. Als Fraktionschefin im Bundeshaus wirkt Samira Marti. Sie alle haben bei den Juso ihre Sporen abverdient.Auch sonst ist es auffällig, wie stark ehemalige Jungsozialisten die Geschicke der Partei prägen. In der Stadt Zürich präsidiert ein junger Mann die SP-Sektion, dessen grösste Lebensleistung es bis anhin war, den Zürcher Sicherheitsdirektor Mario Fehr – damals noch SP-Mitglied – mit einer Strafanzeige zu belegen. Es sind Erlebnisse wie diese, die Hartmuth Attenhofer im Kopf hat, wenn er von einer «Verrohung» spricht.Die Achse der neuen Sozialisten – von Mamdani bis Meyer/WermuthSchon länger gilt die SP Schweiz als eine der linksten sozialdemokratischen Parteien Europas. Die jusofizierte Parteileitung wertet das als Erfolg. Man will nicht die gleichen, vermeintlichen Fehler begehen wie andere, frühere Volksparteien, die sich zu sehr einmitteten und dadurch an Profil verloren haben.Tatsächlich haben die Schweizer Sozialdemokraten in mehreren kantonalen Wahlen in den letzten Jahren zulegen können. Auch bei den nationalen Wahlen 2023 gehörten sie zu den Gewinnern. Die Resultate haben allerdings mehr mit der momentanen Schwäche der Grünen als mit der Stärke der Juso-SP zu tun. Die beiden Linksparteien gleichen sich aus: Wenn die eine verliert, macht die andere vorwärts und umgekehrt. Eine Bestätigung für den scharfen Linkskurs der SP sind die jüngsten Wahlresultate nicht.Was allerdings stimmt: Die Meyer/Wermuth-SP ist bei jungen Wählerinnen und Wählern beliebt. Wie eine Fors-Analyse zeigt, erzielte sie 2023 bei den 18- bis 24-Jährigen den grössten Zuwachs überhaupt. Sie stieg in dieser Kategorie zusammen mit der SVP zur wählerstärksten Partei auf. 21 Prozent gaben ihr die Stimme, verglichen mit dem SP-Gesamtwähleranteil von 18 Prozent.Dass insbesondere Junge empfänglich sind für linkspopulistische Politik ist keine Schweizer Besonderheit. Und es erstaunt auch nicht, dass die früheren Jungsozialisten auf diese Zielgruppe zielen. Sie, die seit Teenagerzeiten im Polit-Campaigning geschult wurden, kennen nichts anderes.Weltweit haben Gruppierungen mit einem solchen Markenkern zurzeit Zulauf bei Jungwählern: La France insoumise unter Jean-Luc Mélenchon in Frankreich (fast 60 Prozent der Jungen mögen ihn), die Grünen in Grossbritannien mit dem «Ökopopulisten» Zack Polanski an der Spitze, Die Linke in Deutschland mit ihrem tätowierten Aushängeschild Heidi Reichinnek.Der neue Parteichef der Linken fiel kürzlich dadurch auf, dass er der CDU vorwarf, «faschistische Politik» zu betreiben. Funktionäre der Jugendorganisation der Partei huldigen derweil Stalin und Mao; in Chats verbreiteten sie antisemitische Parolen. Es ist kaum zu glauben.Als Fackelträger der Bewegung gilt aber der neue New Yorker Bürgermeister Zohran Mamdani. Seit seiner Wahl vergangenen Herbst wird der «demokratische Sozialist» von seinen jungen Anhängern fast schon kultisch verehrt – obschon oder gerade weil seine Rezepte so extrem sind: Mietendeckel, städtische Lebensmittelgeschäfte, Gratis-Kitas, dazu harte Israel-Kritik. Es ist eine üble Mischung, die sich seine Bewegung auf die Fahnen geschrieben hat: Verstaatlichung, Planwirtschaft, Diskriminierung.Der Hass auf Israel, der vielerorts antisemitische Züge trägt, spielte auch beim Putsch gegen Daniel Jositsch in Zürich eine wesentliche Rolle. Jositsch, selber Jude, wurde parteiintern mehrfach vorgeworfen, er sei zu israelfreundlich. Als einziger linker Bundesparlamentarier ist er Teil der parlamentarischen Freundschaftsgruppe Schweiz-Israel.Neben dem bei Jungen stark mobilisierenden Israel-Thema eint die neuen linken Gruppierungen etwas anderes. In der angelsächsischen Presse macht ein Begriff die Runde, jener der «Gen Z socialists». Anders als frühere Generationen von Linken, die stark von gemeinschaftlichen, universellen Idealen geprägt waren, geht es den heute Tonangebenden vor allem um sich selbst.Getrieben von Abstiegsangst wegen KI und Wirtschaftslage, wollen sie ihren persönlichen Lebensstil erhalten; Spitzenverdiener und Reiche sollen dafür zahlen – mit neuen, hohen Steuern. Klimaschutz und Genderthemen interessieren sie weniger, das neue Zauberwort lautet «Kaufkraft» oder wie bei Mamdani: «affordability».Eine zerstörerische IdeologieMit Blick auf die USA muss einem die Generation Z durchaus Sorge bereiten. Ein Drittel der unter 30-Jährigen hat laut Umfragen einen «positiven Eindruck» vom Kommunismus, zwei Drittel gar flirten mit dem Sozialismus. Der Kapitalismus und die Demokratie hingegen kommen bei den Jungen schlecht weg. «Marxismus ist heute kein schmutziges Wort mehr», sagt die Buchautorin Grace Blakeley («Vulture Capitalism») nicht ohne Stolz. Sie gilt als Vordenkerin der amerikanischen Linkspopulisten.Ähnliche Umfragen gibt es für die Schweiz nicht. Aber die hiesige SP mit ihrer Juso-Mannschaft an der Spitze versucht alles, um Mamdani und Konsorten nachzueifern. Anklang finden sie in den grösseren Städten. In Zürich liefert sich die SP mit anderen linken Parteien einen Umverteilungswettbewerb. Mieten, Krankenkassenprämien, Kita-Rechnungen, Energiekosten, ÖV-Tickets – überall soll der Staat unterstützen, auch dort, wo die Hilfe gar nicht benötigt wird. In preisgünstigen Wohnungen soll neu zum Beispiel auch der obere Mittelstand wohnen dürfen.Sozialdemokraten vom alten Schlag, geistige Unterstützer des Gurten-Manifests von 2001, schütteln ob diesem Übereifer und dieser Radikalität den Kopf. Sie wissen, dass jeder Franken, der umverteilt werden soll, zuerst verdient werden muss. Sie akzeptieren den marktwirtschaftlichen Rahmen, in dem sie ihre Sozialpolitik betreiben können.Nicht so die Gen-Z-Sozialisten. Den Kapitalismus erachten sie als gescheitert. Dem freien Markt misstrauen sie grundsätzlich. Von den «Superreichen» wollen sie abschöpfen, was sich noch abschöpfen lässt – bis alles zusammenkracht. Es ist letztlich eine zerstörerische Ideologie, die auf den Kern der freiheitlichen Gesellschafts- und Wirtschaftsordnung zielt. Das macht sie gefährlich, weltweit und in der Schweiz.Der Fall Jositsch zeigt, wie unerbittlich und zielgerichtet die neuen Sozialisten vorgehen, um parteiinterne Gegner kaltzustellen, die es wagen, den eingeschlagenen Weg zu hinterfragen. Auch darum sollten die Genossen die Episode nicht als Ausreisser abhaken, sondern als Anlass nehmen, ihren irregeleiteten Kurs zu überdenken.Aber auch für die Mitte- und die Rechtsparteien gibt es Arbeit. Wenn ein gewichtiger Teil der Jugend die Marktwirtschaft als unfair, gar als defekt empfindet, wenn Arbeitslosigkeit droht, wenn ungesunde Monopole entstehen, wenn sich Familien kein Wohneigentum mehr leisten können, dann sollte dies ein Weckruf für alle vernünftigen Kräfte sein. Sonst müssen sie sich nicht wundern, wenn die Gen-Z-Sozialisten weiter Zulauf erhalten.Passend zum Artikel