Die Sowjetunion ist nicht einfach verschwunden: Mikhail Zygar zeigt, dass die Strukturen des alten Russland bis heute lebendig sindWer hat den Kalten Krieg gewonnen? Niemand, sagt der Publizist Mikhail Zygar. Das autoritäre System habe sich nur äusserlich gewandelt, die nationalen Mythen Russlands erlebten eine Renaissance.Ulrich M. Schmid22.06.2026, 05.30 Uhr5 LeseminutenIdeologien überlegen historische Wendepunkte: Kommunistische Sympathisanten nehmen im April 2022 auf dem Gelände des ehemaligen Konzentrationslagers Buchenwald an einer Gedenkfeier zum 77. Jahrestag der Befreiung des Lagers teil.Sean Gallup / GettyWarum erscheint heute noch ein weiteres Buch über den Zerfall der Sowjetunion? Der Journalist Mikhail Zygar gibt eine klare Antwort: Die drei letzten Jahrzehnte der chaotischen und inkompetenten Herrschaft der Kommunistischen Partei haben nicht nur die heutigen Entscheidungsträger geprägt, sondern auch weite Teile der russischen Bevölkerung. Putin und seine Eliten glauben an ihre eigene unbegrenzte Macht, während die Menschen sich in einer fatalen Mischung aus Zynismus und Apathie politisch selbst entmündigen.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Der Niedergang des Sowjetimperiums war gleichzeitig auch die Geschichte von Zygars eigener Kindheit. Er wurde 1981 geboren und erlebte als Zehnjähriger in der Schule jenen Moment, in dem die alte Heilserzählung plötzlich auf dem Müllhaufen der Geschichte landete. In den 2010er Jahren mischte Zygar die russische Medienlandschaft auf.Er war lange Zeit politischer Redaktor beim unabhängigen Fernsehkanal Doschd. Zum Hundert-Jahr-Jubiläum der russischen Revolution organisierte er ein innovatives Multimediaprojekt, in dem die Aussagen und Handlungen historischer Akteure als Posts in sozialen Netzwerken dargestellt wurden. So konnte das Fortschreiten der Geschichte in Echtzeit beobachtet werden. Drei Tage nach dem russischen Überfall auf die Ukraine floh Zygar nach Berlin. 2024 wurde er in absentia zu achteinhalb Jahren Haft verurteilt, weil er über das Massaker in Butscha berichtet hatte.Auch in seinem Buch «Die Zukunft, die nie kam» verwebt Zygar individuelle Perspektiven auf das historische Geschehen. Zwar zoomt er in seinen kurz gehaltenen Kapiteln immer wieder in den Kreml, aber er lässt auch Rockstars, Filmregisseure und Schriftsteller zu Wort kommen. Seine Protagonisten heissen nicht nur Michail Gorbatschow und Boris Jelzin, sondern auch Boris Grebenschtschikow, Sergei Paradschanow oder Alexander Solschenizyn.14. April 1961: Der russische Präsident Leonid Breschnew gratuliert dem Astronauten Yuri Gagarin zum Erfolg seiner Weltumrundung.Gamma-Keystone / GettyBreschnew erinnert sich an nichtsZygar beginnt seine Erzählung mit Gagarins Weltraumflug im Jahr 1961, der die Überlegenheit des sowjetischen Gesellschaftsmodells demonstrieren sollte. Diese Heldengeschichte wird aber scharf kontrastiert durch den Bericht des tschechischen Kommunisten Zdenek Mlynar, der als Kommilitone von Michail Gorbatschow in Moskau Jura studierte. Mlynar war schockiert über die Betrunkenen, die auf den Bürgersteigen lagen. Ihn überraschte auch die Armut der in Gemeinschaftswohnungen zusammengepferchten Menschen, die kaum zu essen hatten und schäbige Kleidung trugen.Immer wieder bringt Zygar wenig bekannte Informationen ins Spiel. So berichtet er vom Geheimtreffen des slowakischen Parteisekretärs Bilak mit seinem ukrainischen Amtskollegen Schelest 1968 in Bratislava. Beide rieten dem Kreml zu einer Niederschlagung des Prager Frühlings, den sie als «Konterrevolution» bezeichneten. In den siebziger Jahren konnte niemand mehr die Augen vor dem Niedergang der Sowjetunion verschliessen.1976 erlitt Generalsekretär Breschnew einen ersten Schlaganfall, im selben Jahr verunfallte der Ministerpräsident Kossygin beim Kajakfahren, sein Gehirn blieb mehrere Minuten ohne Sauerstoffzufuhr. Trotzdem arbeiteten die beiden alten Männer weiter auf ihren Posten, ohne den Belastungen gewachsen zu sein. Den Gipfel der Absurdität markierte ein offizieller Besuch Breschnews in Baku 1982. Der Generalsekretär sollte der aserbaidschanischen Sowjetrepublik den Leninorden verleihen.Die Festivitäten waren perfekt durchorganisiert, die tanzenden Folkloregruppen und fähnchenschwenkenden Kinderscharen warteten nur noch auf das Startsignal, als sich Breschnew plötzlich müde fühlte und in sein Hotelzimmer verschwand. Der Anlass wurde trotzdem durchgeführt. Am Abend sah Breschnew den Bericht in den Hauptnachrichten – seine Abwesenheit wurde gar nicht erwähnt, und er selbst konnte sich an nichts erinnern. Sieben Wochen später war Breschnew tot.14. November 1988: Präsident Reagan empfängt den russischen Menschenrechtler Andrei Sacharow zu einem GesprächDiana Walker / GettySacharows WendeDie Regierung der Seelen sass zu dieser Zeit schon lange nicht mehr im Kreml. Zygar verweist auf die überragende Popularität der Schlagersängerin Alla Pugatschowa, die mit ihren Konzerten Zehntausende begeisterte und aus ihren politischen Sympathien kein Hehl machte. 1983 boten ihr Benny Andersson und Björn Ulvaeus von Abba sogar eine Hauptrolle im Musical «Chess» an. Schweren Herzens schlug sie den Part aus, weil sie wusste, dass sie möglicherweise nicht wieder in die Sowjetunion einreisen könnte.Im Gegensatz zum neuen Generalsekretär Michail Gorbatschow fuhr Pugatschowa direkt nach dem Reaktorunfall 1986 nach Tschernobyl und trat dort auf. Viel später gratulierte Gorbatschow der Sängerin zu diesem Auftritt: «Wir lernten, was Freiheit war, aber Sie brauchten es nicht zu lernen. Sie waren bereits ein Vorbild eines freien Menschen – noch dazu eines mutigen.» Allerdings lernte Pugatschowa auch die Schattenseiten ihres Ruhms kennen. 1987 wurde sie zum Opfer einer monatelangen Hetzkampagne, in der sie als rücksichtslose Diva und Hochstaplerin verleumdet wurde.Der Widerstreit zwischen Reformern und Sowjetnostalgikern zeigte sich auf allen Feldern: Der linientreue Anatoli Karpow verlor auf dem Schachbrett gegen den westlich gesinnten Garri Kasparow. Der eigenwillige Sänger Wladimir Wyssozki forderte die etablierte Musikszene heraus. Die glücklosen Putschisten vom August 1991 wollten die Sowjetunion vor dem «Verräter» Gorbatschow retten.Interessant sind vor allem jene Fälle, in denen Zygar ideologische Inkonsistenzen rekonstruiert. So entwarf der junge Kernphysiker Andrei Sacharow den Plan, mit U-Booten Atomwaffen an das amerikanische Atlantikufer zu bringen. Die Explosion würde dann durch einen Tsunami die Küstenstädte verwüsten. Später entwickelte sich Sacharow zu einem überzeugten Menschenrechtler und Demokraten, der für seine Sache sogar in den Hungerstreik trat.15. Februar 1974: Der Russische Schriftsteller und Nobelpreisträger Alexander Solschenizyn bei seiner Ankunft in Zürich.Keystone / GettyUnmenschliches AntlitzAlexander Solschenizyn kämpfte zwar für die Freiheit der Sowjetbürger, fand aber 1976 in Spanien für den eben verstorbenen Diktator Franco anerkennende Worte und warnte das Land davor, «allzu schnell in Richtung Demokratie voranzuschreiten». Der ukrainische Journalist Witali Korotitsch prägte unter Gorbatschow die fortschrittliche Zeitschrift «Ogonjok», versagte ihm aber im entscheidenden Moment des Putsches die Gefolgschaft. Boris Jelzin stellte sich den Putschisten entgegen, zeigte sich aber erleichtert darüber, dass beim Moskauer Protest der Hauptsitz des KGB nicht gestürmt und geplündert wurde.Zygar widmet der Nationalitätenproblematik ein besonderes Augenmerk. Er untersucht den armenisch-aserbaidschanischen Streit um Nagorni Karabach, er zeigt das Aufleben eines Ethnonationalismus in Georgien, er rekonstruiert die Unabhängigkeitsbewegungen in den baltischen Staaten. Dabei bringt er paradoxe Tendenzen ans Licht. Die lettische Volksfront wandte sich 1988 gegen den von Moskau geplanten Bau einer Metro in der Hauptstadt Riga. Die Letten fürchteten, dass dadurch neue russische Gastarbeiter in die Sowjetrepublik strömen und damit die lettische Nation noch mehr bedrängen würden. Bis heute hat Riga keine Metro.Zygar weist nach, welch zentrale Position der Ukraine in den politischen Projekten der frühen 1990er Jahre zukam. Michail Gorbatschow hoffte bis zuletzt, als Präsident einer redimensionierten Union vorstehen zu können. Jelzin wollte einer solchen Union nur zustimmen, wenn auch die Ukraine teilnehme. Diese hatte aber bereits in einem Referendum mit überwältigender Mehrheit für die staatliche Unabhängigkeit gestimmt.Die Richtungskämpfe in der späten Sowjetunion wirken bis heute nach. Politik ist in den Augen vieler Russen ein schmutziges Geschäft, in dem sich Korruption, Vetternwirtschaft und Herrschaftssucht vermischen. Einen demokratischen Rechtsstaat hat Russland in den vergangenen Jahrzehnten nicht gekannt. Mikhail Zygar bringt seine eigene Erfahrung auf den Punkt: Der Prager Frühling wollte einen «Sozialismus mit menschlichem Antlitz» schaffen, Putin hat diese Formel pervertiert in einen «Kapitalismus ohne menschliches Antlitz».Mikhail Zygar: Die Zukunft, die nie kam. Wie der Zerfall der Sowjetunion bis heute nachwirkt. Aus dem Englischen von Norbert Juraschitz. Aufbau-Verlag, Berlin 2026. 830 S., Fr. 49.90.Passend zum Artikel