Der andere Blick mit DatenDie politischen Ansichten junger Männer und Frauen lagen in Deutschland und der Schweiz lange nicht mehr so weit auseinander wie heute. Eine Auswertung der NZZ zeigt: Dafür ist vor allem der Linksdrift bei Frauen verantwortlich.30.05.2026, 04.30 Uhr4 LeseminutenImmer wieder beklagen Politiker die politische Kluft, die sich zwischen jungen Männern und Frauen auftut. Meist richten sie ihren Blick dabei ausschliesslich auf die Männer. Diese, so lautet der allgemeine Befund, driften nach rechts ab. Die Rede ist von einem Backlash gegen die Gleichberechtigung, von jungen Reaktionären, die zurückwollen in eine Zeit, in der Männer allein den Ton angaben. Familienministerin Karin Prien von der CDU warnte etwa kürzlich vor einer ganzen «Generation», die sich abgehängt fühle und deshalb anfällig werde für autoritäre Weltbilder. Der Politikwissenschafter Karl-Rudolf Korte bezeichnete Männer im Hinblick auf ihr Wahlverhalten gar als das «Problem unserer Demokratie».Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Stimmt das? Hat die jungen Männer ein rechtsautoritärer Sog erfasst, der sie unweigerlich mitreisst?Um diese Frage zu beantworten, hat die NZZ Daten der deutschen allgemeinen Bevölkerungsumfrage der Sozialwissenschaften von 1980 bis 2023 und des Swiss Household Panel von 1999 bis 2024 ausgewertet. Beide Befragungen erfassen, wo sich junge Menschen selbst im politischen Spektrum einordnen.Sie zeigen ein anderes Bild. Zunächst einmal geht in der Tat ein Riss durch die Generation der 18- bis 29-Jährigen. Seit Beginn der Erhebungen war die Kluft in der Schweiz nie grösser; in Deutschland erreichte sie 2021 ihren bisherigen Höhepunkt. Doch der wesentliche Grund dafür ist in beiden Ländern nicht etwa, dass junge Männer immer rechter werden. Sondern vielmehr, dass die Frauen deutlich linker geworden sind.Daran ändern auch die Unterschiede zwischen den Ländern nichts. In der Schweiz etwa sind Frauen schon seit langem progressiver als ihre männlichen Altersgenossen. Zudem sind Männer in den vergangenen Jahren tatsächlich nach rechts gerückt. Doch der Abstand zwischen den Geschlechtern ist vor allem so gross, weil sich Frauen noch nie so weit links verortet haben wie im Moment.Die Radikalisierung junger FrauenNoch eindeutiger ist die Lage in Deutschland. Auch dort war der politische Abstand zwischen den Geschlechtern seit langem nicht mehr so gross, auch dort sind die Frauen so links wie noch nie seit Beginn der Messung im Jahr 1980. Nur sind die Männer gar nicht rechter geworden, im Gegenteil. Seit der Jahrtausendwende wurden sie zunehmend progressiver. Aber die Frauen sind ihnen enteilt. Sie haben in der gleichen Zeit noch sehr viel linkere Einstellungen entwickelt.Newsletter «Der andere Blick mit Daten»Unsere datengetriebene Perspektive auf die Lage in Deutschland: Eine Grafik, eine Einordnung, ein politischer Befund.Jetzt kostenlos abonnierenWer also moniert, dass junge Männer ins autoritäre Lager abtreiben, der sollte die Frauen nicht vergessen. Ihr Linksdrift ist weitaus eindeutiger. Ähnliche Muster zeigen internationale Studien für westliche Länder.Interessant ist, was das konkret bedeutet. Laut einer Studie gewichten junge Frauen in westlichen Ländern etwa Umweltschutz höher als wirtschaftliche Belange. Die Mehrheit junger Frauen der Generation Z definiert sich zudem selbst als Feministin.In wirtschaftlichen Fragen kippen die Einstellungen bei einigen auch ins Radikale. Das britische Institut Merlin Strategy hat kürzlich junge Frauen dazu befragt. Die Ergebnisse waren bemerkenswert, um nicht zu sagen: beängstigend. Die Mehrheit der Befragten fühlt sich dem Kommunismus zugeneigter als dem Kapitalismus. Bei Frauen unter 25 Jahren ist der Kapitalismus sogar so verhasst, dass sie ihn auf eine Stufe mit dem Faschismus stellen. Von wegen, nur rechte Männer sind das Problem.Nun könnte man einwenden, dass es in die Irre führe, wo sich junge Menschen politisch verorten. Schliesslich könnten sie sich selbst falsch einschätzen und sind in diesem Alter noch anfällig für Manipulationen. Nach dieser Lesart käme es vor allem darauf an, wie junge Leute wählen.Kein Rechtsruck einer ganzen GenerationTatsächlich kann man dann einen Rechtsruck junger Männer erkennen, insbesondere in Deutschland. So haben 25,2 Prozent der 18- bis 24-jährigen Wähler bei der Bundestagswahl für die AfD gestimmt. Auch bei der Europawahl 2024 schnitt die AfD unter deutschen Jungwählern besonders gut ab. Befragungen zeigen ausserdem, dass Männer der Generation Z traditionelle Rollenvorstellungen am stärksten befürworten, etwa die, dass Frauen immer auf ihre Ehemänner hören sollten. Dass junge Männer konservativer geworden sind, ist also keine Chimäre.Doch auch hier lohnt es sich, genauer hinzuschauen. Dann fällt auf, dass weitaus mehr junge Wählerinnen bei der Bundestagswahl die Linkspartei gewählt haben als Männer die AfD, nämlich 37 Prozent. Zudem haben 17 Prozent der männlichen Jungwähler ebenfalls die Linkspartei gewählt, ein ebenfalls weit überdurchschnittliches Ergebnis für die Partei im Vergleich zu anderen Altersgruppen. Von einem Rechtsruck einer ganzen Kohorte kann also keine Rede sein. Eher handelt es sich um eine Spaltung unter Männern.Zudem sollte man bei der Einordnung von Wahlergebnissen vorsichtig sein. Gerade bei jungen Leuten schwankt das Wahlverhalten enorm. Bei der Bundestagswahl vor fünf Jahren etwa war die FDP neben den Grünen noch die beliebteste Partei. Auch taktische Erwägungen können eine Rolle spielen.Es mag seine Tücken haben, wie sich junge Leute politisch selbst einschätzen, doch es ist aussagekräftiger als eine einzelne Wahlentscheidung. Die eigentlich beachtenswerte Entwicklung bleibt deshalb nicht der Rechtsruck eines Teils der Männer, sondern der Linksruck der Frauen.Diese Kluft könnte auch über die Politik hinaus Folgen haben. Auf der ganzen Welt sinkt der Anteil junger Erwachsener, die verheiratet sind oder mit einem Partner zusammenleben. Selbst wenn Menschen zusammenkommen, die völlig unterschiedliche politische Ansichten haben, liegt die Trennungsgefahr in solchen Fällen laut einer Studie deutlich höher als bei Gleichgesinnten. Man kann zwar mit dem Klassenfeind ins Bett gehen. Aber langjährige Beziehungen werden daraus selten.Bei vielen jungen Menschen liegen die Weltanschauungen mittlerweile so weit auseinander, dass der Streit schon bei der Betrachtung der Wirklichkeit beginnt. Das macht das Leben in einer gemeinsamen Welt schwer.58 KommentareMarc Anderson vor 41 MinutenEmilia Roig for Bundespräsident !!!Claus F. Dieterle vor 48 Minuten1 EmpfehlungUnd die Ansichten über Jesus Christus?