PfadnavigationHomeSportFußballWMWM-Stimmung„Ich würde mir manchmal mehr Zusammengehörigkeitsgefühl mit den Spielern wünschen“Stand: 16:02 UhrLesedauer: 7 MinutenNach dem 2:1-Sieg gegen die Elfenbeinküste brach bei den deutschen Fans großer Jubel aus. Ob auf dem Berliner Kudamm oder im „German House“ in New York – die Hoffnung auf ein neues Sommermärchen wächst.Bislang sorgen Fans aus Schottland, Norwegen und den Niederlanden für WM-Stimmung. Aber so langsam kommt der deutsche Anhang in Fahrt. Publikum und Team haben ein Problem bereinigt. Doch der Capo meint, es geht viel besser.In kurzer Hose, T-Shirt und Badelatschen lief er den Weg entlang. Ab und an schaute er auf sein Smartphone. Ansonsten ließ Maximilian Beier die Ruhe des Reynolda Village, eines kleinen Einkaufs- und Geschäftskomplexes in Winston-Salem, auf sich wirken. Niemand fragte ihn nach einem Autogramm. Im Ramedy Café, in das Manuel Neuer am vergangenen Montag einkehrte, als die deutsche Mannschaft frei hatte, verhielt sich das ein wenig anders. Der Torhüter wurde von einem Fan im Argentinien-Trikot erkannt. Dieser junge Mann sprach Neuer an, bat ihn um ein Selfie und eine Unterschrift – und ließ ihn dann noch wissen, wie sehr es ihm heute noch zusetzen würde, dass Argentinien 2014 das WM-Finale gegen Deutschland verloren hat. Mit Manuel Neuer im Tor.Begebenheiten wie diese haben derzeit in Winston-Salem Seltenheitswert. Was aber nicht an den prominenten Gästen aus Deutschland liegt, die gern mal ihr Quartier verlassen, was sie nach Absprache auch dürfen. Sie werden schlichtweg nicht erkannt in der rund 260.000 Einwohner zählenden Stadt in North Carolina, in der man nicht immer und überall spürt, dass derzeit eine Fußball-WM ausgetragen wird. Im „Small Batch“ etwa, einer Sportsbar in der 5th Street, läuft zwar auf allen Fernsehern Fußball, dennoch sind an diesem Montagabend nur wenige Gäste da.„Gianni Infantino ist kein Verbrecher“, singen die FansWer WM-Stimmung erleben möchte, der muss sich schon an die Spielorte begeben, von denen es insgesamt 16 bei diesem XXL-Turnier gibt: zwei in Kanada, drei in Mexiko und elf in den USA. Das sind die Hotspots, da spürt man, dass ein globales Fußballevent stattfindet.Als die deutsche Nationalmannschaft in der vergangenen Woche im kanadischen Toronto gastierte, war die Stadt voll mit Fußball-Anhängern: Allein 12.000 sollen es aus Deutschland gewesen sein. Überall in der Stadt liefen sie umher, im weißen oder blauen Trikot. Am Abend vor der Partie gegen die Elfenbeinküste (2:1) trafen sich Hunderte im „Amsterdam Brewhouse“ und stimmten sich ein. Bei Bier, Burgern, Sandwiches, aber auch Brezeln und Weißwürsten, die es extra für die deutschen Gäste gab. Dazu wurde viel gesungen – und auch der Chef des Weltverbandes Fifa musikalisch verhöhnt. „Gianni Infantino ist kein Verbrecher“, hallte es durch die Brauerei.Lesen Sie auchVom Amsterdam Brewhouse startete am Spieltag dann auch der Fanmarsch zum Stadion in Toronto. Sangesfreudig liefen die Anhänger bei 27 Grad und blauem Himmel knapp drei Kilometer. Die Altersstruktur war sehr durchmischt, wobei schon auffällt, dass andere Nationen von deutlich mehr jungen Fans begleitet werden. Aus Saarbrücken waren am vergangenen Samstag in der deutschen Fankarawane auch ein Vater und dessen Sohn dabei. Ihre Namen wollten sie nicht preisgeben, aber eine kleine Geschichte: Der Sohn ist Auszubildender in der Firma seines Vaters. Er hatte eigentlich Berufsschule, aber der Vater als sein Chef hatte aufgrund seiner guten Noten gesagt, dass sie dennoch zu den ersten beiden Spielen in Houston und Toronto reisen. Auf Fotos aus Houston, wo Deutschland 7:1 gegen Curacao gewann, wurde der Sohn dann aber von einer Lehrerin in der Heimat entdeckt. Sie nahm es sportlich, wünschte ihm eine tolle Erfahrung und viel Spaß.Ärger in Houston, Freude in TorontoDen hat Pasquale Seliger bislang größtenteils auch. Der 38 Jahre alte Berliner ist seit Herbst 2023 einer der zwei Vorsänger bei den Länderspielen – und unterstützt die deutsche Fanszene in den USA. Für die WM-Tickets hat er pro Spiel 60 Dollar gezahlt. Der Weltverband Fifa hatte ein Minikontingent an treue Fans herausgegeben, da wurde Seliger zugelost. Für die WM hat er sich zwei Monate freigenommen.Per Video-Call erreichen wir ihn in New York, zwei Tage vor dem dritten Gruppenspiel der deutschen Mannschaft an diesem Donnerstag gegen Ecuador (22 Uhr MEZ/ARD, MagentaTV sowie im Liveticker bei WELT)Die Tage in Toronto, erzählt er, seien „sehr geil“ gewesen – und hätten für die Zeit in Houston rund um das Auftaktspiel gegen Curacao entschädigt. „Dort hatten wir ein paar Probleme mit Ordnern und der Polizei. Sie kamen in den Block und haben uns die Trommeln abgenommen. Das hat genervt. Es war eine Machtdemonstration. In Toronto aber hat man gesehen, was möglich ist, wenn man uns machen lässt. Da war Power, alle hatten Bock, im Stadion Stimmung zu machen. Das war cool und hat mich gefreut, weil es gezeigt hat, dass das, was wir in den vergangenen Jahren aufgebaut haben, jetzt Früchte rund um ein Länderspiel trägt. Ich habe mich gefreut, in Toronto wieder mal so krasse Emotionen bei der Mannschaft zu spüren. Aber es geht natürlich immer noch besser.“Seliger reist mit Freunden umher. Die Reise ist von langer Hand geplant. Mal haben sie ein Hotelzimmer gebucht, mal ein Airbnb. Billig sei das alles nicht, doch um dabei zu sein, trotzt man den Umständen – und freut sich, wenn Dinge, die sie anprangern, auf Gehör stoßen.Sie waren verärgert, als die deutsche Mannschaft nach dem Auftaktsieg nicht zu den deutschen Fans in die Kurve kam und sich für den Support bedankte. „Wir reisen um die halbe Welt und dann klatschen sie kurz auf der Ehrenrunde und interagieren in keiner Weise mit uns Fans. Das fand ich nicht gut, weshalb wir uns gefreut haben, dass es in Toronto besser war. Da hat man gemerkt, wie wichtig der Mannschaft der Sieg gewesen ist. Das zu spüren, war geil“, sagt Seliger. In der zweiten Halbzeit hatte die Auswahl von Bundestrainer Julian Nagelsmann auf das Tor vor der Kurve mit den deutschen Fans gespielt. Beim Ausgleich von Deniz Undav brandete großer Jubel auf, beim Siegtor von Undav herrschte völlige Ekstase. Nach dem Spiel feierte das Team ausgiebig mit dem Anhang. Zusammen intonierten sie den Mallorca-Hit „Der Zug hat keine Bremse“. Er hoffe, sagt Seliger, „dass Toronto ein Knotenlöser für die Beziehung zwischen der Mannschaft und den Fans im Stadion war.“ Und dann hat er da noch einen Wunsch. „Ich würde mir manchmal einfach mehr Zusammengehörigkeitsgefühl mit den Spielern wünschen. Lasst uns doch mal nach einem Sieg zusammen feiern, so wie es die Norweger mit dem Rudern nach ihrem Spiel gemacht haben – auch wenn wir Fans uns mit Sicherheit etwas anderes einfallen lassen als die Norweger.“Ein Podcast, ein Champion, ein Rätsel – wer ist der Gast? Raten Sie mit: Abonnieren Sie WELTMeister bei Spotify oder Apple Podcasts.Was das Rudern bei den Norwegern betrifft, sind genau das die Bilder, die mit Blick auf die WM-Stimmung um die Welt gingen. Ob jene, die unmittelbar nach dem 3:2 über den Senegal entstanden sind, oder die vom New Yorker Times Square. Hunderte Fans in roten Trikots, mit Wikingerhelmen, Fahnen und ihrem berühmten „Viking Row“ ruderten mitten auf der weltberühmten Straße im Takt. Das dokumentierte die gestillte Sehnsucht der Norweger, die sich 28 Jahre nicht für eine WM qualifiziert hatten.Sie und die Fans aus Schottland sind es, die bislang symbolisch für Stimmung stehen – und der WM das gewisse Etwas verleihen. Die „Tartan Army“ aus Schottland hatte Boston über mehrere Tage in ihrer Hand. Kilts in den Straßen, Dudelsäcke am frühen Morgen, Gesänge vor den Pubs. Bars und Kneipen waren so überfüllt, dass einigen teils das Bier ausging. Die Atmosphäre faszinierte Bostons Bürgermeisterin Michelle Wu derart, dass sie an einem Abend selbst Bier zapfte – und sich zu folgender Aussage hinreißen ließ: „Wir wünschten, wir könnten euch für immer hierbehalten.“Auch die Niederländer, die zu Tausenden angereist sind und die wie schon bei der EM 2024 in Deutschland wieder „nach links, nach rechts“ hüpfen, hinterlassen nachhaltig Eindruck. Wie auch die englischen Fans, die mit ihren Spielern „Wonderwall“ von Oasis nach den Spielen singen.Die Emotionen bei dieser WM sind da. Bis zum 19. Juli, dann steigt in New York das Finale, dauert die WM noch an. Pasquale Seliger, der Vorsänger, wird so lange dabei sein, wie die deutsche Mannschaft. Am Mittwoch war er natürlich dabei, als sich die deutschen Fans in New York auf dem Times Square trafen – alle kamen in weißen Shirts oder Trikots.„Wenn sie (die Mannschaft – d. R.) rausfliegt, mache ich mich auf den Weg nach Mexiko oder gehe irgendwo surfen“, sagt er, „aber der Plan ist schon, Weltmeister zu werden.“Julien Wolff und Lars Gartenschläger sind Redakteure im Sportkompetenzcenter. Sie berichten für WELT seit vielen Jahren über die Nationalmannschaft. Seit Anfang Juni sind sie für die Redaktion in den USA und schreiben von dort aus über die WM-Spiele der deutschen Auswahl.