Keine Neueröffnung in München war zuletzt so umstritten wie das Casele in der Müllerstraße. Allein ein Blick auf die Online-Bewertungen des Lokals genügt, um zu sehen, dass die Meinungen hier gewaltig auseinandergehen. Die einen vergeben die höchstmögliche Bewertung und wähnen, ihren neuen Lieblingsitaliener gefunden zu haben. Andere geloben, nie wieder einen Fuß in dieses Lokal zu setzen.Wer sich selbst ein Urteil bilden möchte, muss zum Teil Monate im Voraus einen Tisch reservieren. Das irritiert, könnte mitunter aber auch am cleveren Marketing des Casele liegen.Seit der Eröffnung vor rund einem halben Jahr setzt das Barrestaurant auf Mundpropaganda – wenig Werbung, wenige Informationen online. Selbst wenn man direkt davorsteht, macht das Lokal noch einen geheimnisvollen Eindruck: Die grauen Rollläden in den Fenstern sind heruntergelassen und über dem Eingang prangt noch immer der Schriftzug „Schlagbauer“, als hätte sich seit der Schließung der ehemaligen Metzgerei vor gut zwei Jahren nichts getan.Nichts erinnert im Restaurant Casele daran, dass hier einst eine Metzgerei war – bis auf den ehemaligen Schriftzug am Haus. Sogar Design-Magazine berichten über die gelungene Inneneinrichtung. Stephan RumpfGleich hinter dem schweren Samtvorhang im Eingang wird man vom Service freundlich empfangen, der einen auch den restlichen Abend über stets aufmerksam und kompetent umsorgt. Man nimmt Jacken ab, führt zu Tisch und stellt schnell Wasser und Brot bereit. Die aromatische Focaccia mit Rosmarin ist selbstgebacken, der erste Eindruck gut.Da die Bar auch Cocktails anbietet, lohnt es sich immer, nach den Drinks des Tages zu fragen. Sowohl der „Bellini“ (11 Euro) aus frischem Pfirsich-Püree und Spumante als auch der „Campari Amalfi“ (9,50 Euro) mit Orangen- und Grapefruitsaft sind gelungene Aperitivi.Auch mit seiner Weinempfehlung kann der Kellner punkten: Der Chardonnay „Pietrabianca“ von Tormaresca (9 Euro pro 0,1 Liter) ist einer von wenigen Weinen im offenen Ausschank und schmeckte wunderbar zu Fisch – wenn der Fisch selbst ebenso überzeugend gewesen wäre. Denn so sehr Ambiente, Service und Getränke bis hierhin überzeugen können, so sehr enttäuscht das Essen, was zum Teil an der Qualität und Zubereitung der Produkte liegt, vor allem aber an den überzogenen Preisen.Auf der sonst überschaubaren Speisekarte gibt es eine große Auswahl an Antipasti. Hier: Involtino di Melanzane. Stephan RumpfLe Polpette al Sugo – drei kleine, kaum gewürzte und fast kalte Fleischbällchen, wie die Restaurantkritiker feststellten. Stephan RumpfVorspeisen wie diese Portion Burrata ai tre Pomodori kosten hier so viel wie bei anderen Italienern ein Hauptgericht. Stephan RumpfAuf der sonst überschaubaren Speisekarte gibt es eine große Auswahl an Antipasti. Bloß kosten diese – selbst für Vorspeisen – recht kleinen Portionen so viel wie bei anderen Italienern ein Hauptgericht. Drei lauwarme Auberginen-Röllchen mit einer Käsefüllung, die schon zu Gummi erkaltet ist: 21,50 Euro. Drei kleine, kaum gewürzte und ebenfalls fast kalte Fleischbällchen: 23,50 Euro.Beim Garnelen-Tatar mit Provola und Tomate für 25 Euro hätte man noch ein Auge zugedrückt, denn guter Fisch darf Geld kosten. Leider hat man es aber hier mit einem grob gehackten Salat aus glasigen Garnelen zu tun, der weder durch Präsentation noch durch Qualität oder Geschmack glänzen kann. Da können auch die geschickt platzierten italienischen Produktbezeichnungen auf der Speisekarte nicht darüber hinwegtäuschen, dass dem Tomatensud („Aqua di Pomodoro“) jegliches Aroma fehlt und „Misticanza“ in diesem Fall nichts anderes beschreibt als ein paar lasche Blätter Pflücksalat.Die Pasta mit gelben Datteltomaten, Burrata und Basilikumpesto (23 Euro) empfindet die Begleitung als „geschmacklich monoton“, dabei hätte man schon mit etwas Pfeffer und Zitrone der Süße der Tomaten leicht etwas entgegensetzen können. Immerhin sind die „Cavatelli“ schön bissfest geraten.Dass nur drei Hauptgerichte zur Auswahl stehen, ist nichts Schlechtes. Im Gegenteil, dann ist wenigstens jeder Teller auf den Punkt – hofft man vergebens. Der vegetarische Hauptgang, eine Wirsingroulade gefüllt mit Pilzen, Kartoffelpüree, sauren Zwiebeln und einer süßsauren Essigsoße (25 Euro), ist eine wahllose Kombination an Aromen ohne Kohärenz. Das Kalbskotelett (39,50 Euro) hat eine unansehnliche graue Farbe und sieht aus wie vorgekocht und dann kurz und ungleichmäßig angebraten. Die Kartoffeln dazu sind trocken, haben keinerlei Geschmack und die Rotweinreduktion erinnert an Preiselbeermarmelade.Eine ausgesprochen schlechte Performance an diesem Tag hat das Thunfischfilet mit Wirsing und Sardellencreme. Man kann diesen Fisch aus Metern Entfernung riechen. Er ist mit einem Film überzogen und sein ungewöhnlich festes Fleisch ist schwer zu kauen und schmeckt trocken, obwohl die Mitte roh scheint. Noch dazu ist das Wirsinggemüse holzig, die Sardellencreme trieft vor Öl und an diesem Punkt weiß man nicht mehr, ob man über die versalzene „Misticanza“ lachen oder weinen soll. Dieses Gericht hätte 41 Euro gekostet, hätte es der Kellner nicht von der Rechnung genommen.Der zeigt sich angesichts der kaum angerührten Hauptgänge durchaus alarmiert und entgegenkommend. Einmal gibt es einen Digestif aufs Haus, beim anderen Mal wird der Thunfisch storniert. Doch selbst mit nur einem Hauptgang beläuft sich die Rechnung noch immer auf rund 135 Euro für zwei Personen. Von einem angemessenen Preis-Leistungs-Verhältnis kann hier keine Rede sein.In einer so konsumfreudigen Stadt wie München wird es dennoch immer Gäste geben, die bereit sind, das zu bezahlen. Je schicker nämlich ein Restaurant daherkommt, desto weniger wird es hinterfragt. Trotzdem: Wo ist die Grenze? Kann ein stylisches Ambiente darüber hinwegtrösten, dass das Essen bestenfalls mittelmäßig ist? Diese Fragen muss man sich im Fall des Casele leider stellen.Casele, Müllerstraße 25, 80469 München, Telefon: 089/58909844, Öffnungszeiten: Dienstag bis Samstag 18 bis 0 Uhr.Die Restaurantkritik „Kostprobe“ der Süddeutschen Zeitung hat eine lange Tradition: Seit 1975 erscheint sie wöchentlich im Lokalteil, seit einigen Jahren auch online. Etwa ein Dutzend kulinarisch bewanderter Redakteurinnen und Redakteure aus sämtlichen Ressorts – von München, Wissen bis zur Politik – schreiben im Wechsel über die Gastronomie in der Stadt. Die Auswahl ist unendlich, die bayerische Wirtschaft kommt genauso dran wie das griechische Fischlokal, die amerikanische Fast-Food-Kette, der besondere Bratwurststand oder das mit Sternen dekorierte Gourmetlokal. Das Besondere an der SZ-Kostprobe: Die Autorinnen und Autoren schreiben unter Pseudonym, oft ist dies kulinarisch angehaucht. Sie gehen unerkannt etwa zwei- bis dreimal in das zu testende Lokal, je nachdem, wie lange das von der Redaktion vorgegebene Budget reicht. Eiserne Grundregeln: hundert Tage Schonfrist, bis sich die Küche eines neuen Lokals eingearbeitet hat. Und: sich nie bei der Arbeit als Restaurantkritiker erwischen lassen – um unbefangen Speis und Trank, Service und Atmosphäre beschreiben zu können.