Er jubelt nicht einmal, wenn die eigene Mannschaft ein Tor schiesst – Michel Kuka Mboladinga ist der nobelste Fan der WeltMit seiner Imitation des ermordeten Premierministers Patrice Lumumba avanciert ein Kongolese zum WM-Star.24.06.2026, 12.41 Uhr4 LeseminutenTrotz seiner Unterstützung verlieren die «Leoparden»; Michel Kuka Mboldinga während der Partie der Demokratischen Republik Kongo gegen Kolumbien.Ryan Pierse / Fifa via GettyStillhalten ist im Leben eines Fussballfans selten vorgesehen. Ein richtiger Fan singt, hüpft und küsst sein T-Shirt, sobald sich eine Kamera nähert. Manchmal prügeln sich Fans auch mit anderen Fans, oder sie schmeissen Becher, WC-Rollen oder andere Gegenstände aufs Spielfeld (das berühmteste Wurfobjekt, eine Coladose mit Jahrgang 1971, steht im Museum von Borussia Mönchengladbach).Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Michel Kuka Mboladinga tut nichts von dem. Stets ein Outfit in den Nationalfarben tragend, steht der kongolesische Fan zu Beginn des Spiels auf ein mitgebrachtes Podest, reckt den rechten Arm in die Höhe und hält die Handfläche wie einen Gruss in Richtung des Spielfelds. Dann bleibt er wie erstarrt stehen, 90 Minuten oder länger, während die Fans Flaggen schwenken, tanzen und singen. So auch im Spiel vom Mittwochmorgen in Guadalajara gegen Kolumbien, das die Demokratische Republik Kongo trotz Mboladingas Unterstützung mit 0:1 verliert.Während der 90 Minuten steht Mboladinga regungslos da – egal, was auf dem Platz passiert.Youtube / @canalplussportafrAuf dem Podest stellt er Patrice Lumumbas Statue dar«Lumumba vea», wird Michel Kuka Mboladinga auch genannt, Lumumba lebt. Denn er gleicht mit seinem furchigen Gesicht Patrice Lumumba, dem ersten Premierminister des 1960 in die Unabhängigkeit entlassenen Kongo. Um den Eindruck zu verstärken, trägt Mboladinga die gleiche Frisur und die gleiche Brille wie Lumumba. Seine Pose im Stadion ist eine Reminiszenz an eine Lumumba-Statue in Kinshasa.Der 1961 unter Beteiligung von kongolesischen Separatisten, belgischen Kolonialisten und der CIA ermordete Lumumba ist in Kongo bis heute ein Nationalheld und in vielen afrikanischen Ländern eine Identifikationsfigur.Legendär ist seine Abrechnung mit dem Kolonialismus, als der belgische König Baudouin 1960 erklärt, sein Land habe Kongo die Unabhängigkeit geschenkt und die Zivilisation gebracht – obwohl die Belgier dort eines der grausamsten Regime errichtet hatten, mit rund 10 Millionen Toten.«Wer wird die Erschiessungen vergessen», sagt Lumumba dem beleidigten König, «die Kerker, in denen jene schmachteten, die sich der Ausbeutung nicht unterwerfen wollten?» Lumumbas Feinde fürchten ihn so sehr, dass sie seine Leiche in Salzsäure auflösen.Algerier verhöhnen ihn – und entschuldigen sichMit seiner Ehrerbietung für den ermordeten Freiheitskämpfer will Michel Kuka Mboladinga den Spielern Kraft geben. Vor jedem Spiel, so sagte er in Interviews, trainiere er, um 90 Minuten durchzuhalten. Aber das sei nur ein kleiner Aufwand im Vergleich zu Lumumba, der «sein Leben für unser Land geopfert» habe.In einer Dokumentation des französischen Senders Canal+ sieht man Mboladinga, wie er in einem Fanbus still in einer Ecke sitzt und mit majestätischer Geste andere Fussballbegeisterte begrüsst, die ihn als «Nationalhelden» und «Inkarnation aller Kongolesen» feiern.Ein internationaler Star ist Mboladinga spätestens seit dem Africa Cup of Nations, der im letzten Dezember und Januar in Marokko ausgetragen wurde. Dort verliert der je nach Angabe 1972 oder 1976 geborene Superfan auch erstmals die Contenance: Im Achtelfinal der Kongolesen gegen Algerien stürzt er gegen Ende des Spiels weinend in die Zuschauer. Kurz darauf äfft ihn ein algerischer Spieler auch noch nach, indem er sich wie eine Statue zu Boden fallen lässt.Statue von Patrice Lumumba in Kinshasa.Chris Milosi / ImagoDer Skandal wird mit einer Entschuldigung der siegreichen Algerier bereinigt, die Mboladinga ein T-Shirt mit der Aufschrift «Lumumba» überreichen. An die laufende Weltmeisterschaft hat es «Lumumba vea» nur mit Glück geschafft. Für das entscheidende Qualifikationsspiel gegen Jamaica verweigerte ihm Mexiko die Einreise, worauf er bei einem Public Viewing in Kinshasa 120 Minuten regungslos vor der Leinwand posierte.Wegen eines Ebola-Ausbruchs ist der Zugang für kongolesische Fans an der WM-Endrunde in Mexiko, Kanada und den USA weiter beschränkt, weshalb Mboladinga im ersten Spiel der «Leoparden» gegen Portugal fehlte. Aufgrund einer Intervention der Spieler und eines Verdikts des Präsidenten gehört er jedoch zur offiziellen kongolesischen Delegation an der WM.Der echte Patrice Lumumba (1925-1961) bei einem Empfang in der UNO, 1960.ImagoTodesangst in Gelsenkirchen an der WM 1974Deren Bilanz ist nach dem 0:1 gegen Kolumbien durchzogen, aber das 1:1 gegen Portugal und der letzte Gruppengegner Usbekistan lassen die Fans hoffen, dass es dieses Mal besser kommt als 1974. Damals qualifiziert sich Kongo – unter dem 1971 gewählten Namen Zaire – für die WM-Endrunde in der BRD und sorgt dort für eine der seltsamsten Szenen der Fussballgeschichte.Nachdem die Mannschaft ihre ersten beiden Spiele gegen Schottland und Jugoslawien mit 0:2 und 0:9 verloren hat, muss sie in Gelsenkirchen gegen Brasilien antreten. Als Brasilien beim Stand von 3:0 einen Freistoss erhält, löst sich ein Zaire-Spieler aus der Mauer, rennt auf den stehenden Ball zu und drischt ihn weit weg.Was ein BBC-Kommentator als «bizarren Moment afrikanischer Ignoranz» betrachtet, ist in Wahrheit ein verzweifelter Versuch, Zeit zu schinden. Die kongolesischen Spieler fürchten um ihr Leben, weil ihnen der damalige Präsident Mobutu Sese Seko mit Konsequenzen gedroht hat, falls sie im letzten Spiel höher als 0:3 verlieren sollten.In Afrika ist Michel Kuka Mboladinga schon lange ein Held: Hier unterstützt er seinen Lieblingsverein AS Vita Club, Januar 2026.Chris Milosi / ImagoDer Despot Mobutu, der sich selber Beinamen wie «der Hahn, der keine Henne unbestiegen lässt» verleiht, regiert das Land mit Terror und kleptokratischer Gier. Und er ist der Mann, der Patrice Lumumba 1961 verhaften und an Separatisten in Katanga ausliefern lässt.Auch wenn die Greuel der Mobutu-Diktatur vorbei sind, ist die Demokratische Republik Kongo bis heute bloss dem Namen nach eine Demokratie. Und das Land ist im Osten in einen Konflikt mit Rebellen verwickelt, die von Rwanda unterstützt werden. Ganz still mag Michel Kuka Mboladinga deshalb nicht stehen, als seine Mannschaft am Mittwoch gegen Kolumbien spielt: Statt die Hand zu heben, legt er sich zwei Finger an die Schläfe und eine Hand vor den Mund. Als Protest gegen den Krieg.Protest gegen den Krieg: Während der Partie gegen Kolumbien hält Michel Kuka Mboladinga für einmal nicht ganz still.Eloisa Sanchez / ReutersPassend zum Artikel