PfadnavigationHomePolitikDeutschlandArtikeltyp:MeinungGegenredeWie linke Antisemiten Morde an Juden zum „legitimen Akt des Widerstands“ verzerrenStand: 13:09 UhrLesedauer: 5 MinutenWELT-Autor Frederik Schindler
Quelle: Generative Illustration/Infografik WELT; Basis Martin U.K. LengemannSeit dem 7. Oktober ist Antizionismus für große Teile der Linken identitätsstiftender denn je – einschließlich der Befürwortung von Gewalt. Die Verklärung von tödlichem Judenhass ist in der Szene bereits seit Jahrzehnten wirkmächtig.Eine „schreckliche Szene“ sei es gewesen, „der harte deutsche Akzent und dann diese Selektion“. Die Worte stammen von Julie Aouzerate, einer in Algerien geborenen französischen Jüdin. Aouzerate sagte dies nicht etwa über die Zeit des Nationalsozialismus, in der die Deutschen immer wieder Juden von anderen getrennt haben, etwa bei der Errichtung von Ghettos, der Besetzung von Ortschaften oder der Festnahme von Widerstandskämpfern. Sie sagte dies nach ihrer Befreiung aus den Händen linksradikaler Entführer eines deutsch-palästinensischen Terrorkommandos. Vor genau 50 Jahren, am 27. Juni 1976, hatte das Kommando mit Mitgliedern der Revolutionären Zellen (RZ) sowie der Volksfront zur Befreiung Palästinas – Externe Operationen (PFLP-EO), ein in Tel Aviv gestartetes Passagierflugzeug entführt und ins ugandische Entebbe umgeleitet. Die Geiselnehmer trennten jüdische von nichtjüdischen Passagieren und behielten als Geiseln ausschließlich Juden. Ziel war die Freipressung ihrer Genossen, unter anderem von der RAF und der Bewegung 2. Juni. In Entebbe war es der RZ-Mitbegründer Wilfried Böse, der die Namen derjenigen verlas, die von den anderen Geiseln getrennt werden sollten, vor allem Israelis und solche mit doppelter Staatsbürgerschaft, darunter auch mehrere Schoa-Überlebende.Einer von ihnen, Yitzhak David, zeigte Böse im Flugzeug seine Häftlingsnummer aus Auschwitz, tätowiert auf dem Unterarm. Auf den Vorwurf, in der Tradition nationalsozialistischer Antisemiten zu stehen, soll der damals 27-Jährige Böse mit dem Ausspruch „Ich bin kein Nazi, ich bin Idealist“ reagiert haben. Ein Gegensatz, den es so nicht gibt, wie der Historiker Jan Gerber in seinem im Mai erschienenen Buch „Fluchtpunkt Entebbe – Der linke Terrorismus und Israel“ treffend feststellt. Der Antisemitismus erscheine seinen Vertretern schließlich nicht als bösartige Angelegenheit, sondern als Idealismus, schreibt Gerber darin. Lesen Sie auchDazu zitiert er auch seinen Fachkollegen Raphael Gross, der kurz nach dem genozidalen Hamas-Massaker vom 7. Oktober 2023 daran erinnerte, dass Antisemiten sich für die „moralisch überlegenen Menschen“ hielten: „Die Juden bekämpft man ja, weil man gut ist und sie nicht gut sind. Weil sie hinterhältig sind und man das von sich selbst nicht glaubt. Weil sie – angeblich – die Welt kontrollieren und man selbst nur den Frieden will.“ Lesen Sie auchErkenntnisreich fasst Gerber die damaligen Reaktionen innerhalb linker Gruppen und Medien auf die Entebbe-Entführung zusammen: Kritik beschränkte sich auf die Wahl der Mittel, die Selektion blieb häufig unerwähnt, Empörung richtete sich gegen die israelische Militäraktion zur Befreiung der Geiseln. Bei der Operation wurden 102 verbliebene Geiseln befreit; sieben Geiselnehmer und 20 ugandische Soldaten wurden erschossen. In den Feuergefechten starben auch drei Geiseln sowie der israelische Einsatzkommandeur Jonathan Netanjahu, der älteste Bruder des heutigen Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu.In der Befreiungsaktion wollten Maoisten eine „Parallele“ zu den „Blitzkriegen der Hitlerfaschisten“ erkennen, schrieben sie in der „Roten Fahne“. Hamburger Spontis machten das Schmuckgeschäft „Shalom“ als „kulturimperialistische Agentur des Zionismus“ aus, zerstörten Schaufenster und Auslagen – begründet mit ihrer Wut über das gewaltsame Ende der „revolutionären Befreiungsaktion“, also der Geiselnahme. Lesen Sie auchErst 15 Jahre später übte eine Gruppe der Revolutionären Zellen Selbstkritik und sprach in einem Text von einer „Selektion anhand völkischer Linien“. Eine andere Zelle behauptete hingegen in einem Antwortbrief, dies sei „bürgerliche Medienpropaganda“. Antizionismus heute noch identitätsstiftenderGerber kommt zu einem bemerkenswerten Schluss: Der Antizionismus ist für große Teile der Linken seit dem Terrorangriff der Hamas noch identitätsstiftender als in den Siebzigern. „Pogrome und antisemitische Mobilisierungen sind stets auch Testläufe. Mit ihnen wird erprobt, wie weit man gehen kann“, schreibt Gerber. „Bleiben deutliche Kritik, sichtbarer Protest und breite Unterstützung aus, wirkt das als Freibrief.“ Als Extrembeispiel erinnert er an den Mord an zwei Mitarbeitern der israelischen Botschaft in Washington, D.C., Sarah Milgrim und Yaron Lischinsky, im Mai 2025. Der Täter war einige Jahre zuvor in einer marxistisch-leninistischen Partei aktiv, rund 30 internationale marxistische Organisationen rechtfertigten die Tat als „legitimen Akt des Widerstands gegen den zionistischen Staat“. In Berlin wurde ein Bild von Lischinsky – der unmittelbar vor seiner Ermordung an einer Veranstaltung des American Jewish Committee zu interkultureller humanitärer Hilfe für Gaza teilgenommen hatte – mit einem roten Hamas-Dreieck überklebt und der Parole „Make Zionists Afraid“ („Versetzt Zionisten in Angst“) versehen. Gerber sieht das als Beleg dafür an, dass die ideologischen Linien der Flugzeugentführung nicht der Vergangenheit angehören, sondern bis heute fortwirken. Andererseits haben sich seitdem auch linke Strömungen herausgebildet, die scharfe Kritiken am linken Antisemitismus formulieren, Solidarität mit Israel bekunden und der Verklärung des Islamismus sowie einer Tabuisierung der Kritik am konservativ-orthodoxen Alltagsislam in den eigenen Reihen den Kampf ansagen.Lesen Sie auchDass solche Strömungen immer mehr marginalisiert werden, zeigte sich auch beim kürzlichen Linke-Bundesparteitag, auf dem Israel unter Jubel Genozid, Apartheid und Ethnonationalismus vorgeworfen wurde und radikale Feinde des jüdischen Staats immer mehr Einfluss gewannen. Und dies zeigt auch eine aktuelle Recherche des Bayerischen Rundfunks über die Linksjugend. Der Jugendverband der Linkspartei hatte noch 2015 einen Antrag beschlossen, in dem „antisemitische Denkmuster in der Linken“ kritisiert werden und die „Verteidigung des unbedingten Existenzrechts Israels“ als „wichtiger Ausgangspunkt politischen Handelns“ bezeichnet wird.Mittlerweile stellt etwa einer deren Bundessprecher den islamistischen Charakter der Hamas infrage. Ein Landessprecher behauptet in einem internen Forum die Existenz „israelischer Konzentrationslager“ und lässt eine israelische Flagge in einer Grafik in Flammen aufgehen. Und ein „Bundesarbeitskreis Agitprop“ fordert, die israelische Armee müsse „vernichtet werden, denn sie steht dem Sozialismus im Weg“.Das ist wenig verwunderlich, schließlich hatte der Bundesverband erst im vergangenen Jahr einen Antrag beschlossen, in dem eine „sozialistische Revolution“ gefordert wird, „die den Imperialismus und Kapitalismus aus der Region herauswirft“. Spätestens wenn dann der angeblich „koloniale und rassistische Charakter des israelischen Staatsprojekts“ verurteilt wird, wird klar, dass damit das Ende des jüdischen Staates gemeint ist. Politikredakteur Frederik Schindler berichtet für WELT über die AfD, Islamismus, Antisemitismus und Justiz-Themen. Seit Februar 2026 erscheint wöchentlich sein Podcast „Inside AfD“. Dies ist die 41. Ausgabe seiner zweiwöchentlich erscheinenden Kolumne „Gegenrede“.






