Noch bei ihrer siebten Austragung verdient die Weltmeisterschaft ihre erste Silbe kaum: Es spielen nur Teams aus Lateinamerika (sechs) und Europa (zehn) in Chile. Dazu leidet das Gastgeberland unter dem verheerenden Erdbeben von 1960, bis heute das stärkste, das man je maß. Die Stadien sind meist halb leer, der Fußball destruktiv, jedes sechste Vorrundenspiel ein 0:0. Agiert wird knochenhart, was bei der „Schlacht von Santiago“ zwischen Chile und Italien in eine großflächige Prügelei mündet.„Der Chef“ verliert den FadenHeitere Momente erzeugt nur der Stadionsprecher, der mitten in einem Spiel verkündet, der tschechische Stürmer Josef Jelinek sei Vater geworden. Und der englische Torjäger Jimmy Greaves, der auf dem Rasen einen Hund einfängt, der ihn dann aber nass macht: „Als ich ihn festhalte“, erzählt Greaves, „pinkelt er mir aufs Trikot“.Die deutsche Elf fällt nicht weiter auf. Horst Szymaniak bricht dem Schweizer Norbert Eschmann, von Beruf „Bijoutier“ (Juwelier), schmucklos Schien- und Wadenbein – einer von dreißig Verletzten der WM, darunter Weltstar Pelé. Torwart Hans Tilkowski, zornig über die Absetzung als Nummer eins, zerstört nur etwas Mobiliar im öden Quartier. Und Sepp Herberger verliert bei seiner letzten WM, für die er den einundvierzigjährigen Fritz Walter vergeblich zu einer Teilnahme überreden wollte, zusehends den Faden.Vielen missfällt, dass der Bundestrainer auf seine alten Tage „Catenaccio“ spielen lässt, so wie Gruppengegner Italien. Es reicht, um sich ins Viertelfinale durchzuwursteln. Dort warten die Jugoslawen, wie 1954 und 1958. Was soll da schon passieren? Immer machten die „Jugos“ das Spiel und Deutschland die Tore. Nun aber stürmen plötzlich die Deutschen, Uwe Seeler trifft nach drei Minuten den Pfosten. Es wird ein munteres, offensives Duell, ganz untypisch für diese „Beton-WM“, mit vielen Chancen und Paraden auf beiden Seiten.Nur der Torjubel fehlt noch im Stadion von Santiago, außer wenn zweitausend Kilometer nördlich in der Salzwüste von Arica Chile ein Tor gegen die Sowjets schießt. Dann jubeln zuerst nur die Zuschauer mit Radio am Ohr, dann alle. Weil noch kein Satellit für Livefernsehen aus Übersee im Orbit ist, wird man all das in Deutschland erst einen Tag später, nach Flugtransport der Filmrollen über 12.000 Kilometer, sehen können – und vermutlich von dem nun bevorstehenden Verhängnis schon im Bilde sein.Radakovic beendet die Ära HerbergerFünf Minuten vor Schluss der Partie taucht aus dem Rückraum Petar Radakovic auf, unverwechselbar auch im unscharfen Grau-in-Grau der Übertragung, weil er seit einer Kollision mit Seeler einen riesigen Turban trägt. Aus vollem Lauf hämmert er den Ball unhaltbar für den erst seit zehn Tagen volljährigen Wolfgang Fahrian in den Torwinkel.Mit diesem Sonntagsschuss beendet Radakovic (der vier Jahre später im Training in Rijeka an einem Herzinfarkt stirbt) die Ära Herberger – auch wenn der erstmals öffentlich von eigenen Spielern kritisierte „Chef“ sich noch zwei Jahre im Amt hält. Das „Wunder von Bern“ ist reif für die Rente, und mit Gründung der Bundesliga und der Öffnung für Profis anstelle der viergeteilten Oberliga mit ihren „Amateuren“ beginnt 1963 eine neue Zeit im deutschen Fußball. Den WM-Auftritten der Nationalelf wird das nicht schaden.