In Dortmund hat das „Sommermärchen“ begonnen, als Odonkor flankte und Neuvilles Siegtor gegen Polen das Land erbeben ließ. Die folgenden Wochen, drei weitere Siege, das Kaiserwetter, die Leichtigkeit über allem, der fröhliche Nationalstolz einer neuen Generation – all das widersprach wie ein riesiger Werbespot dem Klischee, das die Welt von den Deutschen hatte. Und die von sich selbst auch.In Dortmund geht es auch zu Ende, das Märchen jenes Sommers. Denn auch die Italiener haben ein Klischee zu widerlegen, das die Welt, jedenfalls im Fußball, von ihnen hat. Dem haben sie brav entsprochen und, wie fast immer, bis zum Halbfinale nicht geglänzt. Und so stellt man sich 2006 den Italiener immer noch als Spielzerstörer alter Schule vor.Neunzig Minuten lang gibt es dann gegen Buffon, Cannavaro & Co. für Klinsmanns Kicker tatsächlich kaum ein Durchkommen. In der Verlängerung aber zeigt Italien eine neue, unerwartete Seite. Trainer Lippi bringt, neben Totti und Gilardino, zwei weitere Stürmer, Iaquinta und del Piero. „Wir hatten mehr Pfeile im Köcher“, sagte Lippi später. Noch nie hat ein italienischer Trainer in einem solch kritischen Moment so offensiv agiert.Fast sofort zahlt es sich aus. Italien trifft Pfosten und Latte. Doch um die leidenschaftlichen Deutschen zu schlagen, braucht es einen Geniestreich, so gut getarnt, dass man ihn als solchen auf den ersten Blick kaum erkennt – das Täuschungsmanöver des Andrea Pirlo.Die 119. Minute, die zwölfte Ecke der Italiener wird „weggeköpft“ und landet beim italienischen Spielmacher. Im Rückraum hat er Zeit, den Ball zu kontrollieren und sich etwas zu überlegen. Im Umkreis von fast fünf Metern kein Deutscher. Weil sie nun hinausrücken, auf ihn zu, läuft Pirlo zwei Schritte parallel zur Strafraumlinie, dann noch zwei scheinbar weg vom Tor, von der Torgefahr.Pirlos No-Look-PassDie Verteidiger entspannen sich ein wenig, während Pirlo längst einen Plan hat. Sein Laufweg nimmt eine kleine Schlangenlinie, als wolle er den Ball auf den Flügel spielen. Dieser Schleichweg öffnet ihm den Passweg und lockt die Deutschen in die Falle. Zur Tarnung dreht Pirlo Schulter und Kopf weg und kann jetzt sein Ziel im Augenwinkel nur noch ahnen – Fabio Grosso, den Ersatzmann, der in wenigen Sekunden ein WM-Held sein wird.In diesem Moment spielt Pirlo, verfolgt von drei Deutschen, die er von Grosso weggelockt hat, einen No-Look-Pass in den Strafraum, im Neunzig-Grad-Winkel mit rechts am linken Fuß vorbei. Zwischen den Deutschen hindurch, gegen ihre Erwartung und Laufrichtung. Drei Sekunden Zeit haben sie Pirlo gegeben. Die letzten drei Sekunden des Sommermärchens.Aber er bleibt nicht folgenlos, jener deutsche Märchensommer. Der Schwung reicht bis zum WM-Sieg 2014. Acht Jahre nach den Italienern – so wie der ganze deutsche Fußball seit Jahrzehnten mit ihnen in einer Zeitschleife festzuhängen scheint. 1990 Weltmeister, acht Jahre nach Italien. 2002 WM-Finale, Niederlage gegen Brasilien, acht Jahre nach Italien. 2014 Weltmeister, 2018 und 2022 raus in der Vorrunde: alles acht Jahre nach Italien.Wer an Zahlenmagie glaubt, stellt sich besser auf trübe Zeiten ein: 2022 und 2026 flog Italien schon in der Qualifikation raus. Immerhin hat Deutschland einen Ausreißer nach oben geschafft. Auch 2018 fehlte Italien. Da ist das deutsche Sechzehntelfinale 2026 fast schon ein kleines Sommermärchen.
Fußball-WM 2006: Die letzten drei Sekunden des Sommermärchens
Bei der WM 2006 räumen die Deutschen mit einem Klischee auf, zur Freude nicht nur der Fußball-Welt. Italiens Team gelingt das auch – zum Verdruss der Gastgeber.







