Dass Wissenschaftler im Durchschnitt politisch links von der Gesamtbevölkerung stehen, ist kaum zu bestreiten. Eine andere Frage ist, ob das ein Problem ist. Spätestens seit die Trump-Regierung Eingriffe in Budget, Curriculum und Stellenbesetzungen der Universitäten mit deren linksideologischen Ausrichtung begründet, ist die Frage zu einem Politikum geworden. Dass Trumps Interventionen gravierende Einschränkungen der Wissenschaftsfreiheit bedeuten, darüber sind sich fast alle Wissenschaftler einig. Aber sind sie auch völlig unbegründet oder vielleicht die (Über-)Reaktion auf ein tatsächlich vorhandenes, strukturelles Problem?In diesem Zusammenhang sorgt nun eine Studie für Aufsehen, die eine signifikante und seit Jahrzehnten zunehmende Linksorientierung der angelsächsischen Sozialwissenschaften nachweisen möchte. Anders als viele vor ihm hat ihr Verfasser James Manzi, ein Doktorand der Soziologie an der University of Oxford, dafür nicht die persönlichen Einstellungen der Wissenschaftler in den Blick genommen, sondern ihre Forschung. Dieser Unterschied ist entscheidend. Denn wo ein Anthropologe oder ein Ökonom in der Wahlkabine sein Kreuzchen setzt, ist zunächst einmal ebenso gleichgültig wie die Frage, was sein Lieblingsessen ist. Sein politischer Standpunkt wird erst dann erheblich, wenn er sich auch auf seine Arbeit auswirkt. Dann führt eine Homogenität der Einstellungen womöglich zu Homogenität in der Forschung.Jede Disziplin neigt politisch nach linksFür seinen Aufsatz „The ideological orientation of academic social science 1960 - 2024”, der im Fachjournal „Theory and Society” erschienen ist, hat Manzi die Abstracts von knapp sechshunderttausend englischsprachigen Aufsätzen aus den Sozialwissenschaften untersucht. Zunächst fütterte er ein sogenanntes Large Language Model (LLM), also eine Art Künstliche Intelligenz, mit den Texten von amerikanischen Politikern, Medien und Thinktanks, die gemäß Manzis Vorannahmen einen bestimmten Punkt auf einer Rechtslinks-Skala von 0 bis 10 repräsentieren sollten. So verband er den Wert 3 („conservative“) mit Ron DeSantis, der Zeitschrift „National Review“ und dem Thinktank „Heritage Foundation“, den Wert 7 („progressive“) wiederum mit Elizabeth Warren, der „New York Times“ und dem „Center for American Progress“. Sodann forderte Manzi die KI auf, die sozialwissenschaftlichen Abstracts auf dieser so definierten Skala zu verorten.Das Ergebnis: Von den rund dreißig Prozent der Abstracts, die das LLM als „politisch relevant“ einstufte, ordnete es neunzig Prozent dem linken und nur fünf Prozent dem rechten politischen Spektrum zu. Jede einzelne der elf untersuchten Disziplinen neigt politisch nach links, von einem Durchschnittswert von 5,7 in den Wirtschaftswissenschaften über 6,9 in der Soziologie bis hin zu 7,6 in den Gender Studies. Diese Tendenz hat sich über die Jahrzehnte kontinuierlich verstärkt, nur in den politiknahen Disziplinen (wie Kriminologie oder Politologie) gab es in den Siebziger- und Achtzigerjahren, der Thatcher- und Reaganära, eine leichte Gegenbewegung nach rechts. Die am weitesten nach links tendierenden Disziplinen waren zugleich auch die politisch homogensten, diejenigen also mit der geringsten Streuung der politischen Standpunkte.Nun lässt sich Manzis Methodik durchaus in Zweifel ziehen. Die insgesamt sechshunderttausend Bewertungen seines KI-Modells kann im Einzelnen niemand nachvollziehen. Zwar führte er eine Reihe von Robustheit-Überprüfungen durch und gibt einige plausible Beispiele für Abstracts und ihre Einschätzungen durch die KI. Doch um wirklich nachzuweisen, dass sein LLM die politische Positionierung von Forschungsartikeln nach allgemeinem Verständnis richtig einschätzen kann, hätte es einer Gegenprobe mit menschlichen Bewertern bedurft.Wissenschaftliche Folgen politischer EinstellungenWer ob solcher Einwände jedoch die Gesamtergebnisse der Studie für nichtig erklärt, verkennt, dass sie letztlich nur im Großen quantifizieren, was andere in kleinerem Rahmen gezeigt haben. Zahlreiche Umfragen belegen, dass Wissenschaftler, die sich selbst als links oder linksliberal bezeichnen, an amerikanischen Universitäten deutlich in der Mehrheit sind. Die umfangreichsten Untersuchungen, etwa jene des Higher Education Research Institute (HERI), beziffern das Verhältnis von Linken und Linksliberalen zu Konservativen auf etwa 6:1. An geistes- und sozialwissenschaftlichen Fakultäten ist die Tendenz stärker ausgeprägt als an naturwissenschaftlichen.Zugleich ist immer wieder nachgewiesen worden, wie der eigene weltanschauliche Standpunkt selbst scheinbar rein rationale Denkprozesse beeinflusst. So legten die Psychologen Anthony Washburn und Linda Skitka Teilnehmern eines Experiments fiktive Studien zu Themen wie dem Klimawandel vor. Die Ergebnisse dieser Studien waren so aufbereitet, dass die korrekte Interpretation der Zahlen mehr Aufwand bedeutete als die inkorrekte. Sowohl Konservative als auch Linksliberale, stellte sich heraus, waren deutlich bereiter, den aufwendigeren Weg zum korrekten Ergebnis zu gehen, wenn das vordergründige Ergebnis ihren persönlichen Vorannahmen widersprach, als wenn es mit diesen übereinstimmte. Solche Formen des „motivierten Denkens“ („motivated reasoning“) kann jeder an sich selbst beobachten.Die konkreten Folgen zeigen sich am deutlichsten auf Forschungsfeldern, die sich mit gesellschaftlich umstrittenen Themen befassen, auf denen politische Diversität also besonders naheliegend und wichtig wäre. So berichtet etwa der Migrationsforscher Alexander Kustov, der migrationsfreundliche Konsens in seiner Disziplin führe dazu, dass „Ergebnisse, die nicht unzweideutig im Sinne von ,Immigration ist gut’ interpretiert werden“ könnten, „in Papers stillschweigend heruntergespielt oder ausgelassen“ würden. Dem Ansehen der zweifellos wichtigen Geschlechterforschung ist es vermutlich nicht zuträglich, dass fast alle darin tätigen Wissenschaftler ihre Forschung mit dem Anspruch verbinden, die von ihnen untersuchten Geschlechterbilder – oder gar die Geschlechter selbst – zu überwinden.Auch politische Diversität ernst nehmenDementsprechend sind auch Manzis Ergebnisse im Ganzen plausibel. Denn wenn ein Großteil der Sozialwissenschaftler politisch nach links neigt, so ist nur folgerichtig, dass sich das in Summe auch auf ihre Forschung auswirkt. Man muss den Wissenschaftlern selbst keinen Strick daraus drehen. Vor persönlichen Vorannahmen ist niemand gefeit. Vielleicht begünstigt die Forschung mit dem ihr inhärenten Drang nach neuen Ansätzen und Erkenntnissen auch per se politisch progressive statt bewahrende Einstellungen. Problematisch ist jedoch, dass sich der Effekt ohne Gegenmaßnahmen mit der Zeit selbst zu verstärken droht, wie etwa der Soziologe Neill Gross gezeigt hat: Als links geltende Disziplinen ziehen mit der Zeit immer mehr linksgerichtete Nachwuchswissenschaftler an, was die Disziplinen wiederum linker macht.Was es daher braucht, ist ein Bewusstsein für die Bedeutung weltanschaulicher Vielfalt in der Wissenschaft. Wenn in den vergangenen Jahren über Diversität gesprochen wurde, war damit meist geschlechtliche, ethnische, soziale oder sexuelle Diversität gemeint. Dieselben Argumente, die sich für die Wichtigkeit von Diversität entlang dieser Dimensionen anführen lassen, lassen sich aber auch für politische Diversität ins Feld führen – vielleicht sogar a fortiori, weil politische Diversität persönliche Einstellungen anstatt vorrangig äußere Merkmale betrifft. Wenn konservative Forscher darüber klagen, dass sie die Kultur in ihren Fächern als feindlich wahrnehmen, ist das ebenso ernst zu nehmen wie vergleichbare Klagen von schwarzen oder queeren Forschern. Ihre Perspektiven sind ebenso unverzichtbar.Niemand wird deswegen Quoten für Konservative fordern. Ein erster Schritt wäre es jedoch, Anreize abzubauen, welche die vorhandene Unwucht eher noch verstärken. Wenn amerikanische Universitäten von ihren Bewerbern Stellungnahmen zu „Diversity, Equality and Inclusion“ verlangen, mag das – wenn überhaupt – die Diversität in einer Dimension erhöhen, wird die politische Diversität aber weiter verringern. Auch in Deutschland, wo es kaum Daten zu politischen Einstellungen von Wissenschaftlern gibt, fordert die Deutsche Forschungsgemeinschaft alle Antragssteller auf, die „Relevanz von Geschlecht und/oder Vielfalt“ in der eigenen Forschung zu erklären.Man muss sich nur vorstellen, dieselben Institutionen würden alle Bewerber über die Relevanz von Religion oder Nation für die eigene Arbeit reflektieren lassen, um die Schlagseite solcher Vorgaben zu erkennen. Wissenschaft und Wissenschaftspolitik sollten hier gegensteuern. Denn es ist nicht zuletzt eine solch einseitige Politisierung von links, die der Politisierung von rechts Vorschub geleistet hat.