Herr Atug, Sie sind Gründer der unabhängigen AG KRITIS, in der sich Fachleute mit dem Schutz der kritischen Infrastruktur beschäftigen. Was dachten Sie, als Sie hörten, dass alle Züge in ganz Deutschland stillstehen?Mir war schnell klar, dass die Zugkommunikation betroffen sein muss – eine Kernkomponente der kritischen Infrastruktur bei der Bahn. Zugführer und Leitstand kommunizieren über ein eigenes Funksystem, das GSM-R, als Notfunk. Wenn das ausfällt, entsteht ein enormes Sicherheitsrisiko. Im schlimmsten Fall kann die Zentrale nicht vor einer drohenden Entgleisung oder einer Kollision warnen. Eigentlich weicht die Bahn dann auf ein anderes System aus: das P/GSM, das auf dem öffentlichen Mobilfunknetz basiert.Aber das hat am Dienstagabend nicht funktioniert?Genau. Die Störung wurde laut Bahn durch den Tausch einer technischen Komponente verursacht, also ein Update einer Software oder Hardware. Offenbar betraf diese Komponente beide Systeme, sodass die Bahn ihre Kommunikation nicht von dem einen auf das andere Netz umstellen konnte. Bei solchen Funksystemen schleichen sich immer wieder Fehler ein, da sie komplex sind. Auch beim Behördenfunk, den Polizei, Feuerwehr und Rettungsdienste nutzen, gab es in den letzten Jahren nach Updates mehrere bundesweite Störungen.Hatte die Bahn in der Vergangenheit schon einmal einen Ausfall dieses Ausmaßes?Ich erinnere mich nicht daran. Einen größeren Zwischenfall gab es im Oktober 2022, als in Norddeutschland nach einem GSM-R-Ausfall für mehrere Stunden keine Bahnen fuhren. Erst dachten viele an Sabotage. Später stellte sich heraus, dass Kriminelle versucht hatten, Kupferkabel zu stehlen. Dabei durchtrennten sie Glasfaserleitungen, die für das GSM-R eine zentrale Rolle spielen.An Sabotage dachten einige auch nach dem jüngsten Vorfall.Manuel Atug ist Gründer der AG KRITISprivatSolche Spekulationen sind problematisch. Im Internet verbreiten sich schnell Gerüchte, bevor die Ursache des Problems geklärt ist. Die Bahn oder andere betroffene Unternehmen sollten in solchen Fällen frühzeitig und klar kommunizieren, was sie wissen.Wie bewerten Sie denn die Reaktion der Bahn in der Nacht zum Mittwoch?Ein Ersatzsystem mitten in der Nacht in anderthalb Stunden in Betrieb zu nehmen – das ist eine gute Entstörzeit. Das Notfallmanagement hat funktioniert. Da die kritische Infrastruktur betroffen war, muss die Bahn den Vorfall dem BSI gemeldet haben, dem Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik. Innerhalb von 72 Stunden wird ein ausführlicher Bericht an das BSI erfolgen, nach einem Monat ein Abschlussbericht, aus dem Präventivmaßnahmen hervorgehen. Das ist gesetzlich geregelt. Verbesserungspotential sehe ich nur bei der Kommunikation mit den Fahrgästen, die teilweise keine oder zu wenige Informationen bekamen.Bundesverkehrsminister Patrick Schnieder (CDU) fordert, die Bahn müsse ihre Systeme so aufstellen, dass sich der Vorfall nicht wiederholt. Geht das so einfach?Systeme wie das GSM-R sind in der Regel schon sehr störsicher. Da geht es ja nicht nur um viel Geld, das die Bahn für Entschädigungen zahlen muss, sondern auch um Menschenleben. Bis zum Jahr 2035 soll ein schnelleres und sichereres Nachfolgesystem aufgebaut werden, basierend auf dem 5-G-Standard: dem FRMCS. Heute benötigt ein Signal zwischen Zug und Leitstelle 1,8 Sekunden, in Zukunft ist es nur 0,1 Sekunden. Natürlich kann man fragen: Warum nimmt man das neue System nicht früher in Betrieb? Die Frage müsste der Verkehrsminister aber im eigenen Haus stellen, denn da wird das entschieden.Wir erleben immer wieder, wie angreifbar die kritische Infrastruktur in Deutschland ist. Warum schützen wir uns nicht besser?Die Ursachen sind unterschiedlich. Oft sind die Probleme bekannt, werden aber nicht angegangen, weil das teuer wäre. In Berlin weiß man zum Beispiel seit der Wiedervereinigung, dass die Stadt nicht gut querverbunden ist und es neuralgische Punkte im Stromnetz gibt. Der Senat hat das immer wieder besprochen, wollte aber kein Geld in die Hand nehmen. Wie ungeschützt das System ist, haben wir nach dem Brandanschlag im Januar gesehen.Gibt es Länder, von denen wir lernen können?Wie sich unsere kritische Infrastruktur schützen lässt, können wir aktuell zum Beispiel von der Ukraine lernen. Die schafft es, den Bahnbetrieb sogar in Kriegszeiten aufrechtzuerhalten, weil genug Leute zur Entstörung ausgebildet und Materialdepots angelegt wurden. In vielen Ländern gibt es Notstromaggregate für den Mobilfunk, weil die Betreiber gesetzlich dazu verpflichtet sind. Bei uns heißt es dagegen: „Wir brauchen erst mal ein Lagebild, wir gründen einen Stuhlkreis.“ Und wenn der Strom dann ausfällt, bricht das Mobilfunknetz zusammen.