Als die Welt in Deutschland zu Gast war und der Sommer fast zu einem Märchen wurde: Die Fussball-Weltmeisterschaft 2006 setzte ein Zeichen, auch wenn sie ein bitteres Nachspiel hatte«Die Welt zu Gast bei Freunden» hiess das Motto der Fussball-WM 2006. Deutschland gab sich offen, entspannt: Der Sportjournalist Ronald Reng erinnert an die denkwürdige Meisterschaft.Eckhard Jesse23.06.2026, 05.30 Uhr4 LeseminutenFast die ganze Welt feierte in Deutschland: Ein togolesischer Fan mit einem deutschen Fanhut feuert seine Mannschaft an der WM 2006 an.NZZ – Agentur ImagoEs ist bereits jetzt abzusehen: Die diesjährige kommerzialisierte Fussball-Weltmeisterschaft mit achtundvierzig Mannschaften in drei Ländern löst nicht annähernd die unbeschwerte Stimmung aus wie die in Deutschland vor zwanzig Jahren. Ronald Reng, der mehrfach ausgezeichnete Sportjournalist, ruft diese Fussballzeit in Erinnerung. Dabei geht es ihm weniger um die sportlichen Ergebnisse als um die mit ihnen verbundenen gesellschaftlichen Vorgänge. Magische Momente werden eingefangen.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Deutschland zeigte sich seinerzeit von seiner besten Seite. «Die Welt zu Gast bei Freunden» lautete das offizielle Motto. Das Land war mit einem Fahnenmeer in ausgelassener Verfassung, die tatsächlich ansteckend wirkte. Eine Art Volksfeststimmung breitete sich aus – junge Leute bemalten ihre Gesichter mit den Nationalfarben. Deutsche liessen ein unbefangeneres Verhältnis zu ihren nationalen Symbolen wie Flagge und Hymne erkennen.Bereits 1990, im Jahr der deutschen Vereinigung, war diese «Entkrampfung» beim Sieg der deutschen Fussball-Nationalelf in Rom erkennbar, worauf Reng hinweist. Dies vertrug sich alles gut mit grosser Weltoffenheit, denn der Jubel galt ebenso den ausländischen Besuchern. Damit ging kein Nationalismus einher, nicht einmal Patriotismus, eher so etwas wie Partyotismus. Das Wetter spielte mit. Wie der Autor belegt, tauchte der Topos vom «Sommermärchen», der auf Heinrich Heines «Wintermärchen» anspielt, zum ersten Mal in einer «Spiegel»-Titelgeschichte im Juni 1976 auf. Die Wendung setzte sich schliesslich mit dem gleichnamigen Film Sönke Wortmanns durch.Verordnete BegeisterungGemeinhin heisst es, die Begeisterung sei spontan von unten entstanden, nicht von oben angeordnet. Wie Reng zeigt, stimmt das nur teilweise. Die Politik spielte eine treibende Rolle. Was Gerhard Schröder angeschoben hatte, setzte Angela Merkel fort. Tausende von Bediensteten in der Bahn, in Hotels und Restaurants wurden Teil der «Freundlichkeitskampagne der Bundesregierung». Willkommenstafeln an den Bundesgrenzen sollten Toleranz signalisieren.Die Deutschen kamen dem nach. 2005, als Bundeskanzler Schröder Neuwahlen anstrebte, lag die Stimmung darnieder, die Arbeitslosenquote war hoch. Hätte der Fussballfan Schröder bis zur regulären Wahl im Herbst 2006 gewartet, wäre der Ausgang vielleicht ein «Herbstmärchen» für ihn geworden, zumal die wirtschaftliche Konjunktur anzog, nicht zuletzt aufgrund der von ihm in die Wege geleiteten «Agenda 2010»-Reformen.Viele Prominente wie Julian Nagelsmann, seinerzeit ein fussballbesessener Teenager, der noch nicht an einen Trainerjob dachte, und der Ersatzspieler Thomas Hitzlsperger erzählen Reng, wie sie die WM 2006 erlebten. Aber nicht nur sie erzählen, sondern auch, beispielsweise, Hans-Jürgen Schulke, Sportreferent des Hamburger Senats. Auf ihn geht die Idee zurück, Innenstädte zeitweilig zu Fanmeilen umzufunktionieren. Public-Viewing-Arenen, sagte er, könnten – wegen der Knappheit an Eintrittskarten – Unzufriedenheit und mögliche Krawalle bei angereisten in- wie ausländischen Fussballfans verhindern. Gegen viele Widerstände wurde Schulkes Vision umgesetzt – und wurde ein Volltreffer. Dabei bedeutet für Briten «public viewing» das öffentliche Aufbahren eines Toten.Wer ist Mister X?Ronald Reng bietet ein buntes Kaleidoskop, keinen geschlossenen Text. Aber gerade das macht den Reiz der Lektüre aus. Hier erfährt man viel von Jürgen Klinsmanns innovativ-unorthodoxen Trainingsmethoden, die nicht überall auf Beifall stiessen. Unzählige Anekdoten werden erzählt: etwa die Geschichte vom unbekannten Mann inmitten der deutschen Spielerfrauen, die im Fernsehen eingeblendet wurden. «Bild am Sonntag» hatte aufgeregt gefragt: «Wer ist Mister X, wer ist der Mann bei unseren Spielerfrauen?» Es war der Zeugwart von Hannover 96. Da die Freundin von Per Mertesacker lieber woanders im Stadion sein wollte, hatte dieser die Karte weitergegeben.Auch wenn im Nachhinein bei Reng einiges verklärt wird: Den späteren Skandal um Bestechungsgelder verschweigt er nicht. Zahlungen an den Weltfussballverband sollten Stimmen für den Austragungsort Deutschland sichern. Aus dem «Sommermärchen» wurde die «Sommermärchen-Affäre» um Millionen von Euro Schmiergeldern. Sie zog weite Kreise und beschäftigte die Gerichte noch jahrelang, auch wenn am Ende niemand wegen Schmiergeldern oder Bestechung verurteilt wurde. Die Verfahren gegen die Spitzenfunktionäre wurden wegen Verjährung gestoppt oder gegen Geldauflagen eingestellt.Die rein sportlichen Ereignisse spielen in Rengs Buch eher eine Nebenrolle. Eine Ausnahme bildet die Niederlage der deutschen Mannschaft im Halbfinale gegen Italien. Nach dem Spiel betraten damals Bundespräsident Horst Köhler und Bundeskanzlerin Angela Merkel die deutsche Mannschaftskabine. Die Politik wollte von der Popularität des Fussballs profitieren.Fussballfans werden sportliche Fakten vermissen, die die WM 2006 denkwürdig machten: zum Beispiel, dass die Schweiz im Achtelfinale scheiterte, obwohl sie während des ganzen Turniers kein einziges Gegentor bekam. Die Eidgenossenschaft blieb im Elfmeterschiessen beim Spiel gegen die Ukraine ohne Tor, auch dies ein Novum. Immerhin kommt der Schweizer Schiedsrichter und Kommentator Urs Meier mit einem griffigen Statement zu Wort: «Und dann zeigten die Deutschen der Welt, dass sie auch verlieren können. Das war genial. Deswegen sage ich, die Niederlage gegen Italien war das Beste, was den Deutschen passieren konnte. Denn sie brachte eine bewundernswerte Seite des Landes zum Vorschein.»Ronald Reng: Der deutsche Sommer 2006. Als 2006 plötzlich die Leichtigkeit einzog. Piper-Verlag. München 2026. 416 S., Fr. 37.90.Passend zum Artikel