Wenn die Mannschaft der Demokratischen Republik Kongo in ihrem Sechzehntelfinale in Atlanta gegen England antritt, dürfte Michel Kuka Mboladinga nicht dabei sein. Schon beim fürs Weiterkommen entscheidenden 3:1 gegen Usbekistan fehlte er, die Amerikaner hatten ihm kein Visum gewährt. Vorher, beim WM-Auftakt in Mexiko, war er dagegen dabei gewesen. Mboladinga ist kein Spieler, nur ein Edelfan. Aber was heißt „nur“?Er ist auf der Tribüne mindestens so aufgefallen wie das kongolesische Team auf dem Platz. Kostümiert wie Patrice Lumumba, der frühere Premierminister des aus belgischer Kolonialherrschaft befreiten Kongo, steht Mboladinga inmitten der Fans auf einem Podest, rechter Arm nach oben, Handinnenfläche nach außen. Jackett, Krawatte, Hose in den Farben der Nationalflagge. So erinnert er, als lebende Statue, an den afrikanischen Befreiungskämpfer Lumumba, der 1961 ermordet und in Säure aufgelöst wurde. Die New York Times schrieb vor ein paar Monaten: „Der Sturz und die Ermordung Lumumbas gehörten zu den größten Verbrechen des Kalten Krieges – eine Verschwörung, an der Mitarbeiter des Weißen Hauses, CIA-Agenten, UN-Diplomaten, kongolesische Separatisten und, ja, auch belgische Gesandte beteiligt waren.“Der Lumumba-Imitator wird mittlerweile selbst imitiertMichel Kuka Mboladinga – Künstlername „Lumumba Vea“ – ist also einerseits ein Artist, ein Gaukler. Andererseits kann man seine Kunst der Verkörperung eines ermordeten Nationalhelden für hochpolitisch halten – was der Fifa-Ideologie durchaus widerspricht, in der Fußball und Politik voneinander getrennt sind oder sein sollen. Womöglich darf der Lumumba-Darsteller tatsächlich nicht ins Land, weil die US-Behörden wegen des dort grassierenden Ebola-Virus Einreisebeschränkungen für Bürger der DR Kongo verfügt haben. Aber dass man sich auch vorstellen kann, es sei den Amerikanern ganz recht, eine mutmaßlich Amerika-kritische Persönlichkeit nicht bei der WM zu haben, erzählt etwas über die angespannte Stimmung, in der das Turnier über die Bühne geht. Gerade weil diese Persönlichkeit eine Kunstfigur ist.Die Spieler der DR Kongo können, das hat der Sieg gegen Usbekistan bewiesen, ohne die inspirierende Kraft ihres Superfans bestehen. Und auf den Großbildleinwänden im Stadion wurde kurz einer eingeblendet, der seinerseits wie Lumumba aussah. Der Lumumba-Imitator Mboladinga wird inzwischen selbst imitiert, da sind also gerade mehrere Lumumbas unterwegs. Alles etwas viel bei dieser XXL-Weltmeisterschaft.Im Internet sind derweil Videospots aufgetaucht, die Mboladinga als Testimonial für einen Deo-Hersteller präsentieren. Eine lebende Statue zu sein, ist schließlich eine schweißtreibende Arbeit. Wie auch immer man zu dieser Reklamenummer steht – „Lumumba Vea“ hat die Geschichte von Patrice Lumumba auf größter Bühne in Erinnerung gebracht und vielen sicher auch ganz neu erzählt. Gegen England sind jetzt die Fußballer der DR Kongo an der Reihe, ihre eigene Geschichte weiterzuspinnen.
DR Kongo bei der Fußball-WM: Die Kraft der lebenden Lumumba-Statue
Sogar wenn er gegen England nicht auf der Tribüne steht, kann Edelfan Michel Kuka Mboladinga das Team der DR Kongo inspirieren: weil er die Geschichte des ermordeten Befreiungshelden Lumumba in Erinnerung bringt.











