Die „Schande von Gijón“ gilt als peinlicher Tiefpunkt der deutsch-österreichischen Fußball-Freundschaft auf Kosten anderer – sie ging aber auch als Wendepunkt in die Geschichte von Fußball-Weltmeisterschaften ein. Zumindest in Bezug auf die Spielplangestaltung. Am 25. Juni 1982, also exakt vor 44 Jahren, wussten Deutsche und Österreicher schon vor Anpfiff ihrer Begegnung in Gruppe 2, welches Resultat beiden Mannschaften zum Einzug in die zweite Runde reichen würde.Prompt ging das Spiel aus wie gewünscht. In der 10. Minute erzielte Horst Hrubesch das 1:0 für Deutschland. Anschließend stellten alle Beteiligten auf dem Feld den Betrieb ein und schoben sich den Ball nur noch hin und her. Die schon am Vortag aktiven Algerier mussten tatenlos zuschauen und schieden als punktgleiche und gar nicht lachende Dritte wegen der schlechteren Tordifferenz aus. Die Bilder wütender algerischer Fans, die mit Geldscheinen wedelten, um die vermutete Schiebung zu verdeutlichen, schadeten dem Ansehen des deutschen Fußballs erheblich.Seither finden bei Weltmeisterschaften die abschließenden Partien in der Gruppenphase immer gleichzeitig statt – um die stillschweigende Einigung auf passende Wunschresultate zu vermeiden.Blöd nur, wenn zur Ermittlung der Mannschaften, die sich für die nächste Turnierphase qualifizieren können, auch Quervergleiche zwischen den Gruppen nötig sind. Bei der laufenden WM in Nordamerika ist das zum ersten Mal seit 1994 der Fall.Da sich die Summe der 48 Teams, die in zwölf Vierergruppen agieren, nicht sauber in die für K.-o.-Spiele passende Zahl 16 oder 32 aufteilen lässt, greift der Weltfußballverband (FIFA) auf das Vehikel der „besten Dritten“ zurück. Neben den zwölf Gruppensiegern und -zweiten qualifizieren sich acht Gruppendritte – ermittelt über die von ihnen erzielten Punkte und Tore.Nach Abschluss von zwei Spieltagen könnte es in elf der zwölf Gruppen dazu kommen, dass der Dritte abschließend vier Punkte auf seinem Konto haben wird. Dann wird die Tordifferenz als Kriterium herangezogen. Wohl dem, der gegen einen schwachen Gegner ein hohes Resultat erzielen konnte. Und damit beginnt die Ungerechtigkeit. Denn die Pools sind unterschiedlich stark besetzt, Punkte und Tore mit unterschiedlich hohem Aufwand erzielt worden. Zudem konterkariert der Quervergleich die Regeländerung bei dieser WM, wonach der direkte Vergleich im Gruppenranking bei Punktgleichheit Vorrang vor der Tordifferenz hat.In fünf von zwölf Gruppen erreicht mindestens eines der zwei aufeinander treffenden Teams durch ein Unentschieden vier Punkte. In zwei Fällen (Gruppen D und J) gilt das für beide Mannschaften, in den anderen drei erreicht der Gegner bei einem Unentschieden die K.-o.-Phase mit mehr als vier Punkten. Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Unentschieden keinem der beiden Teams in diesen fünf Gruppen nachhaltig schadet, liegt schon zu Beginn des Spieltags bei über siebzig Prozent.Noch viel schlimmer wiegt aber die terminliche Dysbalance des Turnierbaums. Die Endspiele der zwölf Pools finden nicht gleichzeitig statt, die 24 Partien sind auf zwölf Anstoßzeiten über vier Tage verteilt.Während die Teams der Gruppen B, C und A schon an diesem Mittwoch (21.00 Uhr MESZ) und in der Nacht zum Donnerstag (0.00 sowie 3.00 MESZ jeweils im F.A.Z.-Liveticker zur Fußball-WM) antreten müssen und nur raten können, was anschließend passieren wird, sind die Vertreter der Gruppen L, K und J erst drei Tage später dran. Heißt konkret: Spätestens wenn zum Abschluss der Vorrunde Gruppe J antritt, ist klar, welches Resultat zum Weiterkommen reicht.Nutznießer des ungleich aufgezogenen Vergleichs könnten ausgerechnet die Algerier sein. Die Nordafrikaner rangieren mit drei Punkten und 2:4 Toren derzeit auf Rang drei der Gruppe J. Erst zum allerletzten Vorrundentermin am Sonntag (4.00 Uhr MESZ) muss Algerien wieder antreten. Gegner ist eine Mannschaft, die ebenfalls drei Punkte, aber 3:3 Tore aufweist. Vielleicht reicht beiden Teams ein Remis, um mit jeweils vier Punkten im Gleichschritt als Zweiter und Dritter weiterzuziehen. Leidtragender wäre dann eine andere Mannschaft, die bis zuletzt über dem Cut lag – und dann nach tagelanger Warterei doch nach Hause fahren muss.Wird Kansas City das neue Gijón? Algerien spielt übrigens gegen Österreich.